Stuttgarter Nachrichten, 29.03.04
"Das Konzert" im Fitz.
Er präludiert mit vergeistigtem Gesichtsausdruck auf dem Klavier. Sie wiegt beseelt den Oberkörper, erwartet ihren Einsatz auf der Flöte. Dann der Schock bei den Clowns mit den feuerroten Haarschöpfen: Trotz stärksten Atemdrucks bleibt das Instrument stumm. Ein "Galgenkind" hat sich darin eingenistet, verwehrt jedem Ton den Ausgang.
"Das Konzert", so der Titel des heiter-ironischen Christian-Morgenstern-Abends von Frauke Jacobi und Tobias Rank, besteht neben einer Fünf-Sekunden-Pause aus zwölf Sätzen. Überschrieben sind sie etwa mit Locktauber, Robbenbär und Zehenbär" für Gitarre, Klavier und Schütteleier. Die Hommage der Figurenspielerin und des Pianisten aus Halle zum 90. Todestag des Dichters gefällt allein schon wegen ihrer Musikalität. Ranks melancholisch verspielte bis swingende Kompositionen lassen, punktgenau auf Frauke Jacobis Spiel abgestimmt, Morgensterns Übermutsfiguren und seine Gedankenakrobatik zauberhaft Gestalt annehmen. Dem Schlittschuh fahrenden Seufzer, einem Herzmund aus kirschrotem Schaumstoff, schmilzt als Folge seines hitzigen Liebesfurors das Eis unter den Kufen; wie aus dem Nichts erwacht ein Knie der Spielerin zum Eigenleben: In einer der besten Szenen der Aufführung wird es, "heil, als wär's ein Heiligtum", als Rest eines im Krieg Erschossenen zum Gesicht und stürzt sich in einen wilden Todestanz.
Horst Lohr
Ludwigsburger Kreiszeitung, 29.03.04
Ein Christian-Morgenstern-Abend der etwas anderen Art im Stuttgarter Fitz
Stuttgart - Konzertprobe, aber warum funktionieren die Instrumente nicht? Absonderliches und Skurriles passiert da auf der Bühne des Fitz, wenn Frauke Jacobl und Tobias Rank Ihren Christian-Morgenstern-Abend zeigen.
Um es gleich zu sagen: Es ist viel mehr als nur ein Morgenstern-Abend. Klar, die absurden, witzigen, verqueren Gedichte dieses künstlerischen Vorfahrens eines Robert Gernhardt bilden so etwas wie den roten Faden durch diese Aufführung. Aber durch das Spiel der beiden entsteht eine eigenständige Performance, die zwar den feinen Humor Morgensterns unterstreichen, die ihn aber auch in einer eigenwilligen Form interpretieren.
Mit allem, was zum modernen Figurentheater zählt, geht Frauke Jacobi, von Tobias Rank bestens und nicht nur am Klavier unterstützt, ihre Sicht auf Morgenstern an. Mal spielt sie einfach Personentheater, im Stile einer Art Clowntheaters, dann kommen Puppen zum Einsatz, dann wird sie selbst zur Figur. So reiht sich ein Satz dieses mit voller Absicht völlig verunglückten Konzertes ans andere. Diese Sätze heißen nicht umsonst Jaguar, Zebra, Nerz, Mandrill, Maikäfer oder Pony, auch hier werden einfach die Monatsnamen verballhornt.
Jacobi scharrt einen eigenen Zugang zu Morgenstern, nimmt seine Verse als Fixpunkt und Orientierung für eigenständige Grotesken. Sie tut das aber auch immer im Geiste des Dichters, vermeidet jeden Klamauk und veredelt so die mit einem Schuss querdenkerischer Melancholie ausgestatteten Verse mit ihrem gelungenen Spiel.
KULTUR, April 04
Christian Morgenstern - Dichter des Skurrilen, Spaßmacher auf hohem Niveau, Nach-und Um-die-Ecke-Denker, Wortdrechsler. Man kann ihn rezitieren. Man kann ihn erzählen. Kann man ihn auch auf die Bühne bringen? Man könnte immerhin um seine Verse herum ein Theaterstück bauen: Das haben die Figurentheaterspielerin Frauke Ja-cobi und der Musiker Tobias Rank im FITZ getan. Ein wenig Musik, ein bißchen Clowntheater, dazu gespielte und rezitierte Morgenstern-Verse, so entsteht ein Abend, der vielleicht dem einen oder anderen Zuschauer eine neue Sicht auf den Dichter vermittelt. Ausgehend von einer Konzertprobe, bei der offensichtlich fast gar nichts klappt, bei der immer wieder Fischgebilde aus Instrumenten und Transportbehältnissen geborgen werden müssen, entwickeln sich Szenen, mal eher tragisch, manchmal einfach lustig in ihrer Absurdität.
Frauke Jacobi arbeitet dabei mit der ganzen Bandbreite dessen, was man unter modernem Figurentheater versteht. Manchmal spielt sie mit Puppen die Szenen, dann wird sie selbst zur Figur, verschwindet beispielsweise unter einem Akkordeonkoffer und ist die Schildkröte bei Morgenstern, dann wird es wieder personales Theater. Querbeet, die Grenzen zwischen den Genres souverän mißachtend, spielt sie sich mit ihrem Partner Tobias Rank (der weit mehr beizutragen hat als nur sein Klavierspiel) durch Morgenstern und seine Welt.
Eins der Hauptmerkmale dieser Aufführung: Immer kommt der nachdenkliche, sinnierende, eher bedrückende Aspekt der Verse zum Ausdruck. Vor allem wird die Dichtung Morgensterns mit großer Sensibilität ernstgenommen, als Kleinod behandelt. Und damit wird man diesem Poeten in hohem Maß gerecht.
Gerecht wäre es allerdings nicht, würde man nur von einem Morgenstern-Abend sprechen. Seine grotesken Geschichten bilden zwar den roten Faden dieser Aufführung, aber es sind so viele eigene Ideen in dieser Arbeit, dass ein eigenständiges Stück - weit mehr als bloße Interpretation - dabei entstanden ist. Wie in einem Vexierspiegel wird das Groteske der Verspointen nochmals verzerrt, in ein anderes Licht gerückt, illustriert und interpretiert. Und da dies mit hohem Können umgesetzt wird, kommt eine insgesamt schlüssige Aufführung heraus, die für den Zuschauer allerdings gelegentlich und auf den ersten Blick wirr erscheinen mag.