
Magdeburger Volksstimme, 18.06.07
Figurentheaterfestival präsentierte die „Passion der Schafe"
Ihre Gottlosigkeit ist geradezu göttlich und ihre Respektlosigkeit erntet den uneingeschränkten Respekt der Zuschauer: Mit der Inszenierung „Passion der Schafe" präsentierte das „7. Internationale Figurentheaterfestival Blickwechsef" ein Spiel um Glaube, Hoffnung, Liebe, das Erinnerungen an Monty Python wach werden lässt und mit begeistertem Beifall aufgenommen wurde.
Magdeburg, Vier Männer und drei Frauen machen sieh auf, das Leben von Jesus Christus zu erforschen und nachzuspielen. Aber nicht, ohne vorher ihre Standpunkte zu erklären: Der einen wurde schon als Kind gesagt, dass Gott alles sieht. Bald wuchs ihr eine rosa Blase aus dem Kopf, in der alle sehen konnten, was sie gerade denkt. Deshalb beschloss sie einfach, nicht mehr zu denken - und es funktioniert. Das Schaf nimmt Gestalt an.
Ein Mann gibt sich als Geschäftsmann zu erkennen, der
nie genug kriegen kann. Natürlich weiß er, dass dies falsch ist, aber Schuld trägt er daran nicht, weil die Welt nun mal so ist. Ein zweiter hat zwar vorm Altar gebetet, weil er ein guter Mensch sein will, doch bald darauf hat er einen Blinden mitten auf der Straße stehen lassen und sich im Bus an alten Flauen gerieben. Sünde macht einfach mehr Spaß.
Den Zuschauern wird eine differenzierte Selbsthilfegruppe offenbart, in der jemand vom Glauben abgefallen ist, weil Jesus nie mit ihm gesprochen hat oder eine Frau sich den Kopf rasiert und die Beine einschnürt, weil sie Freude am Schmerz hat.
Absurdität als Mittel zum Zweck
Die Statements zwischen Skurrilität und Groteske als Gleichnis für menschliche Unvollkommenheit treffen den Nerv des Publikums - Heiterkeit schon in den ersten Minuten. Mit jeder Lebensgeschichte wächst die Zahl der Schafe, bis ein kollektives Blöken von der Geburt einer Herde kündet. Gemeinsam wird beschlossen, Theater zu spielen ... Wenn die Akteure mit einfachsten Mitteln des Materialtheaters in ihre Rollen als Maria Magdalena, als Pilatus oder Herodes schlüpfen, mischt sich Religionsgeschichte mit subtiler Komik zu einer köstlichen "Verballhornung blinden Glaubens. Porträts aus Büchern werden im Spiel zu Köpfen der Protagonisten, ein hölzerner Ring ist austauschbarer Heiligenschein.
König Herodes, der unschuldige Kinder töten ließ, hat Probleme mit der Prostata und als er seine Schmerzen theatralisch auslebt, fragt ihn der „Reiseführer" der Truppe erstaunt, woher er denn diesen Text habe. Irgendwann kommen sogar die Exkremente eines Esels zu Wort, die dem Publikum davon berichten, wie sie die Kreuzigung erlebt haben.
Mehr und mehr wird Absurdität Mittel zum Zweck, das Schaf sein intellektuell zu sezieren. Ganz nebenbei schildert ein Legionär die rein handwerklichen Abläufe des Kreuzigens - drei Leute braucht man dafür mindestens, fünf sind besser. Wie all das auf die Bühne gebracht wird, ist schlicht und einfach köstlich - die dramaturgische Spielweise ist den Akteuren Spielwiese für ihre Spielfreude, die letztlich nur ein Ziel hat - das Schaf zur Besinnung zu bringen oder wenigstens zum (Nach)Denken zu animieren. Denn dieses Schaf, so erklärt am Ende der Teufel einem mittlerweile höchst gelangweilten Gott, hat eigentlich selbst beschlossen, sich zu opfern.
„Die Passion der Schafe" ist gleichermaßen pointenreiches wie dramaturgisch ausgeklügeltes und in seiner „religiösen Unverschämtheit" dennoch subtiles Theater, das in Zusammenarbeit des Ensemble Materialtheater mit dem Fitz! Zentrum für Figurentheater, dem Internationalen Figurentheaterfestival Blickwechsel und Velo Teatre Apt entstand.
