Esslinger Zeitung, 19.04.2010
Kafkas „Verwandlung“ mit dem Figurentheater Maren Kaun im Stuttgarter Fitz
Von Petra Bail
Stuttgart - Ein Handlungsreisender wacht eines Morgens auf und sieht sich in einen Käfer verwandelt. So beginnt Franz Kafkas Erzählung, „Die Verwandlung“, aus dem Jahr 1915. Darin schildert er die surreale Metamorphose von Gregor Samsa zum Ungeziefer. Das Figurentheater Maren Kaun hat in der Regie von Frank Soehnle aus dem schweren Stoff eine leichte Inszenierung gemacht, die jetzt am Stuttgarter Fitz Premiere hatte. Den Mannheimern ist es gelungen, den bitteren Witz dieser abstrusen Erzählung aus den bedeutungsschwangeren Interpretationsversuchen herauszulösen und in eine spielerische Form zu bringen. Dafür gab es von den Premierengästen viel Applaus.
Aberwitziger Prolog
Im Foyer stimmt die kleine, aberwitzige Ausstellung von Alex Knüttel (Ausstattung) mit allerlei Gewürm, madenartigen Kreaturen mit menschlichen Fingernägeln und Augen, Riesenfliegen und Röntgenbilder von Insekten mit menschlichen Skeletten auf das Zwitterwesen ein, das gleich auf der Bühne für einen bei Kafka selten erlebten Zustand jenseits aller Bedrückung sorgen wird. Es ist einerseits zwar eklig, wenn Maren Kaun Gregor Samsa als Riesenmade zeigt, aber es hat auch eine absurde Komik. Die Figurenspielerin verzieht das Gesicht zu grotesken Grimassen, in entschlossener Verzweiflung, die Schmerzen der Verwandlung zu ignorieren.
In 60 kurzweiligen Minuten wird die ganze komplexe Geschichte erzählt, die sich im Hause Samsa abspielt. Die Zimmer bestehen aus übereinandergeschachteltem altem Mobiliar - Kästchen und Kisten, die mit transparenten Vorhängen wie aus Omas guter Stube für eine verstaubte Muffigkeit sorgen. In diesem gutbürgerlichen Trödel-Terrarium regiert das diffuse Halbdunkel des problematischen Plots. Eine Kerze sorgt für wenig Erleuchtung, kleine Lämpchen schaffen eine eher gespenstische Atmosphäre, in der die kleinen, graugesichtigen Kreaturen in selbstsüchtiger Schamlosigkeit vegetieren.
Vater, Mutter und Schwester des Mutanten empfinden den Zustand des einstigen Familienernährers zunehmend als Last, die es abzuwerfen gilt. Eine Kafka-Karikatur mit Hasenohren, Glubschaugen und Knollennase auf dem imaginären Altar für das ehemals menschliche Wesen sorgt für Erheiterung beim Publikum.
„Man muss es loswerden“
Die Untermietergemeinschaft, eine bizarre dreiköpfige Medusenfigur, kündigt, „pfui, pfui, pfui“, wegen widerlicher Verhältnisse. Schließlich manifestiert die geliebte Schwester den Familienwillen in dem lapidaren Satz: „Man muss es loswerden“. Als Zuschauer fühlt man mit dem bedauernswerten Wesen, das die Notwendigkeit des eigenen Verschwindens inzwischen selbst empfindet, und betrachtet es als Sinnbild der vielen verstümmelten oder fragmentarischen Lebensformen, die es auf der Welt gibt.
Am Ende verkündet die Haushälterin mit weichem, österreichischem Dialekt den Vollzug: „Es ist krepiert, ganz und gar krepiert.“ Das Leben der Samsas kann endlich wieder seinen normalen Gang gehen. Von Trauer keine Spur.
