Home
FITZ Figurentheater
Spielzeit
FITZ am Abend
FITZ für Kids
Newsletter
Förderverein
Feiern im FITZ
Links
Kontakt

Presse "Krabat"

 

 

Fränkische Landeszeitung

„Krabat" als düsterer Bilderrausch

Ansbacher Puppenspiele: Eindringliche Inszenierung mit allen Mitteln des Genres

Figuren, Masken, Objekte und Schatten - Geschichte auf ihre großen Themen reduziert

ANSBACH - Die Geige kreischt, eine Frau schreit, Gestalten winden sich auf einem Berg aus Knochen: Es ist Krieg. Und Krabat, ein nacktes Ger schöpf mit schrundigem Körper, mehr ein alter Mann als ein Knabe, kommt in eine geheimnisvolle Mühle, in der nicht nur gemahlen, sondern Schwarze Magie gelehrt wird. Das Figurentheater Wilde & Vogel hat zusammen mit dem Theaterkünstler Florian Feisei und der polnischen Grupa Coin- cidentia das berühmte Buch von Ot- fried Preußler mit Puppen, Masken und Objekten umgesetzt: Mächtige schaurige Bildern sind da entstanden, gebrochen von kurzen poetischen Momenten und skurriler Komik.

Das riesige Mühlrad mahlt als Schatten, ratter, ratter, ratter, zermalmt es Leiber und Seelen. Es ist eine düstere Inszenierung für Erwachsene und Jugendliche, die am Samstagabend im Theater Ansbach zu erleben war. Hoffnungsschimmer sind selten - hauchzart rascheln sie als transparente Plastiktüten vorüber, plätschern sie als feiner Wasserstrahl vom Schnürboden.

Gruslig ist's, wenn der Meister der Mühle erscheint: eine zerfressene Maske, mit der Hand am gestreckten Arm weit vor dem Körper gehalten, ein schwarzer Hut, ein schwarzer Umhang. Dann der Gevatter: Totenschädel, Knochenfinger und vibrierend wimmernde Stäbe, so stakst er heran, pirscht sich von hinten, packt zu. Weil da nur Knochen sind, kein Fleisch, kein Blut, hat der Tod auch keine Stimme mehr. Bloß noch ein hohles Krächzen.

Auch die Raben krächzen, als sie zum faustischen Hexeneinmaleins herbeiflattern, mal hierhin, mal dorthin, husch, husch. Charlotte Wilde macht die Musik dazu, singt mystische Weisen und spielt Bachs Chaconne, wenn Krabat sich im Traumtaumel dreht und dreht. Und das Marionettenskelett tanzt und tanzt, bis die Knöchelchen auseinanderspritzen. Blut fließt, als ein Müllergeselle geopfert wird. Die bleichen Masken starren auf ihn herab, eine weiße Decke Schnee bedeckt den Toten.

Handwerklich ist die Inszenierung, die Schauspiel und Figurenspiel verbindet, perfekt. Die Bilder sind eindringlich, ein dunkler Rausch. Doch gerade ob dieser Bilderfülle, ob der magischen Opulenz, für die alle Mittel des Genres Figurentheater aufgeboten werden, bleibt die Geschichte von Krabat auf der Strecke. Es wird kaum gesprochen, und wer das Buch nicht kennt, wird nicht alles begreifen.

Oder vielleicht doch. Denn die großen Themen sind erlebbar in diesen intensiven Bildern, in den Klängen dazu. Der Krieg, der Tod und das Böse. Angst und Verlust. Liebe und Erlösung. Am Ende steht das Mühlrad still, die Geige schweigt. Es wird auch schon ein wenig heller

. Lara Hausleitner


. Lara Hausleitner

Nürnberger Zeitung, 21.05.2011

Zweifelsohne ein Höhepunkt beim diesjährigen „Figurentheaterfestival“

Krabat beim Internationalen Figurentheaterfestival Erlangen, Nürnberg, Schwabach, Fürth