Info 3 Juni 07
Die Tücken des Religiösen als Figurentheater
Im Stuttgarter Figurentheater FITZ fand eine besondere Uraufführung statt: Die Passion der Schafe, dargestellt vom Ensemble Materiallheater. Die vierköpfige Truppe ist diesmal um drei Gastspieler erweitert, sieben Personen also, Figuren-Puppen-Schauspieler und Objektheatermacher, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft (Deutschland, Italien, Spanien, Ungarn) über keine gemeinsame Muttersprache verfügen. Dennoch haben sie das Stück und die deutsche Textfassung gemeinsam entwickelt und geschrieben, geprobt wurde aus Fairness-Gründen auf französisch - der einzigen Fremdsprache, die alle beherrschen -: das konnte heiter werden. Und das wurde es auch, erstaunlicherweise, denn es geht in dieser Produktion um ein brandaktuelles und ernstes Thema: Legitimation von Gewalt aufgrund religiöser Gläubigkeit. Beinah automatisch schrillt zu diesen Schlagwörtern die Dschihad-Glocke im Hinterkopf- und das ist die erste Überraschung des Abends: das Stück spielt im christlichen Kulturkreis. Eine dramatische Darstellung, die sehr subtil und handgreiflich die Gewaltstrukturen aufs Korn nimmt, die in jedem religiösen Kontext drohen und zu Missbrauch und Traumatisierung des individuellen Menschen führen können. In Israel klagt gerade eine fromme Jüdin gegen eine staatliche Busgesellschaft, die sich von Ultraorthodoxen eine Sitzplatzordnung aufzwingen ließ - Frauen stehen hinten mit kleinen Kindern an der Hand, vorne sitzen die Männer, Frauen, die es wagen sich in die Männersektion zu setzen, werden verprügelt. Der Papst hat kürzlich auf seiner Südamerikareise wieder den vorehelichen Beischlaf und überhaupt die Lebenslust gegeißelt, trotz Aidsgefahr gelten Kondome der katholischen Kirche weiterhin als Handwerkszeug des Teufels. Es ist eine universelle Geschichte, die sich auch in der Moderne weiterhin abspielt. Inspirationsquellen für die heutige Inszenierung waren u. a. Texte von Saramago, Bulgakow, Pasolini und Marx. Es wird mit Versatzstücken und Symbolen der christlichen Ikonografie gespielt - in einer unglaublichen Mischung von schräger Komik, leidenschaftlichem Komödiantentum und hochpolitischem Ernst. Das Besondere daran ist, dass niemals der Respekt verletzt wird, weder vor dem Menschen, der zum Opfer religiösen Wahns wird, noch vor den positiven Potentialen des Religiösen.
Eine Gruppe anonymer Atheisten tritt auf wie eine Herde verlorener Schafe. Jeder beschreibt seine spezifische Verwirrung, die im gemeinsamen Inszenieren der Evangelienhandlung eine Art Katharsis finden soll. Ungeheuer komisch wandelt diese Selbsterfahrungsgruppe durch die biblische Geschichte und integriert den jeweiligen Irrsinn des Betroffenen darin. Da ist Susanne mit der riesigen rosa Blase auf dem Kopf - mit dreizehn hat man ihr gesagt: Gott sieht alles, sogar deine Gedanken. Nun soll sie auf dem Selbsterfahrungstrip ausgerechnet die Rolle der Maria übernehmen, wogegen sie sich mit clownesker Verzweiflung sträubt. Dann ist da jener Messdiener, der immer noch den inneren Weg nach Palästina sucht und folglich die Rolle des Esels übernimmt. Er berichtet dann die Evangeliengeschehnisse aus der Eselperspektive. Neben dem animalischen Blickwinkel kommen auch die Objekte zu Wort. Die Spielmacher verleihen den simpelsten Gegenständen einen doppelten Boden, die Dimension des Phantastischen. Es ist ein äußerst sprechendes Geschehen, das sich so einstellt. Sichtbar verschieben sich die Gewichte immer mehr aus dem äußeren biblischen Kontext ins innere Standbild. Die Truppe findet so himmlisch komische Einstellungen und Ausdrucksformen, dass man wie in einem Fotoalbum der Neurosen blättert.
Was hat das alles mit uns, dem aufgeklärten, sich amüsierenden Publikum zu tun? Man wird so innig angerührt von diesem spielerischen Zeigen der Wunde (Beuys), dass sich im eigenen inneren Theater sehr bald herausstellt: auch du bist gemeint. All das im zeitgenössischen Bewusstsein, was ins Herdenhafte tendiert, ins Anklammern an Objekte der Liebe und des Glaubens. Das scheint nicht wenig heutzutage.