Ludwigsburger Kreiszeitung, 17.04.2010
Kafkas „ Verwandlung" als Figurentheater
Stuttgarts- Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung" bildet die Grundlage zu Maren Kauns Figurentheaterinszenierung, die im Fitz Premiere hatte. Die Übertragung der novellenartigen Vorlage in die Sprache des Figurentheaters ist gelungen.
Von Arnim Bauer
Es geht um die Verwandlung des Gregor Samsa, Sohn und einziger Ernährer seiner Familie. Eines Morgens erwacht der Handelsvertreter und findet sich in der Gestalt eines käferartigen Insekts wieder. Das Erschrecken der Familie und anderer Personen, die langsame Entfernung vom einst umsorgten Sohn, der wachsende Ekel vor dem Ungeziefer, der Verlust von Wertschätzung, aber auch von allen Skrupeln zeigt die Geschichte bis zum Tod von Gregor, als sich die Familie endgültig von ihm abwendet.
Maren Kaun spielt das Stück -teils den Text selbst live sprechend, teils vom Band zuspielend - in einer Art Puppenstube aus alten Tischchen, Kommoden und Fächern mit Türen, die sich öffnen und schließen. Alleine das Ambiente dieser biedere meisterhaften, bürgerlichen Spießigkeit bietet schon eine wunderbare Kulisse für das Treiben ihrer etwa 30 Zentimeter hohen Handfiguren, die stilistisch ebenso passen wie das Outfit der spielenden Künstlerin selbst.
Natürlich ist Figurentheater auch ein wunderbares Medium, um die Insektenfigur, die in unterschiedlichen Auftritten variiert wird, sehr plastisch zu zeigen. Erzählung und Darstellung des Schicksals von Gregor Samsa sind spannend. Die eigentliche Horrorgeschichte bereitet Vergnügen. Besonders gelungen ist die Verbindung von Kafkas Sprache mit dem Geschehen auf der Bühne. Dazu kommen noch viele kleine Spielereien: Die unterschiedlichsten Lämpchen werden an- und ausgeknipst - je nachdem, in welchem Raum des Puppenhauses gerade gespielt wird.
Alles passt in dieser Inszenierung von Frank Soehnle, auch die Musik und all die kleinen Ideen, die der Aufführung Leben einhauchen, welches das Sterben des Gregor Samsa noch plastischer macht.
Stuttgarter Nachrichten, 17.04.2010
Frank Soehnles klasse Inszenierung von Kafkas „Verwandlung" im Fitz
Von Brigitte Jähnigen
Endlich fällt das Wort, das gesagt werden muss: Mistkäfer. Gregor, der Sohn des Hauses, ist zum Mistkäfer geworfen. Einer, den man ausrotten muss. Unschädlich machen, sich seiner entledigen. Das Leben muss schließlich weitergehen. Die spitze Nase keck in die Luft geführt, reckt die Schwester den erblühten Busen. In nüchternem Erzählton berichtet die Figuren- und Schauspielerin Maren Kaun am Donnerstag im Fitz live und aus dem Off vom Erlöschen der Menschlichkeit in einer sozialen Gemeinschaft.
Franz Kafkas Fantasmen leben in den Figuren der Familie Samsa, die Kaun in einer Schaukastenbühne mit vielen nostalgischen Lichtquellen und vielfach bewegten Rüschengardinen platziert. Seufzend ob der Unfasslichkeit von Gregors Mutation die mausgraue, pausbäckige Mama, wortkarg der schnauzbärtige despotische Vater, dominanter die erst sanft, dann immer drängender opponierende Schwester.
