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Stuttgarter Nachrichten 27.09.2010
Das Materialtheater zeigt im Fitz „Der Garten"
Von Horst Lohr
Das eindrucksvollste Bild spart sich die poetische Aufführung, deren Komik einen bitteren Unterton hat, bis zum Ende auf: Eng aneinander geschmiegt verschwinden riesige Masken mit ausdruckslosen Augen und zum Todesschrei geweiteten Mündern im tobenden Meer aus blauen Müllsäcken - Frauen ertrinken auf der Flucht vor Männergewalt.
Mit ihrer Produktion „Der Garten" reflektieren das Ensemble Materialtheater aus Stuttgart und das Théâtre Octobre aus Brüssel, welche Ausdrucksformen die Bühne für die auf der Welt tagtäglich geschehenden Gräuel finden kann. Entwickelt wurde die Produktion nach einer Geschichte von Alberto Garcia Sânchez. Als Regisseur liefert er den Vollblutkomödiantinnen Francesca Bettini, Sandra Hartmann, Alexandra Kaufmann, Sigrun Kilger und Annette Scheibler Steilvorlagen für ihr bissiges Spiel um fünf Theaterfrauen.
Die haben vorübergehend den sicheren Hafen ihres Alltags hinter sich gelassen und versuchen, in der Abgeschiedenheit eines Edelgartens Aischylos' Tragödie „Die Schutzflehenden" einzustudieren. Allein die Suche nach Ausdrucksformen für die Ängste der 50 Frauen auf der Flucht vor Zwangsheirat gerät zum Theaterworkshop à la Volkshochschule. Das Schicksal der Flüchtlinge rückt in den Hintergrund angesichts banaler Fragen, ob blauer Sand das Meer darstellen oder Ketchup den Imperialismus symbolisieren soll. Köstlich, wie die fünf die Kleingeisterei und Arroganz persiflieren, mit denen sich ihre Protagonistinnen zwischen Kochen, Tragödienton und selbstgefälliger Humanitätsduselei verlieren.
Stuttgarter Zeitung 27.09.2010
Figurentheater Witzig, leicht, klug: das Stuttgarter Fitz spielt „Der Garten".
Von Adrienne Braun
Sie wollen „Die Schutzflehenden" von Aischylos spielen. „Diese Sprache", jubelt Mascha, „ich will unbedingt die Telefonnummer von diesem Aischylos kriegen." Fünf Frauen machen Theater. Sie spielen Aischylos ohne Männer. „Der Garten" nennt sich die neue Produktion im Fitz, die das Ensemble Materialtheater mit dem Théâtre Octobre aus Brüssel erarbeitet hat. Herausgekommen ist eine ironische, bisweilen auch freche Reflexion über das Theater und die Frage, wie und ob es auf die Gegenwart reagieren sollte.
Die Geschichte von Alberto Garcia Sânchez spielt in Griechenland, mitten in einem idyllischen Garten. Die Frauen kommen und gehen, hier eine Plauderei unter der Zypresse, dort ein Geplänkel an der Wäscheleine. Diese beiläufigen Momente und Szenen flattern so leicht und witzig vorbei wie eine französische Filmkomödie. Bei den Proben aber sind sie „Kälbchen, vom Wolf verfolgt" - heute würde man sagen: Frauen, die vor der Gewalt ihrer Männer geflohen sind und Asyl suchen.
Aber das große Theater stolpert über die Alltäglichkeiten des Seins. Während die Frauen Aischylos im Chor sprechen, denkt die eine an ihre Kinder, die andere grübelt, wer ihr Shampoo benutzt haben könnte. Annette Scheibler ist die übereifrige, leicht wahnhafte Assistentin, Sigrun Kilger jagt zwischen den Proben dem Unkraut nach. Alexandra Kaufmann und Sandra Hartmann schlüpfen in die Rollen der Kinder, und Francesca Bettini versucht, als Regisseurin den Geist der Antike zu retten. „Der Garten" ist kurios und ideenreich, aber in erster Linie lebt dieser Abend von den Darstellerinnen. Das Stuttgarter Figurentheater ist seit einiger Zeit wieder im Aufwärtstrend. „Der Garten" setzt diese neue Erfolgsgeschichte in schönster Weise fort.
