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Oldenburger Volkszeitung

Rothschilds Geige

Figurenspiel: Traurig, komisch und faszinierend

LÖRRACH (do). Ein Varietee-Paar gibt seine Abschiedsvorstellung. Eine Flasche Sekt steht am Boden, zwei Gläser daneben, die Bühne ist sparsam dekoriert. An einer Wäscheleine hängt das Photo von Anton Tschechov. Ein hölzerner Cellokasten, der einem Sarg ähnlich sieht, ein echtes Cello neben der Bühne deutet Carmen-Motive an. Während die Frau anfängt, die Geschichte eines armen, verbitterten Sargtischlers zu erzählen, öffnet der Mann den Cellokasten. Drin sitzt ein kleines fahles Marionettenwesen, übergroße Damenschuhe an den dünnen Knochenbeinchen, die Frau des Tischlers, die an Alter, Armut und Entkräftung sterben wird. Es erhebt sich aus seiner Höhle und beginnt mit gespenstischer Zielsicherheit auf der Bühne herumzuwandern...

Was zum Auftakt der dritten Lörracher Figurentheatertage in der Stadtbibliothek vom figuren theater tübingen geboten wurde, demonstrierte den ganzen Reichtum der Gestaltungsmöglichkeiten zwischen Schauspiel und Marionettentheater in faszinierenden Bildern und Szenen. Rothschilds Geige: ein ganz ruhiges, traurig-komisches Stück um die einfachsten und doch wichtigsten Dinge eines Menschenlebens, als da sind Krankheit, Tod, Einsamkeit, Hass und Trauer über verpaßte Chancen. Von Liebe und Mitmenschlichkeit ist in diesem Armeleutestück wenig die Rede, deshalb erscheint es umso rührender, als der Sargtischler seine Geige vor seinem Tod dem Juden Rothschild vermacht, den er zeitlebens nicht ausstehen konnte, der ihn aber in einer wichtigen Stunde besuchte.

Die Erzählkunst von Ines Müller-Braunschweig faszinierte genauso wie die Virtuosität, mit der
Frank Soehnle der ausdrucksstarken Fadenmarionette das bisschen Leben einhauchte, das die Tischlersfrau Marfa in der Tschechov-Geschichte in ihren letzten Lebenstagen beseelt. Stilistisch sicher und in ihrer Schlichtheit und Symbolkraft weit über ihr bloßes Sein als Gegenstand hinausweisend waren die Requisiten ausgewählt, die eine ebenso stilsichere Lichttechnik in Szene setzte.

Ein tropfendes Wäschestück auf der Leine klopft einen ganz eigenen Rhythmus zum Solocello, das sich hin und wieder, meist sehr leise, dafür aber umso eindringlicher zu Wort meldet, das Schlurfen von Marfas Schuhen oder das nervöse Trommeln des Doktors, der für arme Leute keine Zeit hat, flankieren die Stimme der Erzählerin, die sich hin und wieder in beschwörendem Flüstern verliert. Eindringliche. Momente waren die Zwiesprache der Marionette, die sogar zu atmen schien, mit ihrem Puppenspieler oder der Moment, wo Marf a sozusagen als Beweis für die ehemalige Existenz ihres goldlockigen Kindchens einen winzigen roten Schuh empor hält. Der Arzt, der die kranke Alte untersucht, tut dies, indem er die verzwirbelten Fäden der Puppe wieder entwirrt, ein wunderschöner Einfall der Puppenspieler, der an die vielen Volksweisheiten mit dem „Lebensfaden" denken läßt. Zum Schluß liegt Marfa leblos mit einer roten Nelke auf ihrem Cello-Kasten-Sarg, die Puppenspieler haben die Fäden endgültig vom Kreuz getrennt, an dem sie festgemacht waren.

Ein ergreifender, bilderreicher, stiller und eindringlicher Theaterabend, der zeigte, dass Figurenspiel eine Kunstform mit unendlich vielen Möglichkeiten sein kann.

Badische Zeitung

Beim Freiburger Theaterfestival: Das Figurentheater Tübingen

Alltagsverkrustungen lösen sich auf

Marfa ist keine von denen, die man auf Anhieb ins Herz schließt. Als das trübe Licht der Funzel im Innern des Cellokastens, in dem sie kauert, erstmals auf ihr faustgroßes, fahles Gesichtchen fällt, das um Mund und Augen greisenhaft eingezogen ist, da kann man auch an eine Hexe denken. Doch ist diese verschrumpfte Alte ein armes, braves, abgearbeitetes Weiblein - und die einzige Puppe, die wir sehen, während uns die Geschichte von „Rothschilds Geige" erzählt wird.

