Kurier Wien:
“Wunderbar poetisch, teils philosophisch und vor allem immer wieder urwitzig. Double:„Als Spielort der Parabel haben sie mit Dingda einen zeitlosen Ort zwischen Schilda, Dogville und dem Paradies erdacht (…) Eine Parabel über den Materialismus und seine Folgen – Neu, einfallsreich und intelligent umgesetzt.“
Kulturwoche Wien:
“Welch zugleich lapidar wie genialer Zynismus, wenn fünf Bruchstücke der Kaffeetasse sich revolutionären Mut zu globaler Solidarität zusprechen für das „Dingda“ unseres Lebens: Wir müssen bloß zusammenhalten, dann wird’s schon wieder.”
Leipziger Volkszeitung:
„Man sollte sich vom Märchencharakter, vom Parabelhaften und Clownesken, das hier anklingt, nicht täuschen lassen. „Drei Affen“ ist gewiss eines nicht: einfältig. Stattdessen offeriert sich in diesem Spiel eine Welt-Entdeckungsgeschichte. Ein Staunen über das Staunen zumal. „Drei Affen“ löst das Paradoxon, etwa einen Stuhl oder ein Kehrblech noch einmal zum ersten Mal zu sehen. In Szene gesetzt ist das tricktechnisch mitunter virtuos. Wie da, wie von Geisterhand bewegt, die Kaffeekanne klappernd plappernd über den Bühnenboden rutscht, ein dreibeiniger Stuhl hinterherhinkt oder eine Mülltonne blechern Reden hallt, macht „Drei Affen“ zur Burleske über die Entdeckung und die Okkupation der Welt – und deren Aufstand dagegen. Ein Aufstand, der in der inneren Immigration aller Dinge mündet. Stumm und starr zeigen die sich jetzt – und wir glauben, dass sie es sind. Sogar, wenn sie sich uns auf unserem nächtlichen Gang zu Kühlschrank oder Klo heimlich und schadenfroh in den Weg stellen.“
Stuttgarter Zeitung 02.01.2010
Schauspielpremiere Die Dingwelt lebt: Mit „Drei Affen" ist dem Stuttgarter Ensemble Materialtheater im Fitz ein kleines Meisterwerk geglückt. Von Adrienne Braun
Auch Müllereimerdeckel müssen üben. Sie müssen lernen, wann sie auf, wann sie zugehen sollen. Oder
Kaffeetassen: woher wissen sie, ob sie zum Mund, zur Nase oder vielleicht doch eher zum Ohr geführt werden sollen? Durch Üben. Die Dingdaler sind geduldig. Liebevoll bringen sie den Dingen des Lebens ihre Funktion bei, sie reden ihnen gut zu, sie loben und tätscheln sie. Wenn einem heute dagegen der Stuhl ein Bein stellt, dann kann es gut sein, dass das die Rache der Dingwelt ist, weil sie sich von uns schäbig behandelt fühlt.
Einen Sündenfall der besonderen Art erzählt das Ensemble Materialtheater in seinem Stück „Drei Affen", das jetzt im Fitz herausgekommen ist. Sigrun Kilger, Annette Scheibler und Alberto Garcia Sanchez haben in ihrem Mensch- Objekt-Theater die Objekte selbst zum Thema gemacht. „Drei Affen" ist eine Parabel über den Materialismus, die einfach und anschaulich nachzeichnet, wie der Mensch mit seiner Umwelt sukzessive in Konflikt gerät. Ein großes Thema, dargestellt mit Hilfe kleiner, simpler Objekte: Kaffeetasse und Kehrschaufel, Stuhl und Papiertaschentuch.
Mit Magneten und Schnüren, mit Magie und tollen Tricks werden die Gegenstände animiert. Sie führen ein munteres Eigenleben und wandern über die Bühne. Die Kaffeekanne klappert mit dem Deckel. Klebeband wird zu Schnauzbärten, und der Mülleimer reißt das Maul auf wie ein hungriger Tiger. Kilger, Scheibler und Sanchez spielen dabei mit trockenem Humor Dingdaler, die kauzigen Bewohner eines Städtchens weit zurück in der Vergangenheit. Mit knatschbunten Kostümen, Riesenbrille und Wagenradhut stolzieren sie über die Bühne und bringen dem Publikum erst einmal ein paar Brocken Dingdalerisch bei, eine drollige Fantasiesprache, die nach Chinesisch, Skandinavisch und Italienisch klingt: „Was für eine Überraschung" heißt „o wau wau". „Ich bin verwirrt": „tschi".
Dieses Kauderwelsch ist ein kluger Kunstgriff, denn in vielen selbstentwickelten Stücken sind die Texte häufig dünn. Hier dagegen ist das Spiel mit diesem minimalen Wortschatz nicht nur enorm witzig, sondern lenkt den Fokus zugleich auf die Sprache der Körper und der Dinge. Gestik und Mimik arbeiten mit vertrauten Stereotypen, die menschliche Marotten und Eitelkeiten bloßlegen. Denn nachdem man in dem Städtchen lang in stiller Eintracht mit den Dingen lebt, kommt plötzlich Angst auf: Was ist, wenn die Kaffeetasse kaputtgeht? Also beginnen sie zu horten, um sich abzusichern. Über die Objekte wird plötzlich das Wesen der Menschen sichtbar, die von Neid und Gier beherrscht werden.
Je mehr sie besitzen, desto mehr gerät den Menschen die Kontrolle über die Schätze abhanden. Da steht Sigrun Kilger plötzlich neben dem Mülleimer und peitscht ihn wie ein Dompteur. Alberto Garcia Sanchez spielt seine beiden Stühle gegeneinander aus wie zwei Geliebte. Und Annette Scheibler weiß nicht mehr, wohin mit all den Kaffeetässchen. All das wird verständlich, prägnant und präzise erzählt.
Ohnehin ist dem Ensemble Materialtheater mit „Drei Affen" ein Meisterstück gelungen, das an die früheren Erfolge von Kilger und Scheibler anknüpft. Mensch und Objekt ergänzen sich ebenso ideal wie Thema und Genre. Daniel Kartmann begleitet den Abend musikalisch, kommentiert dabei aber auch wie ein Erzähler die Ereignisse - wobei die traditionelle Märchenstruktur durch das selbstreferenzielle Materialtheater amüsant konterkariert wird.
Wie von Geisterhand werden die Objekte auf der kleinen, schrägen Spielfläche bewegt - so lange, bis sie die Revolution ausrufen und beschließen, nicht mehr mit den Menschen zu kooperieren. Paradiesische Zustände währen eben nicht ewig. Zurück bleiben kleingeistige Gestalten, die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Oder um es in Dingdalerisch auszudrücken: „O wau wau - tschi".