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Ein Tuch aus Leinen wird zum Weltall

erschienen am 03.05.2005 in Fürther Nachrichten
von Claudia Schuller

“Da Gandalfs Kopf jetzt heilig ist, lasst uns einen anderen finden, den zu spalten richtig ist!“, ruft Zwergenkönig Gimli in Tolkiens “Herr der Ringe“. Diese Idee hat sich das Figurentheater Wilde & Vogel aus Stuttgart zu Eigen gemacht: Einerseits zerlegen sie die Figur des großen Zauberers Gandalf, andererseits nutzen sie den fidelen, frechen Gimli, um Witz in ihr Stück “Der Hobbit oder Dorthin und wieder zurück“ zu bringen.

Immer ausgehend von Bild und Klang als Urgrund beleben Michael Vogel und Florian Feisel den Bühnenraum, lassen die phantastischen Welten entstehen, die alt und jung an der berühmten Vorlage so lieben. Der riesige Gandalf holt den winzigen Hobbit Bilbo Beutlin in seiner kuscheligen Höhle ab, damit der auf eine Abenteuerreise geht. Mit dabei: der Zwerg, doppelt so groß wie Bilbo, denn ihm ist das Gold abhandengekommen, das der Hobbit zurückholen soll. Wie es sein muss, bekommen die drei Gefährten es mit Riesentrollen, Orks und Spinnen zu tun. Auch die sagenhaften Elben, der bleiche Gollum und der tödliche Drache Smaug treten auf.

Die Auenland-Geschichte, die Wilde & Vogel erzählen, ist im Grunde der Vorspann zum Kinofilm. Denn Bilbo, den im Kino Sir lan Holm verkörpert, ist der vorherige Ringträger, ohne viel von dessen Macht zu wissen, der seinem Adoptivsohn Frodo den Ring übergibt. Ein riskantes Unterfangen, als kleines Figurentheater gegen die Filmmaschinerie von Regisseur Peter Jackson anzutreten. Aber Vogel und Feisel haben nicht nur ihre schier unerschöpfliche Kreativität zur Verfügung, sondern auch ihre Körper. Wie sie Raum und Material einsetzen und die selbst hergestellten Theaterpuppen zum Leben erwecken, ist furios.

Beseelte Dingwelt

Ein Leintuch wird zum Weltall oder zum See, ein anderes Tuch mit Kopf und Haaren zum Zauberer Gandalf, eine Handpuppe, von oben angestrahlt, zum wackeren Hobbit. Um die kleine Figur ins rechte Licht zu rücken, tragen Vogel und Feisel Lampen wie Bergarbeiter an der Stirn. Mal spielen sie mit ihren Puppen, mal schlüpfen sie in die Rollen. Charlotte Wilde tritt mit ihnen in einen musikalisch-bildnerischen Dialog, entlockt ohne übertriebene Effekte ihrer Geige und Gitarre live ungewöhnliche, sphärisch-suggestive Klänge und treibt die Handlung voran. Rasch erweist sich, dass der mehrdimensionale Einsatz von Stoff, Figur, Licht und Musik mehr zu erreichen vermag als das platte Medium Film. Die Einbildungskraft will Platz haben und nicht alles vorgekaut bekommen.

Ohne Knalleffekte

Bald ist das Publikum dankbar, dass Wilde & Vogel die Effekte so sparsam einsetzen, um die zarte Schönheit ihrer Fabel zu betonen. Da braucht es keine martialischen Schlachten, die bleiben wohltuend abstrakt und unblutig hinter dem Leinentuch verborgen und spielen sich nur als Wellen zwischen Lichtflecken ab. Dafür singt der Zwerg umso lustiger und schräger im Stil des legendären Seehundes in “Urmel aus dem Eis“ von den Augsburger-Puppenkisten-Kollegen. Die Bühnenkunst besteht eben darin, das Wesentliche zu zeigen, – so wie der Drache Smaug nur aus Augen besteht. Wer die verschiedenen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten so gekonnt vereint und so perfekt zusammenspielt wie das Hobbit-Team, lässt damit selbst Hollywood im Regen stehen. Nicht nur Familien waren im ausverkauften Kulturforum begeistert, deren Kinder eifrig verglichen, was sie erkannten, swondern auch viele Erwachsene.