Mit großartigem mimischem Talent vollzieht Maren Kaun die Verwandlung des Protagonisten. Noch ist der Kopf Mensch, doch der Korpus als Kaukautzki-Figur schon Tier. Später dann klebt Gregor in Käfergröße an einem Stab geführt am Fenster - ein Ekel, ein „Es". Die Inszenierung von Frank Soehnle spielt mit menschelnden Aspekten und psychedelischer Musik, philosophische oder tiefenpsychologische Floskeln bleiben außen vor. Kafkas Groteske lebt hier nicht nur in den Wortbildern, sie findet ihre körperhafte Kommentierung auch in skurrilen Metamorphosen, wenn die Figurenspielerin ihre Finger, halb bedeckt von einem Hut, wie Käferbeinkrabbeln hörbar macht oder ein körperloser Figurenkopf, in eine Gardine gewickelt, zum lebendigen Wesen wird. „Es ist krepiert" - die bayrisch grantelnde Zugehfrau entdeckt den toten Gregor, bedeckt ihn fürsorglich und verabschiedet sich - weit und breit die einzige nicht monströse Figur.
Stuttgarter Zeitung, 17.04.2010
Ob sie sich mit derben Grimassen als Menschenwurm windet oder eine wienerisch fluchende Haushälterin durch die Kulissen fliegen lässt - was Maren Kaun selbst und mit Hilfe der von Alex Knüttel liebevoll-skurril gestalteten Figuren in ihrer Interpretation von Franz Kafkas Verwandlung" auf der Bühne des Stuttgarter „Fitz" an Ideen und darstellerischer Vielfalt unterbringt, ist schlicht faszinierend. Trotz aller gebotenenkafkaesken Düsternis, die von der bedrückend-altmodischen Kulisse und der eigentümlichen musikalischen Begleitung (Johannes Frisch) befördert wird, gelingt es der Regie von Frank Soehnle, den Klassiker humorvoll zu präsentieren.
Rheinpfalz 12.03.2010 zur Voraufführung von die Verwandlung
Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung" als Figurentheater von Maren Kaun im Mannheimer Theaterhaus TiG7
VON HEIKE MARX
Die Puppenspielerin Maren Kaun stammt aus Mannheim. Seit Abschluss ihrer Ausbildung an der Stuttgarter Kunsthochschule arbeitet sie in der freien Figurentheaterszene. Im Mannheimer Theaterhaus TiG7 hatte nun ihre neue Produktion „Die Verwandlung" nach Franz Kafkas berühmter Erzählung Premiere. Der bildende Künstler Alex Knüttel machte die Ausstattung, Frank Soehnle vom Figurentheater Tübingen führte Regie.
Fesselnd vom ersten Moment an ist die düster kafkaeske Atmosphäre, in der sich Bühnenbild, Figuren, Beleuchtung und die Musik von Johannes Frisch zusammen mit dem Kostüm der Spielerin und ihrer Spielweise ergänzen. Das Beklemmende an Kafkas verstörend monströser Erzählung, die das Absurde in einen nüchternen, dem Alltag abgelauschten Darstellungsstil kleidet, wird überzeugend vergegenwärtigt. Der Humor, der manchmal darin aufblinkt, ist tiefschwarz.
Alex Knüttel hat der Aufführung eine kleine Ausstellung von historisierenden Grafiken und Fantasie-Insekten aus Plastik vorangestellt. Deren Ästhetik kehrt in der Ausstattung wieder. Die Figurentheaterbühne ist aus gedrechselten Stilmöbelchen mit über- und nebeneinander getürmten Kästen aufgebaut, die wie Minibühnen die Räume des Wohnhauses darstellen: Familienwohnzimmer, Entree, Gregors Zimmer, das an drei „Zimmerherren" untervermietete Zimmer. Über allen Schauplätzen hängen Gardinen und Spitzendeckchen. Zur Beleuchtung werden altmodische Lampen angeknipst. Aus einem Zinkeimer rechts fischt die Spielerin historischen Werbemüll. Sie trägt ein der Zeit nachempfundenes dunkles Kostüm. Eine Zinkbütte links deutet die Waschküche an. Man fühlt sich in das alte Prag zurückversetzt, dessen Behäbigkeit die Folie für ein Geschehen liefert, das von den Beteiligten als quasi normal, aber äußerst störend empfunden wird.
