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Schorndorfer Nachrichten, 21. Juni 2007

Großes Welttheater mit kleinen Figuren

Ein fantastisches Puppenstück von Lambert Mousseka und Stefanie Oberhoff

Puppentheater für Erwachsene? Das geht wunderbar, wenn die beiden Figurenspieler Stefanie Oberhoff, die aus Schorndorf kommt, und Lambert Mousseka aus Kinshasa/Kongo ihr zwischen zarter Poesie und wüster Politik aufgespanntes Puppen-Welttheater zeigen.

Den knochenbleichen König auf seinem prächtigen Thron aus Korbgeflecht plagen Leibschmerzen. Eine hypochondrische Mischung aus Häuptling, Patriarch und Tyrann, ist er ein Repräsentant der vielen in Afrika herrschenden Diktatoren, die helfen, ihre Länder in den Ruin zu treiben.

Über dessen Ausmaß wissen Oberhoff und Mousseka bestens Bescheid. Lange haben sie mit ehemaligen kongolesischen Kindersoldaten in einer internationalen sozio-kulturellen Einrichtung gearbeitet. Eine verschlagene Wohlfahrtspopulistik und das Schachern mit dem Volkseigentum - hier Diamanten -, das sind Züge dieser Despoten, die in letzter Zeit auch das Kino beschäftigten, so in "Blood Diamonds" oder im Film über Idi Amin.

Als neueste Gemeinschaftsarbeit von Oberhoff und Mousseka hatte nun "Das Dorf auf dem Hügel - Ein Spiel um Macht, Magie und Manipulation" im Stuttgarter FITZ Premiere. Die beiden Puppenspieler scheuen sich dabei nicht, auf diese Kinofilme und damit auf die brutalen Zustände in Afrika anzuspielen. Aber sie gehen weiter und lassen uns nicht auf einer bloßen Abbildung des Schreckens sitzen. Ihr eigentliches Thema sind die grotesk-verzerrten Vorstellungen, die geblendeten Blicke, die so real wie imaginär zwischen Afrika und Europa umherschweifen.

In einer Fernsehansprache des Königs wird das hinterhältig auf den Punkt gebracht. Das Deal-Angebot des Politzockers fürs internationale Parkett: "Wir geben Ihnen unsere Träume, und Sie geben uns ein kleines Stückchen Ihrer Realität." Das geht übers gängige "Exotik gegen Cash" weit hinaus. Es ist besonders dieses Spiel mit den interkulturellen Projektionen zwischen Aggression und Sehnsucht, das die letzten Arbeiten Oberhoffs/Moussekas weit über das gewohnte Figurentheater hinaushebt und zu einer einfallsreichen Herausforderung für den erwachsenen Theatergänger macht.

Gut zwei Jahre haben beide an diesem Projekt auch als ihre eigenen Autoren gearbeitet. Einige Figuren entstanden während eines Lehrbesuchs in Togo bei dem dort berühmten Puppenspieler Danaye Kalanfei. Einer Probeaufführung als Zwischenbericht folgte die Arbeit der letzten Wochen mit dem spanischen Regisseur Alberto Garcia Sanchez an der Endfassung. Die sprüht nun einerseits vor Erfindungen und Spielwitz, während sie gleichzeitig mit einer verblüffenden inneren Ruhe in Bann zu ziehen vermag. Mit einer Chuzpe ohnegleichen sind die beiden Spieler bei allen Aktionen, Umbauten, Auf- und Abtritten zu sehen, ja thematisieren sogar gelegentliche technische Schwierigkeiten -ohne dass der künstlerische Zauber je nachließe.

Das hat auch mit den skurril-kleinen Figürchen zu tun, dem zweideutigen Magier Tschuke, einem korrumpierbaren Ethnologen, dem tumben Wedschedebblsuhb (Ve-getable Soup) und seiner pfiffigen schwangeren Frau, die mit einer solchen Anmut bewegt werden, dass man oft den Atem vor lauter Staunen anhält.

Das Rätsel, das die armen Dorfbewohner umtreibt, ist, "warum alles, was gut ist, nach oben fliegt und verschwindet". Eine Frage des Zusammenhangs von afrikanischer Magie, westlichem TV und Macht. Grandios Oberhoffs PC-animierte Parodie auf eine Ansprache ans Volk mit bemüht neutraler Simultanübersetzung. Ein abgründiges Kabinettstück! Für Fernsehen gibt es in diesem schön zweisprachigen, deutsch-französischen Stück übrigens einen naiv-erhellenden Ausdruck: "La fenetre, qui change le paysage - das Fenster, das die Landschaft wechselt".

