Stuttgarter Zeitung
Von Nicole Buck
Mit lautlosen, synchronen Schritten tanzen sie auf die Bühne: ein Paar in perfekter Harmonie. Schon dieses erste Bild von "Nacht wandler" greift die Handlung des Stückes auf, erinnert dieser Tanz doch an die Kugel menschen des Aristophanes, jenen noch kom pletten Wesen mit vier Armen und vier Beinen, denen die Sehnsucht nach dem ande ren Geschlecht noch fremd war. Doch wie bei den Kugelmenschen, die in Individuen ge trennt wurden und seither auf der Suche nach ihrer zweiten (besseren) Hälfte sind, löst sich auch das Paar voneinander, als die Roma-Musik feuriger wird, und ein Kampf um die individuellen Träume und Hoffnun gen innerhalb einer Beziehung beginnt.
Zwischen Schauspiel und Objekttheater bewegt sich das Stück "Nachtwandler", eine Koproduktion des Theaters Peppermind und des ungarischen Objekttheaterspielers Gyula Molnar, das bereits 1988 unter dem Titel "Veglie" in italienischer und französischer Sprache auf die Bühne kam, und jetzt in der deutschsprachigen Fassung im Fitz zu sehen ist. Wie schon bei der Uraufführung führt Francesca Bettini Regie und entführt das Publikum in eine Welt voll von zarten, aber auch absurden und brutalen Bildern, denen eine ganz eigene Poesie innewohnt.
"Nachtwandler" setzt sich zusammen aus Symbolischem und Assoziativem, aus kleinen und großen Gesten, aus Melodramatischem, aber auch einer großen Portion Humor. An nette Scheibler als die Frau und Gyula Mol nar als der Mann stellen in vielen kleinen Szenen einen Geschlechterkampf dar, der alltäglicher, aber auch entfremdeter kaum sein könnte. Die Frau in Bauerntracht und Stiefeln spielt das Weibliche mit allen Facet ten, sie träumt von der Liebe und einem Zuhause. Er dagegen verspürt den Drang, der Zweisamkeit zu entrinnen, muss nach drau ßen, um Revolution zu machen, und verliert dabei immer mehr von sich.
Wie hart die zwei Lebensentwürfe aufei nander prallen, wird in einer Szene sehr eindrücklich gezeigt: Sie erblickt in einem Scherbenhaufen einen noch unbeschädigten Teller und nimmt ihn glücklich an sich wie eine Kostbarkeit. Doch der Mann reißt ihr den Teller aus der Hand und beißt ein Stück heraus - und vergrößert so auch den Scher benhaufen ihrer Beziehung, zudem mit dem Risiko, sich selbst dabei zu verletzen. Doch die Frau ist keineswegs schwach, sie unter stützt ihn bei seinem Traum, die Welt zu verändern, als ihn die Furcht ergreift, holt ihn aber auch wieder in die Realität zurück, wenn seine Träume zu absurd werden: "Ich will in den Spanischen Bürgerkrieg ziehen!" - "Aber der ist doch längst vorbei!"
Sie scheint die Geschlechterunterschiede zu durchschauen und nicht immer ernst zu nehmen ("Männer fallen immer nach unten, dahin, wo sie einen Halt finden"), er dagegen handelt fast schon brachial: Er zeigt seine Verbundenheit mit ihr dadurch, dass er sie an ihrem Zopf am Bett festnagelt. So derb manche Szenen sind, so fein und subtil sind viele andere. So signalisiert sie ihm, dass er bleiben soll, indem sie sich auf seine Schnür senkel stellt. Bestünde die Beziehung der Protagonisten nur aus Kampf, würde die Geschichte unglaubwürdig. Es sind aber auch sehr tiefe und innige Momente der Verbun denheit zu sehen, etwa dann, wenn er auf ihrem Schoß liegt und sie ihn vor sich selbst zu beschützen scheint.