"Es gibt in dieser Vorstellung Momente, die so nur in genau diesem Medium funktionieren, Momente, in denen alles aufgefahren wird, was das Genre hergibt: Masken, Puppen, Schauspieler, Musik, Beleuchtung, technische Effekte. Und nichts von alledem dient in solchen Momenten dem selbstverliebten Selbstzweck, sondern alles steht permanent und konzentriert allein im Dienste der Geschichte. Die heißt hier „Krabat“, ist von Otfried Preußler und wird vom Dreigestirn Figurentheater Wilde & Vogel, Grupa Coincidentia und Florian Feisel gespielt. Der düstere Stoff verbleibt bei dieser herausragenden Aufführung – stofflich wie beleuchtungstechnisch – in der Düsternis, verzerrte Live-E-Geigen-Rückkopplungen zerreißen die intensive Atmosphäre im E-Werk-Saal, in dem das fantastische Sujet fantastisch umgesetzt wird. Eine zauberische Verzauberung und zweifelsohne ein Höhepunkt beim diesjährigen „Figurentheaterfestival“."

 

„double“. Magazin für Puppen-, Figuren- und Objekttheater, Nr. 21 / Heft 1/2011

In forma veritas

Über das Figurentheaterfestival „Materia Prima“ in Krakow

Von Silke Haueiß

Zum ersten Mal fand vom 13. bis 20. November 2010 das Festival „Materia Prima. Międzynarodowy Festiwal Teatru Formy“ in Krakow / Polen statt, ausgerichtet von Teatr Groteska und Stowarzyszene Sezony Teatralne. Die Veranstalter Adolf Weltschek (Festivalleitung) und Zuzanna Głowacka (Programmleitung) haben für ihr erstes Festival die Messlatte gleich ganz weit oben angelegt und namhafte Künstler des Puppen-, Figuren- und Objekttheaters aus Belgien, Frankreich, Deutschland, Polen und der Schweiz mit teilweise großformatigen und sehr aufwändigen Ensembleinszenierungen nach Krakow eingeladen.

(...) Nahezu intim wirkte der Theaterraum des Theaters Lalki, in dem die Inszenierung „Krabat“, eine deutsch-polnische Koproduktion des Figurentheaters Wilde & Vogel (Leipzig, Stuttgart) und der Grupa Coincidentia (Białystok, Polen) in Zusammenarbeit mit dem FITZ! Zentrum für Figurentheater Stuttgart und dem Lindenfels Westflügel Leipzig, gezeigt wurde. Die vortreffliche Regie von Christiane Zanger reduzierte den märchenhaft-mystischen Stoff des Buches von Otfried Preußler gekonnt auf das Wesentliche. Eine nahezu magische Bühnen-Atmosphäre entstand durch die kongeniale Musikkomposition und deren Live-Interpretation von Charlotte Wilde, durch die raffinierte Szenografie, die prägnante Figurengestaltung von Michael Vogel und vor allem durch das grandiose Ensemble aus Dagmara Sowa, Pawel Chomczyk, Florian Feisel und Michael Vogel, dem in exzellentem Wechselspiel aus eigenem und künstlichem Körper, aus Licht und Raum ein universelles, eindringliches Vexierspiel über die verführerische, gleichzeitig willkürlich nutzbare Kraft der Macht gelungen ist.

Ein Lichtkegel markierte den Ort des Geschehens. Weiße Umrisse auf schwarzem Boden deuteten jenen imaginären Tatort an, an dem der Waisenjunge Krabat im Verlauf der Geschichte den Verlockungen der Macht widerstehen lernt und es schafft, sich aus Fäden der Abhängigkeit zu lösen, indem er erkennt, dass Liebe Freiheit schafft. Bravourös, wie die Spieler in die verschiedenen Rollen schlüpften, die Marionetten als exemplarische Metapher für Abhängigkeit manipulierten und im dramatischen Verlauf der Geschichte selbst zur Marionette wurden. Genial, wie in der Inszenierung durch das fein differenzierte Maskenspiel die Schicksalsgleichheit der Gesellen und deren Suche nach Identität versinnbildlicht wurden, und verblüffend zudem, wie eine schwarze Maske und lautes Rabengekrächze ausreichten, um den Machtanspruch, den der Meister über seine Zauberlehrlinge hatte, zu behaupten.

