Stuttgarter Nachrichten, 6.2.2010
Hartmut Liebsch, Mitbegründer des Materialtheaters Stuttgart, zeigt im Fitz „Der letzte Müller"
VON HORST LOHR
Die kleine Bühne im Fitz ist gefüllt mit einer archäologischen Baustelle. Neben Knochenresten und einem Topfdeckel hat sie auch ein Wasserrad freigegeben. Aus diesen Fundstücken entwickelt Hartmut Liebsch, der Mitbegründer des Materialtheaters Stuttgart, am Donnerstagabend unter dem Titel „Der letzte Müller" seine liebevolle Bühnenhommage an die Mühlen und ihre einstige Bedeutung als Schaltstellen im Kreislauf Getreide-Brot-Tod.
Liebsch pendelt zwischen der Rolle des jovialen Erzählers und der des Figurenspielers. Aus Teig formt er groteske Mühlenbesitzer auf Mistgabeln, die sich wegen eines defekten Abwasserrohrs vor Gericht behar-ken. Und während Liebsch Bekanntes und weniger Bekanntes aus dem Liedgut um Müllers Lust und Leid singt, härtet seine Heißluftpistole in Minutenschnelle einen Teigkloß zum Kopf der „schönen Müllerin" - ein knusprig braunes Brötchen.
Zwischendurch verwandelt sich die archäologische Baustelle aber auch in Gefechtsstände der Weltkriege, aus denen Liebsch unsichtbare Müllersöhne als glühende Vaterlands Verteidiger Feldpostkarten an ihre Väter in der Heimat schreiben lässt - während Soldaten aus Miniknochen ins Massengrab im Plastikeimer tanzen.
Knapp eine Stunde dauert die Nostalgiereise in die Mühlenkultur. Manch witzige Szene entwickelt sich an einigen Reisestopps. Anderen fehlt indes der gehörige Schuss Ironie. Hartmut Liebsch, selbst seit Jahren Bewohner einer ehemaligen Wassermühle, verpackt in seiner Aufführung zu viele Informationen über reale historische Ereignisse, ohne sie durchgängig theatralisch zwingend zu verdichten. Das macht den kurzen Abend etwas langatmig.
Stuttgarter Zeitung, 6.2.2010
Figurentheater Hätte es 1957 nicht das Mühlenstillegungsgesetz gegeben, würden wohl bis heute noch Mühlen klappern. Aber worüber hätte Hartmut Liebsch dann ein Stück schreiben sollen? Der Figurenspieler wohnt in einer alten Mühle und hat sich wie ein Archäologe auf Spurensuche begeben. Im Fitz erzählte er in dem Solo „Der letzte Müller" von Mahlbüchern und Gerichtsakten, backt mit dem Föhn Gesichter aus Brotteig und singt Müllerslieder. Vom Mythos des bösen Müllersmann erfährt man so wenig wie von der schönen Müllerin. Die kurzen Spielszenen, die er aus den historischen Dokumenten destilliert hat, sind schwerfällig, und so interessant manche Informationen sind, Liebsch trägt sie allzu betulich vor. Wäre er Müller, würde man wohl sagen: das Rad kommt einfach nicht in Schwung.