Stuttgarter Zeitung
Eine erotische Begegnung mit "Blaubart" im Figurentheater
Wie viele Male zog man sich nicht schon früher seinetwegen nachts die Decke bis über die Nasenspitze hoch oder noch weiter? Die Ängste eines Kindes sind eben die verscheuchten Alpträume des Erwachsenen. Das Märchen "Blaubart" aber, diese Erzählung von einer bluttriefenden Schloßkammer und deren grausamem Schlüsselinhaber, der abermals eine junge Frau töten will, ist eine der subtilsten und daher wirksamsten Storys unserer Gute-Nacht-Geschichten-Zeit. Vielleicht weil niemand weiß, warum Blaubart jemals mit dem Meucheln anfing. Das Motiv ist gleichgültig, sagt der Romantiker.
Ganz und gar nicht, denken Gyula Molnar (Regie) und Annette Scheibler, die für das Figurentheater Stuttgart eine leichte, verführerische Adaption des "Blaubarf-Stoffes wagten, allerdings nach Charles Perraults Fassung "La barbe-bleue", die im Gegensatz zur neueren Grimmschen Variante dem erotischeren Zugang nähersteht. Annette Scheibler mimt eine gelangweilte Dame, die während ihrer Klavierstunde auf dreist-frivole Weise dem blaubärtigen Mysterium verbal die Hosen runterläßt. Der Klavierlehrer und auch der eigene Gatte sind dabei lediglich Phantome im Ein-Personen-Horrorkabinett dieses irr dreinblickenden Lustweibes, das mit wenigen Requisiten - unter anderem vier Barbiepuppen, die Büste eines Charakterkopfes und ein Paar schaumgestopfte rosa Damenschenkel ä la Miß Piggy - von einer Abschweifung zur nächsten rast: zottlige Hexen im Walde oder Demeters Trauer um Persephone gehorchen einer Erzähllogik, die einem orientalischen Teppichmuster ähnelt. Der köstlich agierenden Schauspielerin ist es zu verdanken, daß die feministische Abrechnung mit dem haarigeren Geschlecht die nötige Selbstironie bis zum Schluß beibehält. Annette Scheiblers Spiel ist trotz der Bühnenpräsenz ein durch und durch puppenhaftes, mit einem abwesenden Porzellange sicht, in dem die Knopfaugen kaum blinzeln, mit einem wie ferngesteuerten Objektkörper. Auch wenn sie sich auf dem Klavier rekelt wie eine faule Katze oder unvermittelt in den Raum kräht, ihre Lebendigkeit ist ei ne betont gekünstelte. Am Ende dieser über aus schnellen Theaterstunde ist Blaubart dann endlich passe. Die Dame am Klavier aber hat längst keine Angst mehr vor dem häßlichen, dicken Mann. "Ein Märchen für naive, unerfahrene Frauen" war das Ganze ja nur, so heißt's. Und schließlich sei Blaubart eine heiße Alternative zum nachmittäglichen Kauf einer Tagescreme - das Quickie mit einem Monster. Tomo Pavlovic
Mitteldeutsche Zeitung
Dessau. Wer tief genug in den Keller hinuntersteigt, wird irgendwann Gespenster treffen. Und wer unbedingt in die Abgründe einer geliebten Seele blicken will, der muß sich nicht wundern, wenn es dort finster ist. Auch Blaubarts letzte Frau konnte sich nicht verkneifen, im Trüben zu fischen. War der grausige Fund im verbotenen Zimmer die Strafe für fehlendes Vertrauen? Oder war das kategorische Verbot die subtile Gemeinheit eines Psychopathen? Annette Scheibler entscheidet sich für keine Lesart, sondern spinnt aus allen möglichen Anspielungen ein schauerromantisches Wirrwarr. Obskur und mit verwickelter Erzählstruktur, doch so appetitlich wie ein vergifteter Apfel. Seit die Stuttgarter Puppenspielerin unter dem Namen "Theater pepperMIND" ihre kleinen Kabinettstücke betreibt, arbeitet sie mit doppeltem Boden. Auch ihr neuestes Programm ist wieder eine Geschichte voller Falltüren, überraschender Wendungen und gewagter Vermutungen, die auf steilen Serpentinen ins Nichts führen. "Blaubart" ist Annette Scheiblers viertes Solo und eine erstklassige Märchenadaption.
Als Charles Perrault vor dreihundert Jahren seinen "Barbebleue" erfand, kombinierte er die Geschichte eines mittelalterlichen Kindsmörders mit einer populären Initiationslegende, worin der frauenmordende Unhold von den Brüdern seiner letzten Braut gerade noch rechtzeitig enthauptet wird. Heute jedoch ist nichts mehr sicher. Anstatt peu à peu ein Gruseldrama zu entrollen, erhebt Annette Scheibler die wichtigste Zutat des Genres, Ungewißheit, zum radikalen Prinzip. Anschließend verknüpft sie Märchenelemente und Mythenteile mit kruden Gerüchten, bunten Phantasien und Interpretationen zu einem unentwirrbaren Knäuel.