Unaufhaltsam, immerfort drehte sich der Mühlstein wie das Rad der Geschichte. Und diese Geschichte hinterließ im wahrsten Sinne Spuren, sichtbar gemacht durch weiße Kreide – Mehl?. Diese Spuren verwischten sich während des szenischen Geschehens, vermischten sich schlussendlich mit den Blutopferspuren der Rebellion. Krabat, der das böse Spiel der dunklen Mächte durchschaute, ließ sich nicht kaufen und entschied sich in letzter Konsequenz für die Probe, die über Leben und Tod entscheiden sollte. Es stand auf des Messers Schneide – und das war nicht nur im sprichwörtlichen Sinne, sondern wahrhaftig als szenisches Gleichnis auf der Bühne zu spüren. Berührend und poetisch zugleich Krabats verzweifeltes Anheulen des Mondes im Angesicht der Angst – schließlich ging es hier ums Überleben!

Preußler schrieb „Mein Krabat ist […] meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation und die aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken.“ Diese Inszenierung für Jugendliche und Erwachsene setzt Maßstäbe, denn sie ist ein szenisch-sinnliches Erlebnis von großer Authentizität - in Form gegossene Wahrheit.

 

 

Leipziger Volkszeitung, 2.10.2010, Mark Daniel

Das Groteske in der Düsternis

Begeisternde, bilderstarke „Krabat-Inszenierung im Lindenfels Westflügel

Das Schlussbild ist ein Traum für sich: Krabat hat seinen Arm um das Mädchen Kantorka gelegt, und mit dem Rücken zum Publikum, im endlich hellen Licht, blicken die Puppen den Schauspielern hinterher, ihren Erschaffern und Bespielern. Der Sieg Über das Böse, geatmet in melancholischem Innehalten. Der letzte von vielen magischen Momenten der Inszenierung „Krabat". die am Premieren-Donnerstag im vollen Saal des Lindenfels Westflügcls begeistert gefeiert wurde.

Mit nur einer Bogen-Bewegung zieht Charlotte Wilde hinein in die faszinierend-düstere Sage aus der Lausitz, die durch Otfried Preußlers Jugendbuch berühmt wurde. Die Saiten ihrer elektronischen Violine zerren Wind, Kälte und Beklemmung in den dunklen alten Westflügel-Saal, der an diesem Abend einzig gebaut und verwittert scheint, um dieser Produktion die perfekte Kulisse zu geben.
In ihrer Kooperation geht es Florian Feisei. dem Figurentheater Wilde und Vogel und der polnischen Grupa Coincidentia um mehr als das Erzählen der berühmten Geschichte im 30-jährigen Krieg, die man besser kennen sollte, bevor man die Eintrittskarte löst - es geht um deren Transport in den Kosmos der außergewöhnlichen Möglichkeiten von Figurentheaterkunst. in der immer Platz ist für Metamorphosen, für Übertritte in wundersame Zwischenwelten.

Und die gelingen den Künstlern in der Regie von Christiane Zanger meisterhaft. Mal verkörpern die Schauspieler selbst die Protagonisten, dann huschen sie in den Hintergrund, um Masken und Figuren oder gar Objekten die Handlungsstränge zu überlassen. Da schwebt eine profane Plastiktüte wie ein Traum in den Bühnenhimmel. bewegt sich die Krabat-Puppe durch nicht sichtbare Fäden über die Bühnenfläche, erscheinen die Personen der Geschichte als Miniatur-Raben oder als Ansammlung von Masken, unter denen sich die Arme und Hände der Künstler ineinander schlängeln - ein starkes Bild für den Verlust von Individualität unter der willkürlichen grausamen Herrschaft des Meisters der Schwarzen Mühle, die im Hintergrund als Schatten erbarmungslos malmt.

Das Grauen bekommt eine groteske Komponente, wenn die Knochen scheinbar durch einen Trichter gemahlen werden, den sich Feisel auf den Mund setzt. Überhaupt brechen kurze humorige Sequenzen die Düsternis auf, allen voran das Fest der Gesellen mit übermütig-witzigem Kasperltheaterspiel. bei dem es sich erleichtert lachen lasst - bevor der Meister wieder züchtigt.