Wir sind vielleicht wundergläubiger (der Klimawandel wird schon irgendwie wieder weggemacht werden, von irgendwem), objektbesessener (Schnäppchenjäger) und denkfauler ("Sachzwänge") denn je. Der große Gott des Geldes jagt seine Herde rund um die Erde. Und wer wäre nicht in Gefahr, gelegentlich freiwillig den Verstand zu verlieren, wenn man ihm dafür den wieder gefundenen Glauben an die Welt und den Menschen verspricht.
Ute Hallaschka
. Die Passion der Schafe lässt sich besichtigen auf diversen Festivals
(u.a. "Blickwechsel" in Magdeburg, "Fidena" Bochum) und mit Glück in der nächsten Spielzeit im FITZ.
StN, 07.05.07
Im FITZ: Das Materialtheater zeigt „Passion der Schafe"
„Ich habe noch einige Rechnungen zu begleichen mit diesem Herrn (Gott). Nicht, weil es ihn gibt, und auch nicht, weil ich an ihn glaube, sondern weil er den Menschen im Kopf herumgeht."
Wie schon den portugiesischen Schriftsteller. Jose Saramago treibt es auch die sieben Mitglieder einer Selbsterfahrungsgruppe, ihre im Namen christlicher Religion erlittenen Traumata mit der „Kraft des Theaters" aufzuarbeiten - als Abordnung einer riesigen Herde weltweit grasender Glaubensschafe.
Dazu nehmen sie, angeregt auch von Autoren wie Fernando Pessoa, Pier Paolo Pasolini und Karl Marx, die Geschichte des Christentums gründlich unter die Lupe. Und entdecken dabei mit gleichermaßen schlichten wie kraftvollen Bildern feinsinnige und komische Antworten auf die Frage, weshalb Religion bis in unsere Tage zur Rechtfertigung von Hass und Gewalt missbraucht wird.
„Passion der Schafe" nennen das Ensemble Materialtheater Stuttgart und seine Gäste aus Italien und Ungarn ihre in Kooperation mit dem Figurentheater Stuttgart entstandene Bühnen-Anamnese exaltierter Sehnsucht nach dem Göttlichen. Regisseurin Francesca Bettini hat das Projekt als ironisch-babylonische Glaubensverwirrung inszeniert.
In einer Selbsterfahrungsgruppe führen die Figurenspieler Sigrun Nora Kilger, Alexandra Kaufmann, Annette Scheibler, Paolo Cardona, Hartmut Liebsch, Gyula Molnär und Alberto Garcia Sänchez religi-onsgeschädigte Gottsucher bei der Selbsttherapie vor. In Gestalt blökender Schafe, verschiedener Marias, Gott und Teufel befreien sie die Protagonisten der biblischen Geschichte von der Patina des Verklärten und lassen sie als Menschen aus Fleisch und Blut erscheinen. Dabei stürzen die sieben Darsteller die Bühne in ein perfekt choreografiertes Chaos aus scheinbarem Unvermögen und entwickeln als Experten des Komödiantischen wunderbar clowneske Spitzen gegen blinde Gläubigkeit und religiöse Ekstase.
Rund um einen auf dem Bühnenboden herumliegenden Bücherberg als Altar unzähliger Deutungsmuster des Göttlichen kehren die Teilnehmer beim gruppentherapeutischen Outing ihr Innerstes nach außen. Eine Verschüchterte verbirgt unter einer Kissenmütze die aus ihrem Kopf wachsende Sprechblase aller Gedanken, die Gott nicht sehen soll. Vom Glauben in den Masochismus getrieben, lebt eine andere den Schauder vor, der sie überfällt, wenn sie Gottes Hand auf ihrem Knie spürt.