Dabei hat alles ganz harmlos begonnen. Eine Dame mit Dutt setzte sich in einem kapriziösen Kleid ans Klavier, um ein paar private Anekdoten über ihren verstorbenen Klavierlehrer preiszugeben und um sich in Blaubarts Schloß hinein zu phantasieren. Mit Unschuldsmiene betritt sie das gefährliche Terrain menschlicher Sehnsüchte, manövriert sich zwischen Alpträumen hindurch, an Perversionen vorbei.
Nebenher lenkt die Akteurin an langer Leine einen Marmorkopf und strangulierte Barbiepuppen. Diese fallen immer mal - kurzes Aufkreischen! - mitten in die Inszenierung hinein. Jeder darf - stellvertretend für den alten Blaubart - seiner Entzauberung beiwohnen. Nicht, daß Annette Scheibler irgendwelche Rätsel auflöste. Sie hütet sich, die düstere Metaphorik des Märchens zu zerstören. Natürlich zitiert sie die modernen Methoden vermeintlichen Rationalismus an, doch offeriert sie ihre Analyseergebnisse als jenen Klatsch und Tratsch, der nun mal an einem berühmten Ladykiller klebt.
Warum schlich Blaubarts Frau in finsteren Kammern herum, statt sich beim Einkauf zu zerstreuen? Wieso blieb sie so lange auf ihren gepackten Koffern sitzen, bis der Schürzenjäger sie am Schlaffittchen hatte? Und weshalb meuchelte der Unhold eigentlich seine erste Angetraute? Annette Scheibler schenkt sich die Antworten. So gewinnt sie Zeit, um haarsträubend behaarte Hexen zu erfinden, über Persephone zu plaudern und eine selbstgestrickte Fruchtbarkeitsgöttin vorzuführen. Außerdem gibt sie mit unwiderstehlichem Charme anzügliche Scherze zum Besten.
Hier verführt eine Magierin ihr Publikum. Im Verschwörerton intimer Indiskretion malt sie ihre beiden Leitmotive aus: unwahrscheinlich große Männer und ungewöhnlich starken Haarwuchs. Sie hat Spaß daran, Erzähl-Enden aufzudröseln, Handlungsstrände abzuschneiden, neue Anfänge zu stricken und fügt das ganze doch zum Schluß zusammen. Ein unheimlicher Alleingang!
Stuttgarter Nachrichten
Ob sie Schneewittchen durch postmoderne Assoziationsmühlen dreht (in "Stechapfel") oder als arglistige "Klodette" Männer um die Ecke kocht - die boshaften kleinen Figurenstücke von Annette Scheiblers Theater pepperMIND sind einfach hinreißend.
Annette Scheibler, Absolventin des Studiengangs Figurentheater an der Stuttgarter Musikhochschule, gründete pepperMIND 1992 als freie Bühne und erhielt seither eine Reihe von internationalen Auszeichnungen.
Für "Blaubart" hat sich Scheibler mit dem ungarisch-italienischen Objekttheaterkünstler Gyula Molnar zusammengetan, der als einer der Erfinder des Objekttheaters gilt und in Stuttgart durch Gastspiele bei den Internationalen Festwochen des Fits bekannt ist. Als Molnar zusagte, die Regie in einem gemeinsamen Projekt zu übernehmen, schlug das co-produzierende Fits einen Abend zum Thema Erotik vor. Heraus kam ein bizarres Gespinst aus Phantasien um die Gestalt des Märchen-Rippers "Blaubart".
Mit der Harmlosigkeit einer Klosterschülerin betritt eine junge Frau im schrulligen Kostüm die Bühne. Statt, wie ihr Mann es wünscht, Klavier zu üben, erzählt sie die Geschichte des Ritters Blaubart, der seinen Frauen verbot, eine bestimmte Kammer in seinem Schloß zu öffnen, und sie, weil sie der Versuchung nicht widerstanden, grausam ermordete. So einfach wie im Märchenbuch geht es auf der Bühne freilich nicht zu, dafür ist Annette Scheiblers Humor viel zu schwarz. Sie genießt das virtuose Spiel mit Anfängen und Enden, mit verwirrenden Partikeln von Komödien, Grusel- und Kriminalgeschichten. Während sie sich immer mehr mit Blaubarts letztem Opfer identifiziert und Mutmaßungen über ihre "Vorgängerinnen" anstellt, wandert, mit Hilfe blauer Schnüre ferngelenkt, ein Marmorkopf über das Piano, baumeln Barbie-Leichen von der Decke. Bald verschmelzen Blaubart, der Ehemann und der längst verstorbene Klavierlehrer zu einem mystischen Ladykiller, wird das Märchen zur abgedrehten Gespenstergeschichte, die Darstellerin zum dramatischen Irrlicht. Neben ihrer unnachahmlichen Mimik beeindruckt Scheibler wieder einmal durch ihre Präsenz, ihre pantomimischen Fähigkeiten und das verblüffend unmittelbare Verhältnis zu Gegenständen und Materialien. Nebenbei stellt sie die entscheidende Frage: Was ist das Schreckliche, das Blaubarts erste Frau in der Kammer fand, als es doch keine toten Vorgängerinnen gab?