Esslinger Zeitung, 23.05.07
Premiere von "August August August" im Zirkuszelt im Schlossgarten
VON PETRA BAIL
Stuttgart - August gefallen die acht weißen Pferde, die der Direktor Holzknecht, sein Chef, dressiert. Aber er ist der Clown und nicht der Boss, deshalb sagt er auch "Lizzipa-ner frisieren", statt "Lipizzaner dressieren", und die Besucher freuen sich über den Salto mortale der Wörter. So geht es gerade weiter in Pavel Kohouts nachdenklichem Zirkusdrama "August August August", das noch zwei mal im Zelt beim Spielhaus im Unteren Schlossgarten aufgeführt wird. Die Koproduktion von Figurentheater Hibisskuss mit dem Fitz, Circus Circuli und dem Spielhaus ist eine vielschichtige Angelegenheit für Menschen ab neun Jahren, bei der Schauspiel, Figurentheater, Tierdressur und Akrobatik spielfreudig unter einen Hut gebracht werden. Das Schönste aber ist, dass das berühmte Stück des tschechischen Autors und einstigen Wortführer des "Prager Frühlings", in einem waschechten Meinen Zirkuszelt aufgeführt wird. Zwischen Sägespänen und Zeltplanen kann sich die Magie des Zirkus so richtig entfalten. Allein der Geruch ruft bei Erwachsenen Kindheitserinnerungen wach und weckt bei Kindern die Sehnsucht nach dieser geheimnisvollen Welt aus Clownerie und Melancholie. Regisseur Frank Soehnle hat die unterschiedlichen Bereiche so fantasievoll ineinander verwoben, dass man als Zuschauer den Überblick verliert, wer nun Puppe und wer Mensch, wer Tier und wer Figur ist. Den cir-censischen Teil am Trapez, auf dem Seil und in der Luft übernehmen eindrucksvoll vier junge Artistinnen der Stuttgarter Zirkusschule Circus Circuli. Sprecher Martin A. Obrecht verbindet die verschiedenen Sparten mit Passagen aus Kohouts Buch.
Das Live-Orchester, bestehend aus Jeoma Flores und Cornelius Hinze, sorgt für die entsprechende Atmosphäre, ebenso wie Kenia, die im Gegensatz zu den acht köstlichen Lipizzanerwinzlingen am Faden, eine lebendige Araberstute ist. August verfolgt seinen Traum, ohne Rücksicht auf Verluste. Die Lipizzaner dressieren darf jedoch nur der Boss selbst. Kann der Narr zum Chef werden? Zirkusdirektor Holzknecht stellt drei Bedingungen: eine Visitenkarte, eine Familie, ein Zelt. August nimmt die schier unerreichbaren Hürden mit Fantasie und Sprachkomik, die an sich schon die strenge Machtstruktur untergräbt. August, der "Gemahlte", seine "Bräutigamlerin" Lulu samt Hampelkind August junior sind Puppen, der "schwierige Vater" Bumbul ist ein knallgelber Gymnastikball. Die Wortjonglage ist so witzig wie virulent. August soll einberufen werden, seine Frau widerspricht: "Er hat doch schon einen Beruf". Aus einem Halbstarken wird ein Ganz-Starker.
"Wenn jemand von einem Traum besessen ist, sind Hindernisse nur ein Ansporn." Der Direktor, eine von der Zirkuskuppel hängende XXL-Marionnette, erkennt, dass August zu allem fähig ist, um sein Ziel zu erreichen. Er gibt sich scheinbar geschlagen und erfüllt den Dressur-Wunsch, fragt aber vorher nach dem Risiko, wenn's schief geht: "Wer trägt das Risotto?" Da hat der Chef einen Mordseinfall. Metallgitter werden aufgebaut, Tigergebrüll dringt aus dem Off. Man ahnt nichts Gutes. Am Ende fehlt von den Augusten jede Spur. Der Zirkus muss ohne Clowns auskommen.
Stuttgarter Nachrichten, 15.05.07
Pavel Kohouts „August August August" im Zirkuszelt
Am Anfang entschwebt er einem Koffer, am Ende wird er mitsamt seinem Lebenstraum wieder darin verschwinden und als unliebsa¬mes Gepäckstück aus der Manege getragen. An der Zirkushierarchie hatte der Clown August August zu rütteln gewagt mit seinem Wunsch, einmal an Stelle des Herrn Di¬rektor die Dressur mit den acht edlen Lipizzanern vorzuführen. Hatte dafür alle Bedingungen seines Chefs erfüllt und sich mit der Kraft seiner Fantasie Frau, Kind und einen eigenen Zirkus geschaffen.
„August August, August" nannte der tschechische Autor Pavel Kohout seine 1967 uraufgeführte Tragikomödie. Die bitter-
,böse wie wunderbar poetische Bühnensatire über die Unversöhnlichkeit von Traum und Wirklichkeit ist als zirzensisch-buntes Spektakel mit Tiefgang für Zuschauer ab neun Jahren im Zirkuszelt im Unteren Schlossgarten zu sehen. Frank Soehnle inszeniert diese Koproduktion vom Figuren¬theater Hibisskuss, dem Figurentheater Fitz und jugendlichen Artisten vom Circus Circuli der Stuttgarter Jugendhäuser.
