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Kein Löschblatt passt dazwischen

Antje Töpfer setzt im Fitz mit ..3 Akte" einen Meilenstein des Materialtheaters
erschienen am 19.01.2016 in Ludwigsburger Kreiszeitung
von Arnim Bauer

Papier – es sei geduldig, sage» manche, andere denken bei dem Begriff sofort an böse Dinge wie Papierkrieg, Formulare, Behörden- oder Bankenärger. Positiv gestimmtere Zeitgenossen mögen an Lehrbücher und schöne Schriften denken, der Aktualitätsjunkie auch an die Tageszeitung und der Romantiker an den Liebesbrief.

Aber Papier kann noch viel mehr, wie Antje Töpfer, die eigenwillige Figurentheaterspielerin, seit dem Studium in Stuttgart ansässig, in ihrer neuen Produktion „3 Akte – Das stumme Lied vom Eigensinn“ zeigt. Denn bei ihr wird das Papier zum künstlerischen Material, welches sie als Partner für ihre Performance zu so etwas wie Leben erweckt. Ob sie nun einen riesigen Papierkreis als Spielfläche entrollt. ob sie sich unter dem Papierberg eingräbt, ihm durch die eignen Bewegungen Leben einhaucht. ob er in seinem widerborstigen Mantel samt der Spielerin verschwindet, diesem Halt und Form gibt oder ob sich fernöstliche Papierfaltkunst mit sehr europäischen Formen der Darstellung vereinigt, für Spannung ist in jedem Falle gesorgt.

Grenzen des Materials erweitert

Aber nicht nur das. Es zeugt von einer großen Meisterschaft in dem unendlichen Feld des Materialtheaters, mit welcher Souveränität Antje Töpfer hier ihr Material auslotet, seine und ihre Grenzen erweitert, wie sie sich auf eine einzige Ebene mit der dinglichen Materie begibt und manchmal sogar eins wird mit diesem Material. Ob nun noch andere Elemente wie ein Schädelskelett eines Huftieres ins Spiel kommen, oder ob die Performerin selbst in Rollen schlüpft, die die Ungewöhnlichkeit ihrer Arbeit noch hervorkehren. Überraschungen sind an diesem Abend jede Sekunde zu erwarten. Wobei Töpfer eben nicht nur sensationssüchtig neue Wege geht, sondern dabei auch noch schön und ruhig erzählt. Die Geschichten, die sich da vor dem geistigen Auge der gefesselten Betrachter auftun, lässt ihnen Raum, das Geschehen auf der Bühne für sich zu interpretieren und einzuordnen. Dies zeigt geradezu exemplarisch. welche grenzenlosen Möglichkeiten diese Form des Theaters bietet.

Die Bühne gekehrt

Nicht zu vergessen sind Musik und Percussion von Christoph Mäcki Hamann, der live seinen Part vom Bühnenrand aus beisteuert. Und auch die Regie von Stefanie Oberhoff, auch einer Meisterin des Genres, ordnet wohl letzte ungewollte Ungereimtheiten, die sich aus dem durchaus vorhandenen Eigensinn des Materials und dem der Spielerin ergeben könnten.

In jedem Fall hat Antje Töpfer, auch wegen ihres lockeren und fast werkstattmäßigen Umgangs mit ihrer Performance, hier einen Meilenstein gesetzt, ihr Metier bis in feinste Verästelungen ausgeleuchtet, so dass am Ende die gesamte Darbietung so sauber ist wie die Bühne. Zum Auftakt kehrt sie diese nämlich mit Hingabe und zeigt damit, dass eigentlich auch noch der Kehricht Material ist, das seine Geschichte erzählt.

Vielleicht sollte man gar die landestypische Kehrwochen-sucht unter diesem Aspekt betrachten.