Doch nicht nur theatrale Szenen gehören zu den Mosaiksteinchen, aus denen "Nacht wandler" zusammengesetzt ist, schließlich kommen Annette Scheibler und Gyula Molar aus dem Figuren- und Objekttheaterbereich. Das kommt in wunderschönen Szenen zum Tragen. Beispielsweise ist das Paar in einem Wagen unterwegs, der aus einem Tisch be steht, vor den zwei Paar Schuhe gespannt sind. Herrlich auch, wie Annette Scheibler den Scherbenhaufen zusammenkehrt und dabei ihr Bein kurzerhand zum Besen wird. "Nacht wandler" überzeugt in vieler Hinsicht, durch eine berührende Geschichte um Liebe und Träume, die aber ohne Scheu auch von den bitterbösen und enttäuschenden Momenten des Lebens erzählt. Tiefsinnig und amüsant.
Stuttgarter Nachrichten
Eins, zwei, Wie geschritt. Eins, zwei, Wiegeschritt: Geführt vom Schmeicheln ungarischer Roma- Klänge, tanzt das bäuerlich fremdartige Paar in die gemeinsame Zukunft. Um seine Liebste heimzufahren, funktioniert er einen Küchentisch zum Fuhrwerk um. Die groben Stiefel der beiden mit den ewig langen Schnürsenkeln mutieren zum Pferdege spann am Zügel.
"Nachtwandler" nannten Gyula Molnar und Annette Scheibler ihren mit dem Stutt garter Theater Peppermind koproduzierten und von Francesca Bettini inszenierten Traum vom erfüllten Leben im Zweiertakt. Dabei gelingen den beiden Spielern gleicher maßen ironisch expressive wie symbolträch tige Bilder voll Poesie und Witz.
Zwei chaplineske Melancholiker suchen im Buchstabensalat einer alten Schreibma schine nach dem Sinn des Lebens und verir ren sich dabei im Labyrinth der Sprache. Er will sich als Mann erleben, indem er von einem Krieg in den nächsten stolpert. Auf seiner Brust haftet als Verdienstorden das Bügeleisen, mit dem sie ihm seine Uniform
geplättet hat. Ihr bleibt derweil nur die Flucht ins Dasein des Heimchens am Herd. Die nackten Beine benötigt sie nicht mehr zum Lustgewinn ihrer besseren Hälfte, son dern nur noch als Besen, die zerschlagenes Porzellan zusammenfegen dürfen. Scherben der zu Bruch gegangenen Illusionen zweier Lebensakrobaten, die sich gegensei tig beim Balanceakt auf einer Kaffeetasse stützen müssen. Horst Lohr
Esslinger Zeitung
Im Stuttgarter FITZ hat "Nachtwandler" in einer Inszenierung von Francesca Bettini Premiere
Stuttgart - Den Mann juckt's am Rücken. Das sind die Narben, sagt sie. Die Narben von den Flügeln. Weiß doch jeder: Bevor ein Mensch geboren wird, kommt ein Engel und gibt ihm einen Nasenstüber. Und von diesem Nasenstüber vergisst der Mensch auf der Stelle alles, was ihm zuvor geschehen ist, heißt es in Itzik Mangers "Buch vom Paradies". Paradiesisch ist die Beziehung der beiden nicht gerade. Dem Engel wurden die Flügel beschnitten und der Himmel ist auf die Erde gefallen, wo er einen Berg wolkenweißer Porzellanscherben hinterlassen hat. Tristesse und Leidenschaft spiegeln sich im Stück "Nachtwandler", das jetzt im FITZ Premiere hatte. Gyula Molnar, international bekannter Vertreter der Objekttheaterszene, und Annette Scheibler, vielbejubelter Star der deutschen Figurentheaterszene aus Stuttgart, haben mit Unterstützung der italienischen Regisseurin Francesca Bettini einen emotionalen und visuellen Bilderbogen geschaffen. Nicht das Wort zählt hier, sondern das Bild. Wer nicht versucht, irgendeinen Sinn oder Zusammenhang in diesem poetisch-philosophischen Spiel zu suchen, hat sein Vergnügen an dieser unerschöpflichen, aus gedanklichen Bruchstücken zusammengesetzten Bilderwelt. Am meisten berührt die Menschlichkeit und die spürbare Lust des Trios am Theater. Mittels Musik, Tanz, Pantomime, Objekten und zwei großartigen Darstellern entsteht eine szenische Illusion, deren Geheimnis der Besucher noch auf dem Nachhauseweg zu enträtseln versucht. Aber man sollte es besser lassen und die Kunststücke, Einfälle und akrobatischen Einsprengsel samt fliegender Chagall-Kuh für sich sprechen lassen.