Kunstvoll bissig geht es drunter und drüber bei dieser theatralischen Abrechnung mit religiös verbrämter Unmündigkeit. Ein deutscher Legionär in der römischen Armee beschreibt lakonisch wie ein Nachrichten-Sprecher die effektivste Art, 80 Kreuzigungen an einem Tag durchzuführen. Petrus verleugnet an Stelle Jesu dreimal den Hahn und schleppt in der Nachfolge des Gottessohns einen Mann hinter sich her, der als Vertreter einer Halt suchenden Menschheit sein Bein umklammert. Ein zornig Liebe einfordernder Gottvater schließlich thront als Patriarch auf einer Wattewolke und lässt sich wie ein Baby in des Teufels Schoß bergen - das christliche Patriarchat ist aus den Fugen geraten. (Hort Lohr)
StZ, 07.05.07
"Passion der Schafe": Im Fitz wagt sich das Ensemble Materialtheater an die letzten Dinge
Gott sieht alles. Pass bloß auf, hat man Susanne immer wieder gesagt, Gott sieht auch deine Gedanken. Auch die bösen Gedanken? Die unnützen? Schließlich ist Susanne so verunsichert, dass Gott etwas Sündiges entdecken könnte, dass sie beschließt, einfach gar nicht mehr zu denken. "Es gelang", erzählt sie nun, Jahre später, bei den anonymen Atheisten. Eine Gruppe wundersamer Gestalten hat sich da zusammengefunden, reichlich neurotische, zwanghafte, perverse Typen. Hat die Kirche sie so deformiert? "Passion der Schafe" nennt sich das neue Stück, das nun im Figurentheater Fitz Premiere hatte. Figuren sind zwar nicht mehr auf der Bühne, dafür aber großes Personal: Das Ensemble Materialtheater Stuttgart hat Gäste eingeladen, den Ungarn Gyula Molnär, den Italiener Paolo Cardona und Alexandra Kaufmann aus Berlin.
Jeder hat seine Erfahrungen mit dem Glauben gemacht. Die Akteure haben sich für "Passion der Schafe" inspirieren lassen von Jose Saramago, Pier Paolo Pasolini und Michail Bulgakow, aber auch Eigenes einfließen lassen bei der Gestaltung der Figuren, die jede auf ihre Weise mit dem Glauben ringt: Da ist einer, der immer gut sein wirf, "aber die Sünden lauern überall". Er hilft dem Blinden über die Straße, aber mitten im Verkehr dreht er den armen Kerl im Kreis und haut ab. Da ist der Geschäftsmann (Hartmut Liebsch), der alle "über den Tisch ziehen muss". Oder die lüsterne Lady (Sigrun Kilger), die sich für ihre Sünden geißelt "Ich leide - und liebe es", sagt sie und zeigt stolz die Lederriemen ums Bein.
"Passion der Schafe" wagt sich auf heikles Terrain, beim Thema Glauben verstehen Glaubende selten Spaß. Aber so zugespitzt die Figuren sind, so spielerisch und komödiantisch mit der Gottesfrage umgegangen wird, es steckt doch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Rolle von Glaube und Kirche dahinter. Zu Therapiezwecken sollen die anonymen Atheisten das Leben Jesu nachspielen. Sie bedienen sich in freier Assoziation der christlichen Ikonografie, sie spielen die drei Marien, Matthäus, Petrus, Pilatus oder römische Legionäre, aber indem sie die Perspektive verschieben, mal die Psyche, mal die Rolle innerhalb der Geschichtsschreibung beleuchten, wird deutlich, wie Glauben in unserer Gesellschaft verhandelt, abgebildet, tradiert wird. Geschickt vermischen sich die historischen Gestalten mit den Charakteren der Bühnenfiguren, und je bibelfester der Zuschauer ist, desto mehr Zitate und Anspielungen wird er entdecken.
Hier zahlt sich das große Team (das sind außerdem Annette Scheibler und Alberto Garcia Sänchez) aus, und die Regisseurin Francesca Bettini hat die vielen Ideen und Talente der Akteure zu einem stimmigen Gesamtwerk zusammengefügt. Am Ende ist das Spiel im Spiel bei Gott im Himmel angekommen. Sie versuchen mit ihm zu verhandeln, ob er nicht weniger streng sein könne. Aber Gott bleibt hart: Er wolle bedingungslose Liebe, und zwar von jedem. (Adrienne Braun)
EZ, 08.05.07
Kurzweiliges Warten auf ein Zeichen Gottes: Uraufführung von „Passion der Schafe“ im Fitz
Stuttgart - Die Herde ist orientierungslos, der Hirte lässt sich nicht blicken. Die Frage liegt auf der Hand, würden sie ihn überhaupt erkennen, wenn er käme? Wie muss einer aussehen, der Millionen von Schafen im Zaum hält?