Mit wenigen Kunstgriffen gelingen Szenen, die nur dieses Genre bewerkstelligen kann, umgeben von Wildes Geigenspiel, daraus gezogenen Elektro-Loops und hellem Gesang. Krabat, nun ausgestattet mit Zauberkraft, erhebt sich an Seilen befestigt in die Luft; das Begräbnis des getöteten Gesellen im Schnee symbolisiert lediglich die zurückgeschlagen weiße Rückseite des Bühnenbelags. Und es wirkt
Das Tempo der Wendung zum Guten, die Rettung durch das Mädchen, überrumpelt allerdings sehr. Man hätte durchaus noch ein bisschen länger mitgelitten und -geträumt in dieser bedrohlichen bis malerischen Mystik. Nach einer guten Stunde ist Schluss, nach einer sehr guten, einer fantastischen Stunde.


Stuttgarter Nachrichten, 18.10.2010, Horst Lohr

Wie die Liebe das Böse überwindet

Das Figurentheater FITZ zeigt das Theaterabenteuer „Krabat“

Was soll man mehr bewundern an diesem Bühnen-Albtraum: Die geheimnisvollen Klangwelten von Charlotte Wildes Live-Musik mit ihren von der Elektrovioline angetriebenen drängenden Loops? Die von Christiane Zanger inszenierten gruslig-schönen Bilder? Oder die Präsenz der Figurenspieler Pawel Chomczyk, Florian Feisel, Dagmara Sowa und Michael Vogel? Alles an diesem nur gut eine Stunde kurzen Freitagabend im Fitz fügte sich zum besondern Erlebnis. „Krabat“, nach dem gleichnamigen Jugendbuch von Otfried Preußler, ist eine Koproduktion des Figurentheaters Wilde & Vogel, der polnischen Grupa Coincidentia und des Berliner Figurenspielers Florian Feisel. Ihr Theaterabenteuer mit Puppen, Masken und Musik lockt in ein Schattenreich des Unbewussten, wo das Böse als Teil menschlichen Seins seinen Sitz hat. Hier herrscht, mit einem schwarzen Tuchfetzen überm eleganten Jackett und einer fratzenhaften Halbmaske (Bühne und prächtige Figuren: Michael Vogel) ein mysteriöser Müllermeister, zynische Ausgeburt des chronisch Diabolischen. Mit brutaler Gewalt lehrt er seine elf Gesellen und den Waisenjungen Krabat die Kunst der Schwarzen Magie. Meisterhaft tauchen die vier Darsteller mal als Erzähler, mal als Spieler in die Zwischenwelten ein. Hier fliegen winzige Raben durch den Raum. Die kleine Krabat-Puppe wird erst von des Meisters Gesellen bedroht, einer unheimlichen Maskenphalanx der Gezeichneten. Später schwebt sie von Zauberkräften bewegt schwerelos durch die Luft. Immer wieder brechen die Spieler den Grusel mit komischen Szenen auf, etwa wenn die Gesellen ein Fest mit frechem Kasperltheater feiern. Am Ende dringt strahlende Helle ins Unterweltdunkel. Ein filigranes Puppenmädchen erlöst Krabat aus der magischen Macht des bösen Meisters. Eng umschlungen sitzen die beiden Winzlinge allein auf der Bühne. Die Macht der Liebe überwindet das Böse in diesem zarten Bild an diesem wundersamen Theaterabend.


Leipzig Almanach, 5.10.2010, Charlotte Ehrt

Neun ist eins, und zehn ist keins

Mit der neuen Inszenierung des Figurentheaters Wilde & Vogel kehren die dunklen Künste einmal mehr in den Westflügel zurück

Nach Der Hobbit und Maria auf dem Seil gibt es nun ein neues kindertaugliches Stück im Lindenfels Westflügel zu sehen. Krabat vom Figurentheater Wilde & Vogel, eine Produktion für junge Menschen ab 12 Jahren und Erwachsene feierte am vergangenen Donnerstag Premiere. Wer die literarische Vorlage von Otfried Preußler kennt, weiß zumindest inhaltlich, worauf er sich einlässt. Der Kriegswaise Krabat geht in die Lehre eines geheimnisvollen Müllermeisters, der seine zwölf Schützlinge unter grausamem Regiment hält und sie in die Künste der Schwarzen Magie einweiht. Krabats Neugier und Ungehorsam führen ihn hinter das schreckliche Geheimnis der Mühle. Um dem Bann zu entkommen braucht es viel Mut, Freundschaft und auch Liebe.

