
Südkurier, 12.10.09
„Orlando" im Häfler Kiesel
Wie wenig es doch braucht, um auf faszinierende Weise in nur 90 Minuten alles zu er zählen, was in den 459 Jahren seit 1550 geschehen ist, inklusive gesellschaftlicher Umbrüche und der hyperbiografischen Travestie von Virginia Woolfs Romanfigur „Orlando": Ein paar alte Wolldecken, zwei, drei Puppen, diverse historisch anmutende Kostümfetzen und - ganz wichtig: Anne-Kathrin Klatt. Ohne diese wunderbar präzise Puppen- und Schauspielerin hätten am Freitagabend im Kiesel alle Requisiten weiter ihr lebloses Dasein gefristet.
Sie hat ihren Körper der jugendlichen Figur des 16-jährigen Orlando geliehen. Aber noch viel mehr: Sie verwandelte auch den großen Klumpen grauer Armeedecken so glaubhaft in den feisten Körper der greisenhaften, aber ausgesprochen lüsternen Königin Elisabeth, dass die Zuschauer im Kiesel lachend schauderten, als der Jüngling Orlando in der wollüstigen Masse untertauchte. Kurz darauf fröstelten dieselben Beobachter, weil die Wolldecken sich in Eisklumpen auf der reißenden Themse verwandelt hatten. Orlando, als Ex-Geliebter der verstorbenen Königin nicht nur jung, sondern auch reich geworden, landete bei den Frauen. Nur die moskowitische Prinzessin Sascha hat sich seinem Werben furios entzogen. Mit einem Fuchspelz um den Kopf gewickelt, fegte die große Mime durch alle Stimmlagen der russischen Seele. Orlando, gelangweilt, fing an rauschhaft Dutzende Bände mit belangloser Dichtung zu füllen, während seine eigene Biografie von einer Stimme aus dem Off erzählt wurde. Aber nur so lange, bis eine dürre Figur mit altjungferlicher Mine und gepunktetem Faltenrock die Bühne in Manier der Ravensburger Puppenkiste betrat. Die etwa ein Meter große Virginia Woolf, deren hölzerne Hakennase von einem leicht verfilzten Pagenkopf eingerahmt schien, nahm seelenruhig den Fünfuhrtee und begleitet dann am Bühnenrand, als Biografin, die grandios umgesetzte Verwandlung Orlandos in eine Frau.
Im Roman muss Orlando dafür sieben Nächte schlafen, Anne-Kathrin Klatt brauchte auf der Bühne nur sieben Minuten. Dann war der Gips auf ihrem nackten Körper trocken und gab bröselnd die Frau darunter preis. Die Verwandlung bereitet Orlando Mühe, widerstrebend, wie die Geigen klänge, die jetzt aus dem Off ertönten, kroch sie in ein zartes, hautfarbenes Kleid und damit in ihre Weiblichkeit. Grad so, als wüsste sie um das dringliche Werben des alten Herriet, der als Gummifrosch an zwei Schnüren an ihrem Dekollete buhlte und um Seemann Marmaduke, den sie auf der Suche nach dem Leben erst heiratete und dann am Kap. Hörn verlor. Angekommen im Heute, werden Zeilen, die Nicholas Green einst noch von Orlandos Hosenladen aus verspottet hatte, zu beachteten Werken. So wie Klatts Vorstellung, die im Kiesel mit Beifall stürmen belohnt wurde.
ANDREA FRITZ
Stuttgarter Zeitung 04.10.08
Ein Roman von Virginia Woolf wird fürs Figurentheater adaptiert: „Orlando"-Premiere im Fitz
Von Cord Beintmann
Am schönsten ist Theater, wenn man nicht viel denken muss, sondern einfach nur hinschaut. Wenn auf der Bühne etwas geschieht, das berührt, amüsiert oder einen mächtig fortzieht von Szene zu Szene. In „Orlando", der neuen Produktion von Anne-Kathrin Klatt im Fitz, ist jedes Bild unvorhersehbar. Man sieht ein nacktes Bein, gegen eine Wand gestemmt. Oder eine graue Filzdecke, die langsam entrollt wird und sich als unerhört lang erweist, mindestens zwanzig Meter. Oder aber es taucht eine sehr anziehende Russin mit Pelzkappe und Rollschuhen auf, die einen unsichtbaren Liebhaber in einem ulkigen Russisch-Kauderwelsch umgurrt.
Jutta Schubert (Regie) hat den Text der Produktion nach dem Roman „Orlando" von Virginia Woolf entwickelt. In ihrer parodistischen Biografie erzählt Woolf das Leben eines jungen Mannes, der 1570 geboren wird und 1928 erst dreißig Jahre alt ist. Anne-Kathrin Klatt spielt Orlando zu Beginn als putzigen jung-Macho mit rötlich-britischer Plüschfrisur, der sich unbedarft durch die Frauenwelt liebt. Seine Gigologeschichte wird von einer Stimme aus dem Off erzählt, die plötzlich auf der Bühne selbst ertönt, aus dem Mund einer etwa meterhohen Puppe: Virginia Woolf mit sauertöpfischer Miene, steifer Handtasche und blickdichten Strümpfen.
Nonchalant und witzig verknüpft Schuberts Inszenierung den Roman mit der püp-pisch präsenten Person der Autorin. Zentrum der Geschichte ist Orlandos überraschende Verwandlung in eine Frau, und diese Szene ist grandios geraten. Anne-Kathrin Klatt bedeckt ihren nackten Körper mit einer Art Paste, schüttelt die getrocknete Umhüllung ab und wird weiblich. Dann greift sie zu einem Kleid, streift es sich über, und es wird deutlich, dass es eine Geschlechtshaut ist. Die dichteste Szene des Stücks. Dazu ertönen sperrige Geigenklänge (Musik: Klaus Rother).