"Das Dorf auf dem Hügel" verliert ganz unaufdringlich nie den Bezug zur (düsteren) Realität. Aber statt uns Zuschauer zur wohlfeilen Betroffenheitsabfuhr zu erpressen, besteht die Stärke seiner kritischen Geste im Entwurf einer künstlerischen Gegen-Welt, deren stärkender Humor eine nur unproduktiv bleibende Anklage weit hinter sich lässt. Großes Welttheater mit ganz kleinen Figuren!

 

StZ 19.06.07

4,2 Hexer pro Quadratkilometer

Das Figurentheater „Das Dorf auf dem Hügel" von Lambert Mousseka und Stefanie Oberhoff im Fitz

Puppen sind klein. Gerade deshalb verfügen sie über die Kraft, großsprecherische Figuren auf ein angemessenes Maß zu reduzieren, zum Beispiel Machthaber. So ist es auch in dem Figurentheaterstück „Das Dorf auf dem Hügel", das jetzt im Fitz uraufgeführt wurde. Auf der Bühne ist ein altarartiger schwarzer Block postiert, Schauplatz dramatischer Szenen. Im Mittelpunkt steht ein Machthaber, ein afrikanischer König. Die vielleicht vierzig Zentimeter große Puppe mit ihrem mächtigen Kopfschmuck hat eine beeindruckende Aura, und doch ist der König bloß ein Mensch mit allen Schwächen und Unsicherheiten. Witzig spielt das Siebzigminutenstück von Lambert Mousseka aus der Demokratischen Republik Kongo und Stefanie Oberhoff mit Klischees. Die afrikanische Welt erscheint archaisch und magisch. Im Reich jenes Königs fliegt alles nach oben. Warum? Es ist einfach eine Tradition.

Ein Ethnologe kommt vorbei. Auch dieses Püppchen ist wie alle acht Figuren karikaturistisch gestaltet und mit wunderbarer Sorgfalt kostümiert. Mousseka und Oberhoff führen die Figuren an Stäben oder direkt mit ihren Händen. Der Ethnologe versucht „magische Punkte" millimetergenau zu ermitteln und schwadroniert von 4,2 Hexern pro Quadratkilometer. Natürlich wird hier wissenschaftlicher Genauigkeitswahn persifliert. Der Völkerkundler ist scharf auf einen wertvollen Stein des Königs und möchte ihm dafür einen Fotoapparat andrehen, die „Kiste, die besser zeichnen kann als die menschliche Hand".

Lambert Mousseka und Stefanie Oberhoff bearbeiten mit verblüffenden Pointen alle möglichen Themen in ihrem Stück: Zauberei und Wissenschaft, einen Vater-Sohn-Konflikt, moderne Medien versus Magie. Und wenn der König auf Französisch ausruft: „Ab heute muss sich alles ändern", fällt einem Frankreichs Sarkozy ein. Unter der Regie von Danaye Kalanfei und Alberto Garcia Sanchez ist intelligentes und ästhetisch perfektes Figurentheater zu erleben. C.B.

 

Stuttgarter Nachrichten, 22.06.07

Europäisch-afrikanische Koproduktion im Figurentheater: „Das Dorf auf dem Hügel"

Kosmos des Filigranen zum Leben erweckt

Sein Palast besteht aus einem kleinen Karton. Sein Thron ist ein tellergroßes Ohrensesselchen. Von hier aus herrscht ein mit Schweinsvisage ausgestatteter König über zwei Dörfer. Das eine versinkt in Armut, weil der auf Taschenformat geschrumpfte Raff zahn mit Hilfe von Magie alles Gute von dort in den Ort darüber fliegen lässt, wo er seinen Regierungssitz hat.

„Das Dorf auf dem Hügel" nennt ein internationales Figurentheater-Quartett sein köstlich sarkastisches Zaubermärchen um Ausbeutung und Machtmissbrauch. Die Regisseure Danaye Kalanfei (Togo) und Alberto Garcia Sanchez (Spanien) spiegeln die in weiten Teilen unseres von der Globalisierung infizierten Planeten herrschenden Verhältnisse in einer wunderbar komischen Welt en miniature: Von uralten Traditionen und Aberglauben geprägte Rückständigkeit wehrt sich gegen die Fressgier des Raubtierkapitalismus.