Liebe aus der Distanz
Wer nicht krampfhaft zu deuten versucht, kann über den Witz der aneinandergereihten Nonsense-Sätze und Allgemeinplätze ständig lachen. Wie über jenen Satz von der Liebe der Frau zum Mann, die am größten ist, wenn der Mann weit weg ist. Das passt dann besonders gut, wenn er eine Revolution machen und in den spanischen Bürgerkrieg ziehen will. Dass der vorbei ist, stört ihn nicht. Dann such' ich mir einen anderen, denkt er bei sich. Es ist eine bemerkenswerte Ästhetik, welche dieses bizarre und groteske, gelegentlich melancholisch-poetische, meistens von feinherbem Witz dominierte Bildertableau hervorruft. Trotz gelegentlicher Längen sind die Ideen hinreißend, die nicht im intellektuellen, sondern im emotionalen Sinn leicht begreifbar werden. So avancieren zwei Paar Stiefel in Formation auf einer Bank zu Kutschpferden, die Schnürsenkel zu Zügeln. Auf dem Tisch dahinter hoppeln Scheibler und Molnar zu ungarischer Roma-Musik wie auf einem Karren. In einer anderen Szene nimmt Scheibler ihr strammes Bein, als ob's nicht ihres wäre und kehrt wie mit einem Besen die Scherben ihrer Ideale am Boden zusammen. Eine Schreibmaschine wartet auf ihren Einsatz als Akkordeon, während die beiden Gefühlsdompteure auf Wörtern und Sätzen herumtrampeln, als handelte es sich um zerdepperte Espressotässchen. Was spielt es auf dieser Suche nach gestohlenen Träumen, nach Erinnerungen und nach jener sagenumwobenen Freiheit in Unendlichkeit für eine Rolle, ob der Mann Sebastian, Michael oder vielleicht Fritz heißt - und die Frau gar nicht Elvira ist? Schließlich geht es um Wunschbilder, die jeder vom anderen im Kopf hat.
Ludwigsburger Kreiszeitung
"Nachtwandler" im Figurentheater Fitz fordert dem Zuschauer Anstrengung ab
Stuttgart - Die Liebe und das Heldentum des Revolutionärs - geht das zusammen? Zwei Menschen, die wie die beiden Königskinder nicht zusammen kommen können, so lautet das Thema von "Nachtwandler", das im Figurentheaterzentrum Fitz Premiere feierte.
Halb Sprechtheater, halb diese fast nicht zu beschreibende Sym bolik des neueren Figurentheaters, das sehr mit Körpern und Bewegungen, mit kleinen Meta phern arbeitet - so präsentiert sich diese Inszenierung von Fran-cesca Bettini mit Annette Scheib ler vom Stuttgarter Theater "Pep- permind" und Gyula Molnar auf der Bühne. Kleine, manchmal sehr surreal anmutende Szenen erzählen die Geschichte einer Frau, die die große Liebe gefun den hat. Sie will sie leben mit dem Mann ihrer Träume, der lie ber Revolution machen will.
In Scherben liegen die Träume beider, wörtlich auf der Bühne. Der Weg durchs Leben, der im tänzerisch-leichten Idyll beginnt, wird streckenweise zum Alptraum, zum Trauma. Und doch, sie kommen immer wieder zu sammen, auch wenn sie sich fremd sind. In manchmal tief an rührenden, manchmal auch fremd und kalt wirkenden Sze nen illustrieren beide Akteure ih re Geschichte, die die Besucher oftmals weit aus der Realität he rausführt in eine Welt, die keine Logik mehr kennt.
Konkrete Szenen lösen sich federleicht im Nebel der Träume auf, ebenso plötzlich wird man wieder in die Realität zurückgeholt. Aber der große Rest ist fliegende Phantasie, die sich zuweilen etwas schwierig erschließt, die manchmal ein wenig zu vage wirkt, als dass sie zielsicher jeden Zuschauer erreicht. Der muss sich schon mühen, einen Zugang zum Geschehen zu finden, sonst läuft er Gefahr, dass das Stück an ihm vorbeirauscht - in all seiner Zartheit, seiner Unaufgeräumtheit, in seinem Flair von Unvollkommenheit.