Ines Müller-Braunschweig (mitagierend auf der Bühne präsent) spricht den Text der wenig bekannten Tschechow-Erzählung frei - und so gut, in so feiner Mischung aus Distanz und Wärme, daß vielleicht damit allein schon kein übler Abend zustande käme. Dazu aber führt Frank Soehnle mit großem, einfühlsamem Geschick die Marionette der gebeugten Alten, und er zielt weniger auf Illusion als auf Ausdruck, wenn er sie auf ihren spindeldürren Beinen mit den großen, alten Frauenschuhen über die Bühne schlurfen läßt.
Diese Marfa ist Jakows Frau, war es 52 Jahre lang, bis ihr Lebensfaden zu reißen beginnt (und ihre Fäden schließlich vom Spielkreuz gelöst werden). Und Jakow, der sie in 52 Jahren nicht einmal liebkost oder hauptsächlich unter merkantilen Gesichtspunkten wahrnahm, Jakow wird zum traurig-guten Schluß doch noch weich und verschenkt seine Geige.

Die unpathetisch-sensible, leis ironische und höchst ideenreiche Umsetzung dieser Erzählung war wohl der dichteste und auch schönste Beitrag innerhalb der dreiteiligen Werkschau des Figurentheater Tübingen, die beim Freiburger Theaterfestival zu sehen war. Dem Trio aus Schauspielerin, Figurenspieler und der Regisseurin Christiane Zanger (die am Cello auf der Bühne auch musikalische Akzente setzte) gelang da ein Theaterabend, der (wie bei Jakow) auch unter Zuschauers Alltagsverkrustungen etwas zu berühren vermochte.
(…) JOHANNA HUND

Südwestpresse

Aus dem Geigenkasten

Figurentheater Tübingen mit „Rothschilds Geige" im Sudhaus

TÜBINGEN (pme). Das Figurentheater Tübingen ist das derzeit professionellste und interessanteste Ensemble aus der freien Theaterszene Tübingens. Ihr hauseigener Dämon treibt sie gewöhnlich zur Lakonie, zum verschmitzt-bösen Humor, zur Nachtseite des Lebens. Außerdem hat er eine Vorliebe für Formalisierungen und eine strenge Choreographie, die im Ergebnis den Schein des Werkstatthaften der perfekten Illusion vorzieht. So war das auch am Freitagabend bei der Vorstellung von Rothschilds Geige (Cechov), der neuen Produktion des Ensembles.

Trotzdem ist jede Inszenierung des Figurentheaters eine neue spielerische Versuchsanordnung mit den eigenen formalen Möglichkeiten und die sind außerordentlich: Objekttheater, Puppenspiel, Schauspiel und Musik waren die Elemente der bisherigen Inszenierungen. Das Schauspiel ging dabei weitgehend wortlos über die Bühne, die Sprache fristete eine Randexistenz. Bei „Rothschilds Geige" ist das anders. Diesmal wird vor allem das Zusammenspiel aus Erzähltheater und Figurentheater geprobt. Ines Müller-Braunschweig, die schon in der letzten Inszenierung Puppenspieler Frank Soehnle kongenial ergänzte, tritt nun als (szenische) Erzählerin noch mehr in den Vordergrund. Bühnenpräsenz und durch sie die Präsenz der Erzählung Cechovs ist groß.

Das Bühnenbild ist eine Art abstrakter Hinterhof mit viel Krimskrams drauf. Was hier herumsteht oder an einer Wäscheleine aufgereiht ist, sind Reliquien, Souvenirs aus dem Cechov-Fundus, der in einem Auktionsvorspiel fröhlich feilgeboten wird (und so endet das Ganze auch wieder). Gleichzeitig handelt es sich um das Spielzeug des nachfolgenden Stücks: Ein kleiner roter Schuh, ein schwarzes Tuch oder etwa ein Cellokasten, aus dem der Puppenspieler die Marionette Marfa hervorholen wird.

Wenn er die Fäuste ballt, ist er für einen Moment Marfas Mann, der Sargtischler. Wenn Marfa sich verwundert die Fäden anschaut, an denen sie hängt, um sie dann schließlich selbst in die Hand zu nehmen, dann ist sie nicht mehr nur Puppe. So ist das Ganze auch ein Spiel mit den vorgezeichneten Rollen. Erzählt uns Cechov von „Marfa, die im Profil wie ein Vogel aussah“, sehen wir den riesigen Schatten von Ines Müller-Braunschweig an der Seitenwand. Und wenn sich in der Erzählung ein Herz verkrampft, rafft sich beim Figurentheater sogar der Vorhang für einen kurzen Moment zusammen.