Ein Theaterabenteuer in gekonnter Wilde-&-Vogel-Manier: sehr reduziert in Sprache und Ausstattung, dafür umso reicher an Bild- und Tonerlebnissen. Der einfache, offene Spielraum unterstreicht die Konzentration auf das eigentlich Wichtige: die Puppenspielkunst und Atmosphäre. Herausragend ist dabei auch die akustische Begleitung der Theatermusikerin Charlotte Wilde, welche dieses Mal auch verstärkt Gesang einsetzte.

Die Handlung wird in knackigen 60 Minuten erzählt, wobei die Balance zwischen assoziativen Ausschweifungen und klaren Bildelementen angenehm ausgewogen ist. Der beklommen-düstere Anfang der Inszenierung wird später durch witzige Spielereien, wie eine kleine Skelett-Marionette oder ein Handpuppenspiel à la Punch and Judy aufgelöst, jedoch ohne gefällig zu werden.

In dieser Konstellation neu zusammengefügt, harmonieren die vier Spieler (Florian Feisel, Dagmara Sowa, Pawel Chomzyk und Michael Vogel) wunderbar miteinander auf der Bühne. Sie schlüpfen in verschiedenste Rollen; von Figur zum Erzähler, bis hin zu sich selbst, selbstironisch dem Puppenspieler. Mittendrin befinden sich die ausdrucksstarken Puppen von Michael Vogel, die ebenso in ihrer Einfachheit, wie Funktionalität glänzen. Ein schwarzer Umhang und eine halbe Maske reichen völlig aus, um den unheimlichen Meister zu charakterisieren, wie er der kleinen Puppe des Krabat-jungen gegenüber tritt. Und von Goethes Faust adaptiert, rezitierte der Meister das „Raben-Einmaleins“, umringt von seiner Schar spatzengroßer, schwarzer Vögelchen.

Für Freunde des klassischen Kasperl-Theaters mag diese Theaterform Neuland sein, aber nicht weniger spannend und unterhaltsam für alle Sinne. Sie eröffnet völlig neue Sichtweisen, fordert und beflügelt gleichzeitig Fantasie und Imagination und macht es sowohl für Kinder als auch für Erwachsene zum Erlebnis.

Ein in jeder Hinsicht ausgewogenes Stück, mit Spannung, Spiel und Spaß und statt Schokolade offenbart sich ein schlichtes, aber umso wirkungsvolleres Happy End, aus dem man als tief beglückter Zuschauer heraustreten kann.


Potsdamer Neueste Nachrichten, 22.11.2010, Dirk Becker

Ein Spiegellichtlein Liebe

Das Leipziger Figurentheater Wilde & Vogel begeisterte mit „Krabat“ im T-Werk

Zwischen Krabats „Ich interessiere mich nicht für Mädchen“ und Kantorkas „Ja, ich liebe ihn“ liegen nur ein paar Minuten. Wortlose Minuten zwar, dafür aber bildstarke. Typische Wilde & Vogel-Minuten.

Die Liebe, die sich hier entspinnt und die am Ende entscheiden wird, ob das Gute oder das Böse siegt, ist in diesen Minuten nur ein kleines Licht. Ein Spiegellicht, das flatterhaft über die Bühne im T-Werk tanzt. Etwas Fragiles, das sich als Irritation entpuppen und so schnell verschwinden und vergessen werden kann, wie es gekommen ist. Eine Ahnung nur, in der aber schon jetzt Großes ruht. Am linken Bühnenrand steht Krabat. Eine kleine, leichenbleiche Puppe, wie man sie nur zu gut aus dem Arsenal des Figurentheaters Wilde & Vogel kennt. Kantorka, ebenfalls leichenbleich, steht am rechten Bühnenrand. Gleich neben dem Podest, das mittig postiert im hinteren Bühnenraum, für Charlotte Wilde als Plattform für ihre musikalischen Zaubercollagen dient.

Dieses kleine Licht also, geschickt von einem kleinen Taschenspiegel, tanzt schmetterlingshaft, vogelgleich und ohne Eile von Krabat hinüber zu Kantorka. Und es geht ein Zauber aus von diesem kleinen Licht, von dieser so einfachen Idee. Typischer Wilde & Vogel-Zauber. Und während man dort sitzt und diesem Tanz zuschaut, weiß man, dass eine gerade aufkeimende Liebe nicht schöner und treffender gezeigt werden kann, als mit diesem kleinen Handspiegel.