Mit seiner neuen Existenz als Frau kommt Orlando nicht zurecht, geht mit Mühe, kriecht gar auf dem Boden. Zwischen Frauen und Männern liegt ein Graben, das wird hier gezeigt. Orlando stürzt in ein Dasein als plapperndes Gesellschaftsfrauchen. Ein alter, reicher Mann will sie haben. Auf der Fitz-Bühne ist er ein winziger grüner Frosch, von Klatt an zwei Fäden geführt und eklig an ihrem Körper emporglibbernd.
Figurentheater kann von erbarmungsloser Radikalität sein. Und es arbeitet mit Material. Auf der Bühne liegen Decken, die mal Bett, mal Kuschelunterlage, mal Eis sind. Stefanie Oberhoff (Ausstattung) hat sich aufregende Gegenstände für die Bühne und wundervoll sprechende Kostüme ausgedacht. Figurenthater ist kein Texttheater, sondern ein Theater der Dinge. Das zeigt diese mitreißende Produktion beispielhaft.
Stuttgarter Nachrichten, 04.10. 2008
Anne-Kathrin Klatt im Fitz
Ein blondgelockter Jüngling in Pluderhosen ficht mit einem Zweig wild gegen einen von der Decke baumelnden Tuchklumpen: Der 16-jährige Möchtegern-Draufgänger tollpatscht einen Männlichkeitsritus. Orlando heißt der junge Aristokrat, genau wie die Produktion der Stuttgarter Figurenspielerin Anne-Kathrin Klatt.
Sie hat Virginia Woolfs 1928 erschienenem gleichnamigen Roman fürs Figurentheater adaptiert, eine literarische Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, bei der die Helden im Laufe einer im 16. Jahrhundert beginnenden, 400 Jahre langen Zeitreise vom Mann zur Frau mutieren.
Wie fühlt sich Leben an?, lautet die zentrale Frage der gut besuchten Aufführung im Fitz, die am Donnerstag Premiere hatte. Der Abend gefällt vor allem deshalb, weil er Virginia Woolfs feine Ironie gut trifft. Und auch wegen der Harmonie, die Regisseurin Jutta Schubert zwischen ihrer Textfassung, Klaus Rothers bildhafter Musik und Anne-Kathrin Klatts präzisem Spiel zu schaffen versteht.
Insbesondere das Gespür der Darstellerin, mit wohldosierter Komik auch im Groben das Verletzliche aufzuspüren, macht das Geschehen im Fitz zum Vergnügen. Da wird ein Berg rauer Armeedecken (Ausstattung: Stefanie Oberhoff) zum massigen Körper der betagten Königin Elizabeth I. - in einem letzten Furor von Liebessehnen verschlingt er den jungen Orlando. Doch der flüchtet sich ins Dichten, dilettiert mit Dramen, Prosa und Gedichten. Bis der Schriftsteller Nicholas Greene als Püppchen aus seinem Hosenlatz kriecht und ihn wegen seiner banalen Schreiberei verhöhnt.
Eindrucksvoll gelingt Klatt Orlandos Verwandlung in eine Frau: Unter der Gipsmaske auf dem nackten Körper verbirgt sich das neue Wesen. Seine ersten krampfhaft-staksigen Schritte lassen die feuchte Masse in dicken Tropfen zu Boden platschen. Als Frau wird Orlando in die hohlen Adelskreise im prüden England des 19. Jahrhunderts katapultiert - verfolgt von einem aus ihrem Busen quellenden Frosch. Unter dessen Haut verbirgt sich indes kein verwunschener Prinz, sondern lediglich ein nach der Wärme weiblichen Fleisches gierender seniler Herzog.
Ludwigsburger Kreiszeitung, 4.10.08
„Orlando" als gelungene illustrierte Erzählung im Stuttgarter Figurentheater
Stuttgart - Virginia Woolfes Roman „Orlando" liefert die Vorlage zu Anne-Kathrin Klatts gleichnamigen Figurentheaterstück, das im Fitz seine Premiere feierte.
Der Roman erzählt die abenteuerliche Geschichte des Orlando, der die Epochen vom 16. bis ins 20. Jahrhundert hinein durchlebt und vom Mann zur Frau mutiert. Woolf selbst bezeichnete den Roman als leicht, aber auch als den „längsten und charmantesten Liebesbrief der Welt", den sie an ihre Freundin, die Dichterin Vita Sackville-West richtete.
Der Orlando des Stückes erlebt das Leben eines mittelalterlichen Jünglings, man sieht ihn fechten, man erfährt von seinem Leben, von seinen Versuchen als Dichter. Man erlebt die Wandlung zum Weiblichen, die Beschränkungen und Gängelungen der Frauen in der viktorianischen Zeit. Am Ende sitzt eine moderne Frau am Laptop und schriebt als erfolgreiche Dichterin die Worte, die ihr als Jüngling Orlando von Literaten um die Ohren gehauen wurden.
Eine unterhaltsame Performance, die sich tief in den Roman hineinfindet. Dabei ist das Bühnenspiel von Anne-Kathrin Klatt eine treffende Illustration der Texte, die meist aus dem Off vorgetragen werden. Anders wäre der Stoff wohl schwer für die Bühne zu adaptieren.
Aber das Vorhaben gelingt vorzüglich, die Musik von Klaus Rother, die Ausstattung von Stefanie Oberhoff tun ein Übriges, um die Inszenierung unter der Regie von Jutta Schubert erfolgreich zu machen. Lediglich die Lichtregie von Doris Schopf scheitert daran, dass sie sich zu eigenständig profilieren will, zu sehr in den Vordergrund schiebt.