Mit einem Gemisch aus Deutsch und Französisch sowie bewundernswerter Fingerfertigkeit erwecken die Spieler Stefanie Oberhoff aus Stuttgart und Lambert Mousseka (Kongo) ihre liebevoll gearbeiteten Puppenwinzlinge in diesem Kosmos des Filigranen zum Leben. In fliegendem Wechsel tauchen die spillerigen Figürchen aus dem Reich der Fantasie auf. Wie der Zauberer an des Königs Kartonhof, der sich in Voodoo-Ekstase steigert und mit verknoteten Gummigliedern wie eine Rakete in die Luft abhebt - aus Wut über die Konkurrenz eines mit Bandmaß nach den magischen Punkten dieser Erde suchenden Ethnologen.

Unbeeindruckt davon lässt sich dieser mit einer Flut gleißender Edelsteine aus dem Hintern des königlichen Hundes bestechen. Als Gegenleistung liefert er dem Dorfpotentaten eine Flimmerkiste von der Größe einer Zigarettenschachtel mit den Segnungen westlichen Werbefernsehens. Und wenn der König zur Stärkung seiner magischen Kräfte nicht gerade kleine Kinder frisst, benutzt er einen seiner Untertanen als heiligen Teppich und tritt seinen Husten in ihn hinein. Horst Lohr

 

Esslinger Zeitung 22.06.07

Magische Macht

Deutsch-kongolesisches Theaterprojekt „Das Dorf auf dem Hügel“ im Stuttgarter Fitz

Von Petra Bail

Stuttgart - Um Lug und Trug, Hokuspokus und Magie, Schamanentum und faulen Zauber, aber auch um das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen geht es in dem jüngsten Stück, das die bewährte Figurentheaterseilschaft Stefanie Oberhoff und Lambert Mousseka jetzt in Kooperation mit dem Stuttgarter Fitz geschaffen hat. In der Spielstätte im Tagblattturmareal zeigen die beiden Kulturennetzwerker aus Stuttgart und Kinshasa die neueste Produktion „Das Dorf auf dem Hügel - ein Spiel um Macht, Magie und Manipulation“. Dafür haben die Figurenspieler winzig kleine Marionetten geschaffen, die auf einem ausgeleuchteten Podest auf der Bühne agieren.

Herrscher über zwei Reiche

Ein dauerhustender König sitzt auf seinem kleinen Korbsesselthron. Er ist der Herrscher über zwei Reiche. In dem armen Dorf fliegen sämtliche Wertgegenstände noch oben und verschwinden im Nirgendwo des Bühnenraums. Selbst ein brennendes Papiertürmchen erhebt sich in die Luft und hat sich plötzlich aufgelöst. Das andere Dorf liegt auf einem Hügel und schwelgt im Reichtum. Einbezogen in die märchenhafte Geschichte ist weiteres Personal, etwa ein geldgieriger Ethnologe und ein Fetischeur (Priester einer afrikanischen Religion, der mit der Natur in Kontakt steht und auf den befremdlichen Namen „Vegetable Soup“ hört) samt seiner schwangeren Frau, in die sich der dödelige Königssohn erfolglos verliebt.

Die grotesken Winz-Figuren, die durch überzeichnete menschliche Verhaltensweisen so emphatisch wirken, nehmen die Zuschauer mit auf eine in Deutsch und Französisch geführte Phantasiereise durch verschiedene Bewusstseinsebenen. Ein bisschen Hokuspokus, ein paar Tricks aus dem Zauberlehrgang für Anfänger, afrikanischer Gesang und rituelle Tänze mit Mini-Maske werden vom Regieteam Danaye Kalanfei aus Togo und Alberto Garcia Sanchez aus Spanien als augen- und ohrenschmeichelnde Höhepunkte eingesetzt.

Nach 70 Minuten haben sich die Probleme dank Mystik und moderner Technik in Luft aufgelöst - offenbar eine beliebte kongolesische Vorgehensweise, die schon im deutsch-französisch-kongolesischen Theaterprojekt „Le Cadeau“, das bei den Fitz-Festwochen 2006 zu Gast war, verblüffte.

Politische Dimension

Auch damals setzten sich Oberhoff und Mousseka kritisch-unsentimental und unterhaltsam zugleich mit Armut, Folklore, Machtkämpfen und Unterdrückung auseinander, die beim Aufeinandertreffen verschiedener Welten eine sehr politische Dimension bekommen. Dabei spielt die reichlich konstruierte Geschichte nur eine untergeordnete Rolle. Man könnte „Das Dorf auf dem Hügel“ als Charivari-Krimi abtun, wären da nicht die kleinen Teufelskerle von Figuren, von denen so, wie sie von Oberhoff und Mousseka geführt werden, die wahre Magie ausgeht. Unverkrampft und spielerisch hauchen die Spieler den beinernen Kerlchen Seele ein.