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Magische Falten

„3 Akte“ mit Antje Töpfer im Figurentheater Fitz
erschienen am 16.01.2016 in Stuttgarter Nachrichten
von Brigitte Jähnigen

Die Poesie des Materials Papier: In Origami(ori = falten, kami = papier)-Technik geformt, inszenieren seine Falten, Brüche, Räume ein faszinierendes Spiel von Licht und Schatten, kann sich eine Skulptur in unendlichen Metamorphosen verändern. Antje Töpfer, die Zauberin am Donnerstag im Stuttgarter Figurentheater Fitz, bringt Papier zum Atmen: ein Schöpfungsprozess, musikalisch behutsam illustriert von Christoph M. Hamann.

Immer mehr, so denkt die Stuttgarter Figurenspielerin im Prolog der Produktion „3 Akte“ laut nach, gehe es in ihren Arbeiten um Reduktion, um die Essenz. „Das ist nicht nichts“, kommentiert sie und fegt Papierschnitzel, Glitzerreste und Moltonfussel mit dem Besen zusammen. Es sind Erinnerungen an frühere Inszenierungen. Gedanken melden sich, die sie zu neuen Arbeiten inspirieren. Ein zeltartiger, hochgeschlossener Mantel zum Beispiel, das Material „vom türkischen Markt in Kreuzkölln“, mit dem sie in einen skurrilen nonverbalen Dialog tritt. Und dann ein japanisches Kanji, das sie mit feuchtem Lappen auf den Boden schreibt, sich still hinsetzt, die Stille auf das Publikum überträgt. Dann sehen alle dem Zeichen beim Verschwinden zu. Optisch ist das Kanji weg, im Bewusstsein bleibt es.

Nichts vergeht. Die Inszenierung von Stefanie Oberhoff befasst sich mit dem Eigensinn des Materials und der Künstlerin. Ästhetischer Höhepunkt ist der dritte Akt, wenn sich der Entwicklungsprozess des Materialformens verfolgen lässt. Wie durch das über 2000 Jahre alte künstlerische Handwerk (zuerst in China, dann in Japan) des Faltens von Papier aus dem scheinbaren Nichts ein Kosmos an Möglichkeiten entsteht – darin liegt neben dem schauspielerischen Moment eine große Faszination für Menschen in der materiellen Überflussgesellschaft. Anschauen!