„Krabat“, das bekannte Märchen vom gleichnamigen 14-jährigen Waisenjungen, der in der Mühle im Koselbruch neben dem Müllerhandwerk auch die Kunst der Schwarzen Magie erlernt, am Ende jedoch den Versuchungen des Bösen widersteht und die Liebe siegen lässt, war am Wochenende in der Inszenierung mit dem Figurentheater Wilde & Vogel im T-Werk zu erleben. Zwei Vorstellungen, beide ausverkauft. Ein seit Jahren typisches Bild, wenn der Puppenspieler Michael Vogel zusammen mit der Musikerin Charlotte Wilde in Potsdam auftritt. Daran wird sich wohl auch in Zukunft nicht viel ändern. Denn mit ihrem „Krabat“ haben sie einmal mehr gezeigt, dass sie im Figurentheater zu den überzeugendsten Geschichtenerzählern gehören.

Etwas über eine Stunde reichen Charlotte Wilde und Michael Vogel, um die Geschichte von Krabat in losen Szenenfolgen zu erzählen. Mit dabei sind bei dieser Inszenierung Dagmar Sowa und Pawel Chomczyk von der polnischen Grupa Coincidentia und Florian Feisel, bekannt schon aus Wilde & Vogels „Hobbit“.

Die Bühne ist, wie so oft, ein schwarzes Loch, aus dessen dunklen Schatten sich die Figuren schälen, die Geschichte durch Bilder mehr angedeutet als erzählt wird. Und es sind gerade diese Andeutungen, mit denen es Wilde & Vogel mittlerweile zu einer Meisterschaft gebracht haben, die den Kopf des Zuschauers mit Assoziationen förmlich überfluten. Was die Schau- und Puppenspieler dafür benötigen, ist nicht viel, wie schon das Spiel mit dem Taschenspiegel zeigt. Doch es ist dieser Minimalismus, ein bis ins kleinste Detail verliebter Minimalismus, der die eigene Fantasie zu einem unendlichen Reich werden lässt.

Am Anfang ist da nur ein furchtbarer Lärm, den Charlotte Wilde auf einer Elektrogeige fabriziert. Die grauenhafte Sinfonie zu einer grauenhaften Zeit, als der 30-jährige Krieg das Land verheerte. Es ist die Zeit, in der Krabat zur Waise wurde und seinen Weg in die Mühle im Koselbruch fand. Am Bühnenrand liegen die Schauspieler. Im Todeskampf verdrehte Leichen auf einem Knochenberg. Krabats Weg in die Mühle, sein Treueschwur auf den düsteren Meister, das Treiben der Müllergesellen – all das wird nur in kurzen Passagen erzählt. Schau- und Puppenspieler vertrauen hier ganz auf die Macht ihrer Bilder, die von Charlotte Wilde auf der Violine mit Anspielungen an Bachsonaten, elektronischem Geflirre und fast sphärischem Gesang erst die richtige Form erhalten. Keine musikalische Untermalung, sondern die Farbe, die diese Bilder zu Vollendung brauchen. Und es sind diese Bilder, getanzt, gespielt, die am stärksten Eindruck hinterlassen.

Das Werden des Müllermeisters zum Knecht der dunklen Seite, die Knochenmühle, die Rabenverwandlungen der Müllergesellen, der Auftritt des „Herrn Gevatter“, ein lächerlich, tanzendes und tobendes Tödchen. All das wurde mit kunstvollen Bildern erzählt. Dazwischen immer wieder das Erstaunen darüber, wie wenig Michael Vogel mittlerweile braucht – eine Maske nur, ein Handschuh und ein dunkler Mantel – um sich als Schauspieler vergessen, ja fast unsichtbar zu machen und so nur seinen makaberen Puppen das Feld überlässt. Es ist ein beglückendes Staunen über ein an sich schon bekanntes und in seiner Grundstruktur so simples Märchen. Doch wenn es gut erzählt wird, geht immer wieder ein ganz besonderer Zauber davon aus. Typischer Wilde & Vogel-Zauber.