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Presse

Süddeutsche Zeitung, 14.10.08

Der Weg in Almas ängstliches Herz

Ein wunderschönes Stück von der Berliner Theaterfusion und dem Figurentheater Paradox im Kinderleierkasten

Sonne, Wellenrauschen, Möwenkreischen - so ein Tag am Meer müsste herrlich sein, träumt Alma täglich, traut sich aber nicht aus ihrer Wohnung. Wie Fee Mia eingreift, Alma ihre zwanghaften Ängste überwinden hilft, das erzählten Stephanie Rinke und Susanne Olbrich in ihrer mit viel Feingefühl und leisen Tönen inszenierten „Muschellauscherin" am Freitag im Kinderleierkasten der Friedenskirche.
Eklige Spinnen, aufdringliche Küsse aufdrückende Erwachsene, Kinderwaden zerfleischende Hunde - traumatisierende Kinderängste gibt es genug, und bei Alma Hase sitzen ganz schön viele dieser panischen Gedanken im Kopf. Deshalb träumt sie zwar täglich vom Ausflug ans Meer, doch allein der Griff zum Haustürschlüssel ist ein unüberwindbares Hindernis. Was alles passieren könnte, das malt sie sich akribisch aus, „ich stürze, der Busfahrer passt nicht auf, Tod, Ende, aus".

Mit feinen Gesten gibt die ganz in fahle Grautöne gewandete Stephanie Rinke die von ihren Ängsten Beherrschte, die nur mit akribischer Ordnung und penibler Regelmäßigkeit über den Tag kommt. „Zu Hause ist es doch am Schönsten, da hat alles seinen Platz", so auch die vielen Dutzend winziger Papierschiffchen, die Alma täglich mit akribischer Fingerfertigkeit aus dem Kalenderblatt faltet, bevor sie -„streichen, streichen, klopf, klopf, klopf", ein natürlich graues Tuch über ihren Tisch breitet.

So geht das, bis Mia vom Amt für scheinbar unerfüllbare Wünsche eingreift. Diese Fee mit fünfhundert Jahren Zaubererfahrung gibt Susanne Oblrich als resolute Macherin, die tatendurstig erst Mal das Funkgerät anwirft, um genaue Instruktionen einzuholen für diesen „leichten Fall, sie will nur ans Meer", da muss die zupackende Fee ihre lederne Fliegerkappe und den rote Einsatzmantel erst gar nicht ablegen. Doch Tricks funktionieren nicht, muss Fee Mia irritiert erkennen und greift zum Paket. Darin sitzt Rolf, ein kuscheliges Wesen, das sich mit Beharrlichkeit und kindlichem Übermut einen Weg in Almas ängstliches Herz bahnt. Die Herzen der Zuschauer in der Kleinkunstbühne' Leierkasten waren leichter zu gewinnen. Sie flogen Susanne Olbrich vom Berliner Theater Fusion und Stephanie Rinke vom Stuttgarter Figurentheaters Paradox für ihre Kooperationsproduktion zu. PETRA SCHAFFLIK

StN, 19.07.07

Unbedingt anschauen!

„Und plötzlich ein Paket" im Fitz. - Ein großer Wunsch und eine noch größere Angst: Ehe Alma das Meer sehen kann, muss sie von ihren Kindheitstraumen genesen. So sperrig der Titel des zauberhaften Psychodramas ist, so feinfühlig setzt sich das Ensemble des Figurentheaters Paradox und Theaterfusion (Regie: Lisa Augustinowski) mit dem Sujet des inneren Eingesperrtseins auseinander.

In symbolhaftem Grau ist das winzige Zimmer in dem Metallgerüst gestrichen, in dem Alma Hase ihr Leben fristet. „Ob Norden, Süden, Osten, Westen, bei mir zu Hause hab' ich's doch am besten", tröstet sie sich, wenn sie es wieder einmal nicht geschafft hat, sich ihren Traum zu erfüllen: einmal das Meer zu sehen. Papierene Faltschiffe auf dem Fensterbrett - fast so viele, wie das Jahr Tage hat - sind Zeugen ihrer Neurose. So szenarienhaft Almas Phobien sind, so lakonisch geht sie damit um. Sie lauscht dem Rauschen der Riesenmuschel, lässt sich von der Spieluhr bezaubern, [aber] nur die Konfrontation mit der Vergangenheit und das Mitgefühl mit einem lebendigen Wesen, einer liebenswerten, eselsohrigen Tierpuppe, heilt die Kranke. Psychologie pur, künstlerisch großartig umgesetzt, unbedingt anschauen!