
Esslinger Zeitung, 30.09.09
Figurentheater-Duo Oberhoff & Mousseka eröffnet mit „Die Reise zum Mond“ die Spielzeit im Fitz
Von Petra Bail
Stuttgart - Entspannt sitzt Lambert Mousseka auf seinem Stuhl: breite, bequeme Polster, die Füße auf Sauerkrautkonserven, überm Kopf statt Baldachin ein Lampenschirmchen. Drei Pappbuchstaben deuten an, um wen es sich handelt: „R“, „O“ - das „I“ von Roi ist umgekippt. Le roi, der König, schwächelt. Dahinter steht ein Radiator - der Herrscher aus Afrika friert im kalten Deutschland.
Das deutsch-kongolesische Figurentheater-Team Stefanie Oberhoff und Lambert Mousseka spielen virtuos mit den Klischees während der einstündigen „Reise zum Mond“ (Regie Hendrik Mannes). Mit dieser rätselhaft-poetischen Produktion im Rahmen der Projektreihe „Gütesiegel Kultur“ wurde jetzt die Spielzeit im Stuttgarter Fitz eröffnet.
Der Mond als Sehnsuchtsort: Geheimnisvoll schwebt er als mystisch leuchtende Scheibe über dem eigenwilligen Bühnengeschehen und beleuchtet diffus dieses geheimnisvolle Mäandern zwischen den Welten. „Wenn der Mond nicht oben ist, musst du ihn unter der Erde suchen“, rät Mousseka seinem Alter Ego, einer winzigen Handpuppe, die besessen von der Idee des Fliegens ein groteskes Gefährt konstruiert hat, in dem sie voller Besitzerstolz residiert.
Das „Luft-Schiff“ ist eine Kreuzung aus U-Boot und Flugapparat: Man kann sich gut vorstellen, mit diesem Objekt sowohl wie Jules Vernes tiefe Erdschichten abzutauchen, als auch Georges Méliès einstige Höhenflüge zu bewältigen. Ansätze des französischen Schriftstellers und des französischen Illusionisten sind ebenso Teil der Material-Performance wie die Ideen des Visionärs Gustav Mesmer aus Oberschwaben, der auch „Ikarus vom Lautertal“ genannt wurde. Das erschließt sich allerdings nicht aus der Inszenierung, sondern durch einen Blick aufs Programm-Blatt.
Hungriger Löwe
Die fantastische Reise wird begleitet von Videoprojektionen über die Raumfahrt, über Flugversuche, Raketenlandungen, Lichteffekte, Feuerzauber und magische Momente. Stefanie Oberhoff, die für Ausstattung und Animation verantwortlich zeichnet, assistiert auf der Bühne in Zeitlupe. Emotionslos und stumm schafft sie mit Mützen und Masken die knisternde Atmosphäre für Lambert Moussekas spielerische Annäherung an den Mond. Auf der französisch-afrikanisch-deutschen Konferenz werden im Gespräch mit dem „Kreateur“ die Probleme der Welt besprochen: Der Löwe braucht was zu fressen, die Frau einen Mann zum Heiraten, der Mann Flügel zum Fliegen.
Der Spieler ist gleichzeitig Erzähler. Oft sind es nur Laute, die man hört, der Wohlklang einer fremden, afrikanischen Sprache. Auch wenn die Worte noch so eindringlich ins Publikum skandiert werden - die Zuschauer lachen verlegen ihre fehlenden Sprachkenntnisse weg.
Die Texte stammen von Mousseka. Er spricht über einen Fisch, groß wie ein Hausboot, über Musik und das Essen. Auch Momentaufnahmen seiner Heimat, der demokratischen Republik Kongo, fließen ein. Das alles hat poetische Kraft. Die Seele wird für einen Kurztrip in die Galaxie der Visionen geschickt, so wie das winzige, silberne Flugobjekt, das am Ende wie von Zauberhand gesteuert sirrend in der Luft schwebt.
Die nächsten Aufführungen: 2., 3. und 4. Oktober.
Stuttgarter Zeitung, 28.09.09
Figurentheater Lambert Mousseka erzählt im Fitz, wie ein Mann zum Mond will.
