Springe zur Navigation

Auf dem Totenacker ist die Hölle los

Premiere im Fitz: „Der Friedhof“ vom Stuttgarter Ensemble Materialtheater
erschienen am 25.10.2016 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Eine Mischung aus Objekttheater, Schauspiel und Erzählung, der es manchmal an Spannung fehlt.Die Besetzer schippern im Boot, das aussieht wie eine Pappschachtel, einer ungewissen Zukunft entgegen.

Stuttgart – Plötzlich kehrt auf dem Friedhof Leben ein. Der Ort der Stille und der Trauer wird auf einmal laut und fröhlich. Fremde haben dort vor der Katastrophe Zuflucht gefunden und richten sie häuslich ein: Tomaten werden gezogen, zwischen den Kreuzen flattern Windeln, eine neue Friedhofs-Ordnung wird hergestellt. Auf der anderen Seite herrscht Befremden; die Toten fühlen sich gestört. Die Bürokraten pochen auf ihre Gesetze und die sagen: kein Leben auf dem Gottesacker. Das Stuttgarter Ensemble Materialtheater setzt in „Der Friedhof oder Das Lumpenpack von San Christóbal“ sehr vorsichtig das Fremde auf den Prüfstand. Unter der Regie von Alberto Garcia Sánchez werden Befindlichkeiten subtil austariert. In dem etwas behäbigen Stück, das jetzt im Fitz Premiere hatte, geht es um Akzeptanz und Toleranz und darum, dass das Denken gelegentlich die Richtung wechseln muss.

Die zeitgenössische Parabel hat die Flüchtlingsproblematik der Gegenwart im Blick, als literarische Basis aber dient eine Erzählung von Pere Calders aus den 60er-Jahren. Der katalanische Autor war während des spanischen Bürgerkriegs selbst 23 Jahre im mexikanischen Exil. Entstanden ist eine schöne, aber manchmal zu ruhige Mischung aus Objekttheater, Schauspiel und Erzählung, der es dadurch an Spannung fehlt. Das Lumpenpack erzählt in poetischen Bildern vom Schicksal Schutzsuchender. Obwohl das Stück auf die aktuelle Fluchtbewegung zielt, bleiben den Zuschauern Schreckensbilder erspart. Das Publikum kann selbst Analogieschlüsse auf die erschreckende Wirklichkeit ziehen.

Die kleine Gruppe Heimatloser richtet sich ein Leben auf dem Friedhof ein. Es ist der einzige Ausweg aus dem miserablen Leben. Es ist trocken, die Mausoleen bieten Schutz und auf dem guten Humus gedeihen die Paradeiser ganz prächtig. Der Friedhofswärter ist gutmütig und drückt ein Auge zu. Er ist einer von ihnen. Er kennt die Verzweiflung, die Armut hervorruft. Auf drei rollbaren Tischen haben die bürokratengrau gekleideten Figurenspieler Sigrun Kilger, Annette Scheibler, Sascha Bufe und Daniel Kartmann die Friedhofswelt installiert. Die Gestrandeten sind weiche Kegelfiguren ohne Arme, Lumpengesindel, das sich im Paradies wähnt. Sie kochen, sie machen Liebe und Scherze über das Sexleben von Skeletten. Die Kinder bekommen Matheunterricht nach den Regeln der Ärmsten: „zu wenig Tomaten plus eine Tomate = lecker“. Das ist originell und lässt schmunzeln ebenso wie über die moralische Frage, ob man in einer Grabstätte einen Friseurladen eröffnen darf. Weshalb das Publikum immer wieder in wieherndes Gelächter ausbricht, bleibt schleierhaft, auch wenn manche Szenen so poetisch überfrachtet sind, dass sie leicht kitschig geraten, wie die schwebenden Seelen der Toten, von denen eine auch noch Flaschengeist spielt.

Nicht alle Bürger von San Chris­tobál sind so tolerant wie der hinterbliebene Arzt, der im Mausoleum seiner Mutter eine Krankenstation einrichtet und nun endlich eine Gemeinschaftspraxis mit der geliebten Mama hat. Oder die Frau, die freudig erkennt: „So sauber war es hier noch nie.“ Sogar die Toten haben sich arrangiert. Der Bürgermeister und die Bürgerwehr („nichts Politisches, wir sind nur besorgt“) finden, dass auf dem Totenacker die Hölle los ist. Der Verwaltungschef lässt räumen: Gesetze müssen eingehalten werden. Die Besetzer kommen in ein Boot, das aussieht wie eine Pappschachtel, und schippern einer ungewissen Zukunft entgegen – da tauchen dann doch grausame Bilder vor dem geistigen Auge auf.

„Der Friedhof“ ist der erste Beitrag des vierteiligen Zyklus, „Heimweh nach der Zukunft“. Für die Realisierung des Projekts hat das Ensemble Materialtheater zum dritten Mal die Konzeptionsförderung der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg bekommen.