Ludwigsburger Kreiszeitung, 1.10.2010 Kritik „Der Garten"
„Der Garten" im FITZ
Stuttgart - Wie kann Theater heute auf all die Grauslichkeiten, die uns jeden Tag begegnen, reagieren? Bleibt es dabei auf der Strecke? Dies untersucht auf gallig-humorige Weise die neue Produktion des Materialtheaters FITZ, „Der Garten", die in Zusammenarbeit mit dem Théâtre Octobre aus Brüssel entstanden ist.
Von Arnim Bauer
Fünf Frauen haben sich in einem Garten versammelt, um dort „Die Schutzflehenden" von Aischylos einzustudieren. Ein wenig geht es auch um Fragen, wie Fremden in Not geholfen wird in unserer Zeit. Aber weit mehr wird verhandelt, wie Theater auf die Not reagieren kann.
Historische Zusammenhänge sind den Frauengestalten fremd, dafür können sie sich für Aischylos' Sprache begeistern: „Ich möchte die Telefonnummer von Aischylos haben." Ja, und soll der Sand blau sein, zwanzig Tonnen blauer Sand als Spielfläche? In solchen Fragen verlieren sich die Damen, proben hier ein wenig, diskutieren ein bisschen, sorgen sich um ihre Kinder und hängen Wäsche auf. Dazwischen böses Gutmenschgehabe bei der Frage, wie das Leid der 50 Frauen der Tragödie darzustellen sei, die vor ihren Männern geflohen sind.
Und so wird hinter dem kritischen Blick auf das Theater auch noch eine ätzende Gesellschaftssatire aufgezogen, die ein Abbild geben soll von der hochnäsigen Haltung der europäischen Gesellschaft gegenüber der Not derer, die heute hier Zuflucht suchen. Alberto Garcia Sanchez hat nicht nur ein komplexes Werk geschrieben, er hat es auch szenisch hervorragend umgesetzt. Das gelingt auch, weil die Spielerinnen Annette Scheibler, Sigrun Kilger, Sandra Hartmann, Alexandra Kaufmann und Francesca Bettini voll in ihren Rollen aufgehen und noch den Spagat zwischen Schauspiel und der Ästhetik des Materialtheaters im wahrsten Sinne des Wortes spielend schaffen.
sur, Kulturpolitik für Stuttgart und Region, Aug/Sept 2010
»Der Garten« vom Ensemble Materialtheater
Dass Figurentheater nicht Kasperl-Theater, aber ein faszinierendes Spiel von Puppen, Menschen und Materialien ist, dürfte dem Stuttgarter Publikum längst bekannt sein. Das Zentrum für Figurentheater Fitz! im Tagblattturm arbeitet über zwanzig Jahre kontinuierlich am Renommée dieses grenzüberschreitenden Genres. Zudem gibt es den gleichnamigen Studiengang an der Musikhochschule, der bereits 1983 von Werner Knoedgen, selbst Figurenspieler und bis heute Leiter, gegründet wurde und viele Einzelspieler und Ensembles vorzuweisen hat. So auch das Ensemble Materialtheater, das sich vor rund fünf Jahren aus dem Materialtheater Stuttgart und dem Theater pepperMIND formierte. Sein harter Kern besteht aus Sigrun Kilger, Annette Scheibler, Alberto García Sánchez und Hartmut Liebsch. Die vier arbeiten oft mit anderen, internationalen Künstlern zusammen. Für ihr neustes Stück »Der Garten«, welches am 24. September im Fitz! uraufgeführt und von der Stadt als Einzelprojekt gefördert wird, haben sie sich das Théâtre Octobre aus Brüssel, die Regisseurin Francesca Bettini, die Trägerin des baden-württembergischen Kleinkunstpreises Sandra Hartmann sowie die Berliner Figurenspielerin Alexandra Kaufmann geholt. Inhalt: Fünf Frauen wollen Aischylos' »Schutzflehende« inszenieren, ein Stück über 50 Frauen, die einer Zwangsheirat entfliehen und Asyl im reichen Argos wollen - hoch aktuell, politisch, übertragbar auf heutige Verhältnisse. Doch bereits die Proben werden zur Herausforderung in Sachen Menschlichkeit und Demokratie. Alberto Garcia Sánchez schrieb die Geschichte als »giftig ironische Abrechnung mit den besten Absichten und den Grenzen des Theaters« und führt Regie. »Der Garten« ist der erste Streich einer vierteiligen Europa-Reihe, (eva) www.fitz-stuttpart.de