
Double 1/2010
Iris Meinhardts »prolog, expedition in verlorene Sphären« im Stuttgarter FITZ!
VON JUTTA SCHUBERT. Am Anfang war das Wasser. Das vorgeburtliche Meer, in dem wir im Mutterleib schwimmen, ist unsere Ursuppe. Wir wissen nichts über diesen Schwebezustand. Die Geräusche sind gedämpft und dringen aus einer unendlichen Ferne zu uns. Durch die Nabelschnur sind wir mit der Welt verbunden, lebensrettend angekettet. Darüber ein Theaterstück machen? Wie soll das gehen? Die Stuttgarter Bühnenkünstlerin Iris Meinhardt hat sich gemeinsam mit Musiker Thorsten Meinhardt und Regisseur Michael Krauss in diese Sphären vorgewagt.
Die Handlung ist schnell umrissen: Wir beginnen als nahezu unsichtbare Winzlinge mit der Verschmelzung von Eizelle und Spermium, wachsen in neun Monaten heran, durchlaufen dabei die Stufen der Evolution im Schnelldurchgang und werden am Ende rausgekickt, für immer abgetrennt von der nährenden Urmutter, ausgespien in Licht und Luft, um selbstständig leben zu lernen. Und wir können nie mehr zurück. Folgerichtig ist einer der großen Momente der Inszenierung das Ende, wenn Iris Meinhardt an der inmitten der Bühne aufgehängten »Nabelschnur« turnt, in einer Mischung aus komischer Verzweiflung und tollkühnem Wagemut: Festhalten müssen und loslassen wollen zugleich.
Inhaltlich gibt es einige Fragen, die Meinhardt und Krauss sich ebenso stellen wie wir alle und auf die sie auf der schwarzen, leeren Bühne Antworten suchen: Wovon träumen wir vor der Geburt? Was wissen wir von dieser Welt vor der Welt? Wann beginnen wir zu existieren? Und formal gibt es einige Vorgaben, an denen es sich abzuarbeiten gilt. Wie lässt sich eine flüssige Welt in der Schwerelosigkeit auf der Bühne darstellen?
Wann und wie etwas zu leben beginnt, ist nicht allein die ungeheure und berührende Frage unserer Existenz auf diesem Planeten, sondern auch die alte, existentielle Frage der Figurenspieler. Meinhardt und Krauss benutzen auf ihrer Entdeckungsreise mit Luft gefüllte Plastiksäcke in verschiedenen Größen, die sich aufplustern, durch den Raum kullern, in deren Innerem man wie in eine Blase eingeschlossen das Wesen Mensch erkennt - eines der markantesten Bilder der Aufführung.
Daneben arbeiten die beiden Künstler sehr stark über Videoprojektionen. Aus der Schwärze der Bühnentiefe tauchen wandernde Zellen auf, verschmelzen, teilen, verwandeln sich, nehmen den Zuschauer mit auf einen Tauchgang in die Tiefsee. Führerin auf dieser Expedition, auf dieser Zeitreise, ist Iris Meinhardt in einem unwirklichen, schwarzen Kleid, Haute Couture zwischen verspieltem Rokoko und futuristischem Wüstenplaneten.
Eine Armada gezeichneter Kaulquappenwesen als Spermien, Zellteilung bis zum aufrecht gehenden Menschwesen, Fische, Versatzstücke aus Hieronymos Boschs Fabelwesenwelten geistern über die Projektionsflächen, auch über den Körper der Spielerin, sind ein wuseliges, quirliges Durcheinander und haben Witz. Und auch das Material »Puppe« taucht auf: Zwei Puppenarme, Beine und ein Kopf erproben in der Schwärze körperloses Strampeln, Kriechen und Gehen. Tiefsee und Urmeer werden immer wieder augenzwinkernd zitiert, so in einer Szene mit Quallen, die sich pulsierend durch den pechschwarzen Raum bewegen. Hier braucht es neben Meinhardt die unsichtbaren Mitspieler Katharina Muschiol und Antje Töpfer.
Die Magie der Aufführung lässt sich schwer beschreiben, man muss sie erleben, sich einlassen auf diese assoziative Reise ins Innere unserer vorgeburtlichen Erinnerung. Damit hat das Hineinschauen in die Black Box des Theaterraums eine ganze Menge zu tun. Die Dunkelwelten wirken wortlos, nehmen den Zuschauer mit in den Traum, nicht den Leser. Deshalb: Anschauen. Und nach sechzig Minuten ist Zeit aufzutauchen aus dem schwarz-weißen Rausch. Man kann eben nicht ewig drin bleiben.