Persönliche Bekenntnisse
Zwei äußerst kurzweilige Stunden lang kreisen die vielschichtigen Gedanken der siebenköpfigen Gruppe bekennender Atheisten um Gott und die Welt, Glauben und Zweifel und Jesus Christus samt dem Teufel. Das Ensemble Materialtheater Stuttgart und internationale Gäste haben dabei die Religionsgeschichte aus einem sehr menschlichen Blickwinkel stark komprimiert.
„Passion der Schafe“ wurde jetzt im Fitz Zentrum für Figurentheater in Stuttgart uraufgeführt. Selten durfte bei biblischen Darstellungen voller Todesahnung so gelacht werden. Das macht den Charme der Inszenierung aus, bei der Francesca Bettini ganz undogmatisch Regie führte: keine Blaspehmie, aber auch keine Bigotterie. Annette Scheibler, Sigrun Kilger, Alexandra Kaufmann, Paolo Cardona, Hartmut Liebsch, Gyula Molnàr und Alberto Garcia Sánchez schlüpfen in mehr oder minder heilige Figuren und nähern sich ihrem persönlichen Glaubensbekenntnis aus unterschiedlichen Lebensperspektiven.
Ein Umstand verbindet die Gruppe heilssuchender Individualisten: Jeder wartet auf ein Zeichen Gottes. Susanne mit der riesigen rosa Blase auf dem Kopf, die von einem Kopfkissenbezug mehr betont als verhüllt wird, hatte bereits mit 13 heimlich Treffen mit der Jungfrau Maria und fragt sich heute noch, ob Gott wirklich alles sieht - auch die Gedanken.
Franziska wiederum weiß nicht, zu welcher Herde sie wohl gehört. Sie zweifelt an der Existenz des einen Gottes und fürchtet, dass jeder den Anspruch erhebt, der Einzige zu sein. Einer aus der Gruppe will gut sein und sieht doch die Sünden überall lauern, sogar mitten auf der Fahrbahn, die er mit einem Blinden überquert. Evita verhält sich diametral zu ihrem Namen („kommt vom italienischen evitare, alles vermeiden, was mir schadet“). Sie hatte bereits mit zwölf ein Beichtstuhlerlebnis der erotischen Art: „Ich leide und ich liebe es.“
In wunderschönen Standbildern präsentiert sich die (un)heilige Familie unterschiedlichster Marias hingebungsvoll. „Wir sind eine Herde unwissender Schafe, aber wir tun unser Bestes.“ Maria Muttergottes hat das Recht banal zu sein, ihr Sprössling wirft mit Steinen nach dem Esel und klaut Obst, und Maria Magdalena ist schwanger und darf ein Kind kriegen.
Leidenschaft und Chaos
Das Spiel auf der Bühne ist chaotisch, leidenschaftlich, emotional und es ist mit allen Sinnen begreifbar. Mariä Verkündigung ist eine göttliche Performance, in der der Engel des Herrn sprach: „Ich bin ein Engel, aber sag es keinem weiter.“ Der Kindermord in Bethlehem durch die Soldaten des König Herodes ist allerdings übers Ziel hinausgeschossen und zu slapstickhaft geraten. Dafür haben die modernen Atheisten eine bessere Idee, was man mit dem schnöden Mammon anfangen kann, von dem Jesus einst den Tempel befreite: „Man kann Gutes damit tun“, beispielsweise den Techniker bezahlen.
Die Autorenschaft des Matthäusevangeliums wird frech durchleuchtet - war’s der Ex-Zöllner oder ein anderer Apostel? Und auch die Kreuzigungsszene verliert in der unverkrampften aber nicht respektlosen Darstellung an scheinheiliger Dramatik: Tut ein Vater seinem Sohn so etwas an? Wie intensiv die Recherche für die „Passion der Schafe“ war, zeigen die Bücher, die stapelweise aufgeschlagen am Boden liegen. Am Ende sind sie zugeschlagen. Es gibt keine allgemeingültige Antwort und die zweibeinigen Schafe blöken munter weiter auf der ebenso qualitätvollen wie unterhaltsamen Querbeet-Suche nach dem Heilsbringer. (Petra Bail)
LKZ, 07.05.07
"Die Passion der Schafe" im Stuttgarter Figurentheater Fitz
Stuttgart - "Die Passion der Schafe" nennt sich die Aufführung, die das Stuttgarter Ensemble Materialtheater zusammen mit internationalen Gästen erarbeitet hat. Im Fitz hatte das Stück um Fragen der Religiosität nun seine Uraufführung.