Der Regisseur nutzt die Manege als Arena des Lebens. Aus der Zirkuskuppel intrigiert der Zirkusdirektor als gigantische graue Eminenz: Ein bedrohliches Nichts aus Zylin¬der und wallenden Seidentüchern, dem der Sprecher Martin A. Obrecht salbungsvoll-menschenverachtende Töne souffliert. Die prallen aber an der Puppe August wirkungs¬los ab. Oliver Köhler führt sie geschickt mit dem Gestus und Tonfall rührend ländlicher Naivität. Sie lässt den wackelköpfigen Tollpatsch die von seinem Chef geforderte Puppengefährtin herbeizaubern und in einem Kissen einen Junior-August ausbrüten. Seine penetrante Narrheit zwingt den Clown aber auch, dem Direktor seine Fanta¬sie zu verkaufen - in Form eines Mini-Ballons, den die Stallmeister, platzen lassen. Besonders gut gelingt Soehnle die Syn¬these szenischer und musikalischer Bilder.
Eingebettet in die von Flamenco und Zi¬geunerklängen inspirierte! Live-Musik von Jeoma Flores schweben Direktorengattin und -tochter als elegante und fremdartige Puppenschönheiten auf dem Rücken des Zirkuspferds Kenia. Und die jungen Artistinnen bezaubern mit bodennahen Hochseil und Trapezakten. Horst Lohr
Stuttgarter Zeitung, 14.05.07
Figurentheater, Akrobatik und Pferdedressur: aus dieser sehr ungewöhnlichen Mischung besteht das Stück „August, August, August". Es ist jetzt in einem Zirkuszelt im Unteren Schlossgarten aufgeführt worden. Mit dabei sind Jugendliche vom Circus Circuii der Jugendhäuser.
Von Katharina Schönwitz
August hat einen Traum. Einmal möchte er nicht länger der dumme Clown sein, sondern die stolzen Lipizzaner-Schimmel dressieren. Doch das darf nur der Zirkusdirektor. Die Nummer sei nichts für Clowns, sagt dieser. Da müsse August schon selber Direktor werden. August verliert keine Zeit und versucht alles, um Direktor zu werden. Mit seiner Fantasie überwindet er alle Hindernisse: „Denn ich möchte nur einmal in meinem Leben die weißen Lipizzaner frisieren", beteuert August immer wieder.
Dieses Theaterstück „August, August, August" von dem tschechischen Autor Pavel Kohout wird wohl nur selten an einem solch authentischen Ort gespielt: in einem Zirkuszelt im Unteren Schlossgarten, auf dem Gelände des Spielhauses, leuchtet das rotweiße Zelt hinter Bäumen hervor. Doch nicht nur das macht die Aufführung besonders. Die Produktion ist in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Figurentheater Fitz, dem Circus Circuii und dem Figurentheater Hibiskus entstanden. August, der Direktor, der Stallmeister mit seinen Pferden und alle anderen Personen werden von Puppen gespielt.
Und dann gibt es noch eine Besonderheit, denn das Stück wird von einer echten Pferdedressur und artistischen Kunststücken unterbrochen. Vanessa ßaisch trainiert beim Circus Circuli, der in Zusammenarbeit mit den Stuttgarter Jugendhäusern gegründet wurde. Kopfüber baumelt die 18-Jährige am Trapez in zwei Meter Höhe. Mit Schwung zieht sie sich nach oben, dreht sich um das Trapez und hält grazil verschiedene Posen. Bei ihr sieht es kinderleicht aus, doch tatsächlich sind jahrelanges Training und viel Kraft nötig.
„Am Trapez bin ich erst seit drei Jahren", wiegelt die Abiturientin schüchtern ab: „Eigentlich jongliere ich am liebsten." Auch Hanna, Lisa und Lena kennen keine Angst. Am Vertikaltuch, das wie ein überlanges Betttuch aussieht, ziehen die drei sich bis unter den Zelthimmel. Erst wickeln sie sich nacheinander in das Tuch ein, lassen los und rotieren zum Boden, um kurz vorher durch das Tuch abgebremst zu werden. Für die drei 14-Jährigen ist „August, August, August" eine völlig neue Erfahrung. Denn in der Manege sind die drei schon öfter aufgetreten, doch nicht mit Schauspielern zusammen. „Aber das macht Spaß, und alle sind total nett", freut sich Hanna über die Abwechslung.
Auf die Idee zu der Kombination aus Zirkus, Figurentheater und einer echten Pferdedressur kamen die Schauspielerinnen Dragica lvanovic und Ina Hermanns schon vor fünf Jahren, die Realisierung scheiterte damals am Geld. Doch vor sechs Wochen konnte es mit den Proben losgehen. Für Ina Hermanns hat das Stück eine ganz besondere Bedeutung. „Ich habe mich damit vor zwanzig Jahren auf der Schauspielschule beworben und wollte es schon immer mal aufführen", beschreibt sie ihre Motivation.
Mit der Pferdedressur hatte Christian Bollow vom Figurentheater am Anfang aber so seine Probleme: „Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie ein Pferd und unsere Figuren zusammenpassen sollten." Doch nach der Vorpremiere am Samstagabend war auch er restlos überzeugt. Beim großen Finale am Ende spendeten die 300 geladenen Zuschauer kräftig Applaus. Es ist für Erwachsene und Kinder ab neun Jahren geeignet.
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