Stuttgarter Nachrichten, 22.06.2010
„Prolog" von Meinhardt und Krauss aus Stuttgart im Figurentheater
VON BRIGITTE JÄHNIGEN
Strömende Luft formt opaque schimmernde, leise knisternde Plastikfolie zu raumgroßen Blasen. Unermüdlich strömt ein Schwärm Spermien per Videotechnik auf der Bühnenrückwand. Eines der Schwanztierchen schert aus, wird zum Irrläufer und gleich darauf Sieger im Kampf der Millionen um das Ei: Eine Dame in Schwarz verschluckt es und wird schwanger. Silberfarbene Fische bevölkern das skulpturale Gewand der Mutter. Später fügt sie Einzelteile einer Puppenfigur zur zärtlichen Choreografie und erzählt in schöner Sprache vom frühen Erinnern in der Mutterhöhle: „Ich gehe mit schwimmenden Schritten dahin. Ich zerteile die Luft mit scharfen, schneidenden Flossen und schwimme durch Räume ohne Mauern."
Was haben wir erlebt in der Welt vor der Welt? War es ein Paradies für uns, dem wir, beschwert durch die Bürde des Erdendaseins, ewig nachtrauern? Woran erinnern wir uns? Erinnern wir uns überhaupt? Das wundervolle Zusammenspiel von Professionen wie Figurenbau, Schauspiel, Figurenspiel, Video und Kostümdesign vom Künstlerteam Meinhardt & Krauss, Stuttgart, erzeugt durch seine imaginäre Kraft einen fiktiven Tauchgang in die Erinnerung. „Prolog" ist ein Bühnenerlebnis, das Sehen und Hören lehrt, mit humorvollen Attitüden amüsiert und durch seine technische Perfektion staunen macht. Und das uns auf eine baldige Wiederaufnahme hoffen lässt.
Ludwigsburger Kreiszeitung, 14.06.2010
Iris Meinhardts „Prolog" als gelungenes Experiment im Fitz
Stuttgart - (aba) „Prolog" nennt Iris Meinhardt ihre Produktion, die sie im Fitz zeigt. Ein Prolog aus dem Fruchtwasser, eine pränatale Annäherung an das Leben, das radikal die Möglichkeiten des modernen Figurentheaters auslotet.
Mal sehr konkret und in persona auf der Bühne stehend, dann wieder aus in einem bläulichen Kokon, einer Fruchtblase heraus spielend, mal im Monolog, mal im Dialog mit einem Spiegelbild, so nähert sich Iris Meinhardt dem, was da auf ihre Figur zukommt, dem Leben. Ängste, auch Hoffnungen, vermutete Erfahrungen, das Kaleidoskop der Befindlichkeiten und der Erkenntnisse ist weit gefächert.
Aber das Spiel geht tiefer als die Worte. Mit der Musik des Jazzbassisten Thorsten Meinhardt sphärisch unterlegt frönt Iris Meinhardt zusammen mit Katharina Muschiol oder alternierend mit Antje Töpfer, die das Puppenspiel besorgen, ihrem Hauptthema, der Selbstsuche und Selbstfindung des Menschen. Im weiteren Sinne sind auch viele andere Produktionen der 1977 geborenen Figurentheaterspielerin derartigen Themen gewidmet. Obwohl der Zuschauer mit so manchem Fragezeichen konfrontiert wird, obwohl auch seine ganze Konzentration auf das auch im Tempo sehr wechselnde Geschehen gefordert ist, ist dieses Stück ein ungemein poetisch, vielschichtig und vielsagend, ohne dass verbal alles gesagt wird, was zu sehen und zu erfühlen ist.
Dabei lotet Meinhardt auch ganz im Stile eines Laborexperimentes aus, welche Chancen ihr das Genre bietet und im Zweifelsfall, so der Eindruck, hat sie sich eher für das gerade noch Machbare, für die komplexeste Versuchsanordnung, entschieden. Ein lohnendes Risiko, denn das Experiment ist insgesamt gelungen.
Stuttgarter Zeitung, 12.06.2010
„Prolog" im Fitz:
Sie vollführt auf der Bühne einen Tanz mit einem großen Plastikbeutel, der eine Fruchtblase darstellt, oder sie macht sich im Zwiegespräch mit ihrem projizierten Abbild auf die Suche nach der eigenen Identitätswahrnehmung. Mal sachlich, mal verspielt und assoziativ nimmt Iris Meinhardt die Sichtweise eines ungeborenen Kindes ein. Im Stuttgarter Figurentheater Fitz interpretiert Iris Meinhardt in ihrem neuen Werk „Prolog" die Zeit im Mutterleib vor der Geburt als einen Vorspann zum Leben. Zwar erscheint nicht jeder Einfall von Iris Meinhardt und dem Videokünstler und Regisseur Michael Krauss zwingend, aber dennoch bringt ihr „Prolog" den Zuschauer immer wieder zum Staunen über die vielfältigen Möglichkeiten gut gemachten Figurentheaters.