Von Cord Beintmann
Der Mann kann erzählen, aber wie! Lambert Mousseka, 1976 in der Demokratischen Republik Kongo geboren, steht auf der Bühne und wippt locker und zugleich prägnant mit seinem Körper. Und dann erzählt er auf Deutsch, hin und wieder afrikanische und französische Satzfetzen dazwischenstreuend, tolle Geschichten, und das absolut mitreißend. Zu Beginn des Stücks „Die Reise zum Mond" im Figurentheater Stuttgart persifliert er einen afrikanischen Herrscher der sechziger Jahre, der mit Sonnenbrille und Hütchen auf einem Thron sitzt und sich auf einen königsmäßigen Stock stützt.
Dann mimt Mousseka erzählend einen Mann, der sich mit einem Koffer großräumig in alle vier Himmelsrichtungen aufmacht. Dabei trifft er auf einen Löwen und eine Frau, eine handgeführte Puppe, denen er großspurig verspricht, sich beim „Kreator", das soll wohl Gott sein, für sie einzusetzen. Der Mann ist eifersüchtig auf die Vögel, weil sie fliegen können, und möchte zum Mond, darunter macht er's nicht.
Mousseka (Text und Spiel) und Stefanie Oberhoff (Ausstattung und Animation) haben sich dazu schön wunderliche Szenen ausgedacht. Irgendwann erscheint jener Mondsüchtige, von dem Mousseka erzählt, als Püppchen auf der Bühne, als älterer Herr mit einem Bart wie das DDR-Sandmännchen, Typ verrückter Erfinder. Mousseka, der charmante Causeur, führt ihn am Kopf und an den Ärmchen wie einen Faust, der Sinn suchend durch die Welt geistert. Die rund vierzig Zentimeter große Figur hockt in einem Holzboot, das einer Flugmaschine gleicht.
Im Fitz werden Geschichten von archaischer Bildkraft erzählt, die auch etwas Afrikanisches haben - so empfindet es wenigstens der Nicht-Afrikaner. Manche Szenen aber bleiben rätselhaft, und insgesamt mangelt es an einem klar erkennbaren roten Faden (Regie: Hendrik Mannes). Deutlich wird aber immerhin, dass es mit der Mondfliegerei nicht klappt. Doch dafür gibt es philosophische Einsichten: „Wenn der Mond nicht oben ist, musst du ihn unter der Erde suchen."
Stuttgarter Nachrichten 26.09.2009
Figurentheater Stuttgart zeigt „Die Reise zum Mond"
Von Horst Lohr
Menschen können in einer armseligen irdisehen Existenz isoliert sein. Wie der Mann und die Frau im Fitz in ihrer Behausung aus Pappe mit den auf Konservendosen thronenden schäbigen Sesseln vom Sperrmüll. Doch die Macht ihrer Fantasie wird sie an diesem ; Abend in die Unendlichkeit ferner Welten entführen, wo die Gesetzmäßigkeiten der Erde aufgehoben sind.
„Die Reise zum Mond" nannten die Figurenspieler Lambert Mousseka und Stefanie Oberhoff ihre von Hendrik Mannes inszenierte Hommage an den schwäbischen Flug(fahr)radbauer Gustav Mesmer [ (1903-1994) und den französischen Illusionisten Georges Melies (1861-1938). Den poetischen Text für die zauberhafte Synthese aus Erzähl- und Figurentheater schrieb Lambert Mousseka.
Bei der Premiere am Donnerstag im Fitz erweist er sich einmal mehr als versierter Figurenspieler, fasziniert aber auch als Erzähler mit feinen ironischen Tönen. Moussekas ausdrucksstarke Mimik und sein ständig wechselnder Tonfall locken die Zuschauer in die vertrockneten Weiten afrikanischer Savannen. Temperamentvoll beobachtet Mousseka, wie eine Familie einen Riesenfisch fängt, dessen Auge aber ihr jüngstes Kind verschlingt.
Aus einem Miniaturkoffer klettert zusammen mit einem renitenten Puppenmännchen das ewige menschliche Streben, sich in die Lüfte zu erheben. Der Kleine wütet gegen seinen Schöpfer, weil er nicht fliegen kann. Und versucht in einem abenteuerlichen Fluggerät aus Stäben und Angelruten vergeblich den Flug ins All.
Diese Bilder von der Sehnsucht nach Unendlichkeit spiegelt Stefanie Oberhoff (sie besorgte auch die Ausstattung) als in der Einsamkeit verlotterte Frau: Wie ein verhinderter Ikarus versucht sie auf ihrem abgeschabten Ohrensessel tollpatschig der Tristesse ihres Lebens davonzufliegen.