Sieben Figuren haben die Objekttheatermacher erschaffen, sieben Atheisten, die in einer Art Therapiegruppe ein Theaterstück machen wollen, in dem sie. ihre Verhältnisse zu Gott und Religion aufarbeiten. Gestützt auf Textstücke und Ansichten von Jose Saramango oder , Karl Marx, befassen sich diese Schafe, die Opferlämmer der Religionen, mit ihren traumatischen Erlebnissen. Keine leichte Kost, vor allem auch ein ungemein kritischer Beitrag zur derzeit wieder einmal heftig propagierten Hinwendung zum Glauben, aber auch zur Fundamentalisierung, den der Islam vormacht und andere Eiferer nachmachen.
Was mit Menschen geschehen kann, zeigen diese Schafe auf ihrem Leidensweg wobei das Wort "Passion" durchaus nicht eindeutig definiert wird. Mancher der Protagonisten ist auch ganz passioniert dabei, wenn es um seine Ansichten geht.
Sozusagen als Gegensatz zum überaus ernsten Thema steht das meist leichte Spiel der Truppe, zu der neben Sigrun Nora Kilger und Alberto Garcia Sanchez vom Materialtheater auch noch Hartmut Liebsch und Annette Scheibler, Alexandra Kaufmann und Paolo Cardona (Italien) und Gyula Molnar (Ungarn) gehören.
Für Kenner der ohnehin kooperationsfreudigen und wendigen Figurentheaterszene ist klar: Das ist ein erstklassiges Ensemble absoluter Spitzenkönner. Die nicht weniger versierte Francesca Bettini als Regisseurin hatte damit ein tolles Ensemble, aber auch eine Hand voll hochkarätiger Individualisten zu führen. Und den Individualismus merkt man auch der Inszenierung an. Jeder hat seinen Stil. Zuweilen knirscht es damit ein wenig im Zusammenwirken. Andererseits entstehen so viele spannende Momente, so dass diese schwierigen Passagen weit mehr als aufgewogen werden. (Armin Bauer)
Presse zum Try-Out „Passion der Schafe “ im Rahmen der FIDENA Bochum im Okt 2006.
Ralf Stiftel, Westfälischer Anzeiger, 02.10.2006
Es wirkt befreiend, dem Ensemble Materialtheater bei der Erarbeitung der „Passion der Schafe“ zuzusehen: Sieben Akteure spielen eine Paraphrase des Evangeliums nach José Saramago, eine verspielte, humorvolle knappe Stunde in der Zeche 1.
double, Fachmagazin für Puppen-, Figuren- und Objekttheater 10/2007
Bei einer der sprecherisch und textlich beeindruckendsten Vorstellungen, „Passion der Schafe“ von Ensemble Materialtheater (D) und Guests, handelt es sich um ein ohne Kulissen und mit sehr sparsamen Requisiten auskommenden Work-in-Progress, bei dem die Darsteller – ganz im Sinne der Ganzheitlichkeit des Puppen- und Objekttheaters – auch die Rolle von Steinen, Schafen oder mythischen Figuren annehmen, um neue Perspektiven auf das Leben von Jesus Christus zu gewinnen.
fkü, Ruhr Nachrichten, 02.10.2006
Man staunt, welche vielfältigen Theaterformen sich unter dem Dach des Figurentheaterfestivals Fidena tummeln.
Am Samstagnachmittag gab es da „Passion der Schafe" zu sehen - eine Zwischenschau des Ensembles Materialtheater. Erst im kommenden Winter will sich dieses an die eigentliche Inszenierungsarbeit machen.
In der Zeche 1 stellte die Truppe aus deutschen, italienischen, spanischen und ungarischen Schauspielern den bisherigen Stand ihrer Arbeit vor. Die sieben Darsteller haben sieben Charaktere entworfen, die alle ihre Probleme mit der christlichen Religion haben.
Den Ministranten, dem der Glauben abhanden kam, das kleine Mädchen, die Angst hat vor einem Gott, der ihre schlechten Gedanken liest, usw. Zusammen bilden sie eine Selbsthilfegruppe und führen ihre Version der Leidensgeschichte Christi auf, um Kraft des Theaters Probleme zu verarbeiten.
Ihr teilweise recht amüsantes und frei assoziierendes Spiel offenbarte einen Teil des ungeraden Weges zur fertigen Inszenierung und machte gespannt auf das Endresultat.