Dicht am teilweise geflüsterten Text entlang erleben wir Gregor Samsas Verwandlung in einen widerlichen Käfer zunächst nur als Stimme. Die Figuren der Mutter, des Vaters, der Schwester und schließlich auch des Prokuristen von Gregors Firma eilen herbei und stehen erstaunt, verstört, verärgert vor der verschlossenen Tür seines Zimmers. Der junge Handlungsreisende hat versäumt, wie gewohnt um 4 Uhr früh aufzustehen: eine Unpässlichkeit, eine Unart, eine Pflichtverletzung?
Als die Tür endlich offen ist, sehen sie nur einen Käfer, der Zuschauer sieht nichts. Ist Gregor der Käfer? Quälend deutlich wird dann, dass er sich tatsächlich in einen Käfer verwandelt hat: eine fette Made (aus Plastik) mit vielen Beinchen, den Fingern, und einem verzerrten Gesicht, dem Kopf der Spielerin. Er mampft verschimmeltes Zeug, fühlt sich in seinem Panzer eingezwängt, gewöhnt sich aber allmählich daran. Während das bürgerliche Leben der Familie weitergeht, wird das Ungeziefer geduldet, denn es könnte ja vielleicht Gregor sein.
Die Duldung nimmt allerdings im gleichen Maße ab, wie Gregors Erinnerungen an sein früheres Leben verblassen. Nur die Zuneigung zu seiner Schwester sitzt immer noch tief. Als sie beschließt: „Wir müssen es loszuwerden versuchen. Du musst bloß den Gedanken loszuwerden suchen, dass es Gregor ist", haucht er still und ergeben seine Seele aus. „Es ist verreckt", frohlockt die Familie und kann nun ihr gewohntes Leben unbeschwert weiterführen.
Mannheimer Morgen 9. März 2010 zur Voraufführung von "Die Verwandlung"
Kafkaeskes Puppenspiel
Ein wenig schauderlich muten sie schon an, die im Eingangsbereich des Mannheimer Theaterhauses TiG7 ausgestellten Insekten. Allesamt weisen sie menschliche Attribute auf, haben Augen, Knochen oder Fingernägel, und erheben in ihrem höchst wissenschaftlichen Auftreten einen Anspruch auf Wahrheit. Bereits im Vorfeld von "Die Verwandlung" greift das Figurentheater Maren Kaun Kafkas detailliert-sachlichen Erzählstil auf.
Ungeheure Metamorphose
Fokussieren die gesammelten Exponate noch die ungeheuerliche Metamorphose, konfrontiert das Spiel mit Absolutem: Gregor Samsa findet sich zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Leise flüstert die diplomierte Figurenspielerin die ersten Zeilen der Erzählung in ein Mikrofon, während sie sacht mit der komplexen Schaukasten-Bühne aus antiken Möbeln hantiert. Hinter den Gardinen erwacht die Wirtschaft langsam, und bald ist Alex Knüttels stilechtes Puppenhaus von Leben erfüllt. Ob des versäumten Zuges ihres Ernährers, befinden sich die Eltern und Gregors Schwester in hellem Aufruhr - bald wird sich der Prokurist nach dem faulen Sohn erkundigen. Mit introvertierter Spielfreude führt Kaun die liebevoll gestalteten Puppen (Alex Knüttel) durch die mondänen Räumlichkeiten, ist Venus im Pelz und Erzähler zugleich. Dabei gestattet das Stück nur seltene Blicke auf den tierischen Leib des Protagonisten: kleiner Modellkäfer, Schattenspiel oder Käferkostüm meistern diese Herausforderung vortrefflich.
Zur stimmungsvollen Musik von Johannes Frisch, übersetzt Frank Soehnles detailverliebte Inszenierung lückenlos die literarische Vorlage auf die Bühne. Gespür für den bitteren Humor der Erzählung, kunstvolle Ausstattung und eine großartige Maren Kaun generieren eine gleichermaßen faszinierende wie unterhaltsame Illusion in der Schnittmenge von Theater und bildender Kunst, db
Mannheimer Morgen 9. März 2010