Kultur, Januar 08
(...) Martin Bachmann erzählt die Geschichte des Kohlhaas vom Ende her, als Gehenkter. In ein rohes Holzgestell mit Requisiten und Kleidungsstücken gespannt - Sattel und Zaumzeug markieren den Pferdehändler, Mantel und Hut sein Unterwegssein, ein Totenkopf antizipiert den Ausgang der Novelle -, eröffnet er das Spiel mit einem Satz, der zugleich Betroffenheit und ironische Distanz ausdrückt: »Das Jüngste Gericht hab ich mir etwas anders vorgestellt!« Und tritt ein in den imaginären Dialog mit seinem irdischen Richter über das Unrecht, das ihm von den Junkern Tronka auf seinem Weg zum Rossmarkt in Dresden angetan wurde.
Den stählernen Figuren und Objekten des Bildhauers Jörg Bach kommt eine immer größere Bedeutung zu. Eine gepanzerte Eisenpuppe mutiert vom Pferdekopf zum Knecht Herse, die beide der Willkür des Burgvogts zum Opfer fallen; ein Nackeneisen wird zum Joch der »gebrechlichen Einrichtung der Welt«, worunter Kohlhaas sich nicht beugen will; ein Drahtgestell mit Schellen wird in Kohlhaas/Bachmanns Hand zu seiner Frau Lisbeth, die mit einer Petition an den Kurfürsten von Brandenburg tödlich zu Schaden kommt: »Ihre Stimme klang für mich wie Engelsglöckchen«. Doch immer noch glaubt Kohlhaas an den möglichen Sieg der Wahrheit. In knappen Episoden ziehen seine Begegnungen mit dem Kurfürsten, mit dem vom fetten Essen geplagten, ihn mit Bibelsprüchen abspeisenden Martin Luther, mit einer Wahrsagerin vorüber; die Schlacht mit dem Heer der Obrigkeit wird als akustische Performance an eiserner Wand abgespult, Die Regisseurin Jutta Schubert stellt diese Szene ans Ende eines Spannungsbogens, der zur Hinrichtung des Rebellen führt: nun ist Kohlhaas selbst diese Eisenpuppe, deren Kopf und Gliedmaßen leblos herabhängen. Und es bleibt nur das Warten auf eine gesellschaftliche Utopie: »Solange, bis er und die Welt zusammenstimmen.« (...)
Stuttgarter Nachrichten, 5.12.07
Im Fitz: Figurentheater September zeigt "Kohlhaas"
Was tun, wenn einem die Mächtigen das Recht vorenthalten, das man auf seiner Seite weiß? Der Dichter Kleist lässt seinen Michael Kohlhaas über dieser Frage vom braven Familienvater zum blindwütigen Terroristen werden.
VON HORST LOHR
Martin Bachmann vom Figurentheater September aus Mühlheim hat gemeinsam mit Regisseurin Jutta Schubert eine Textfassung entwickelt. Bachmann erzählt und spielt die Tragödie eines Mannes, dem bis zum Tod durch den Strang die Fassungslosigkeit darüber ins Gesicht geschrieben steht, dass Gerechtigkeit nur ein leeres Wort sein soll.
Ein schlichtes Holzgerüst (Ausstattung: Cecile Legrand) markiert die kindlichnaive Welt des Kohlhaas: Sie ist gradlinig und offen für Willkürakte der Herrschenden. Die Aufführung gefällt mit ebenso schlichten wie dichten Bildern von der Ohnmacht eines Menschen. Mit Jörg Bachs kunstvollen stählernen Figuren und Objekten der Deformation holt Martin Bachmann Situationen und Spiel orte von Kleists Erzählung auf die Bühne.
Ein riesiges zerknautschtes Hufeisen symbolisiert das Ausmaß der Kränkung, die Kohlhaas erlebt, wenn ein Gericht seine Schadenersatzklage gegen den Burgvogt abweist, der unrechtmäßig zwei seiner edlen Pferde beschlagnahmt und beinahe hat verhungern lassen. Eine kleine Eisenfigur lässt als hingebungsvolle Ehefrau des Rosshändlers sanft Glöckchen der Liebe klingen. Und verwandelt sich später in ein christliches Kreuz, hinter dem sich mit scheinheiligem Geläut eine von einem Gourmand namens Martin Luther vertretene Kirche und ihre Erbarmungslosigkeit verstecken.
Besonders eindringlich führt der Spieler vor, wie Kohlhaas und seine Anhänger brandschatzend und mordend Recht in Unrecht verwandeln: Das Holzgerüst wird zum Schlagzeug, auf dem Martin Bachmann den vielschichtigen Rhythmus der Gewalt trommelt.
Weitere Vorstellungen: 5. Dezember, 16 Uhr; 10. bis 12. Januar, jeweils 20.30 Uhr; Karten: S 07 11 / 24 15 41.