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Presse

Stuttgarter Zeitung, 7.10.05

Der Kopf muss ab

" Salomé" mit Wilde & Vogel und Kompania Doomsday im Fitz

"Donne moi la tête" ruft die Frau - gib mir seinen Kopf. Und aus dem Finsteren raunt es: schlag zu, schlag zu! Und so rollt er schließ lich, der Kopf des Johannes, und wird auf einer Schüssel serviert. Eine unappetitliche Geschichte, eine infame Angelegenheit, eine Legende auch, die die Fantasie vieler beflü gelt hat. Ein lüsterner Mann, eine bösartige Mutter, ein ahnungsloses Kind, das so ver wirrt ist vom Begehren des Stiefvaters, dass es daherplappert: Ich will den Kopf von Johannes. Oscar Wilde hat seine Version der Salomé in einem Einakter mit bizarren Bildern erzählt - und ein Paradebeispiel des Schönheitskultes des französischen Symbolismus geschaffen. Michael Vogel vom Figurentheater Wilde & Vogel hat Wildes " Salomé" umgearbeitet und im Fitz in Szene gesetzt: Es spielt die Warschauer Kompania Doomsday.

Eine illustre, modische Gesellschaft trifft sich auf der weißen Spielfläche. In deutsch, polnisch, englisch und französisch skizzieren sie die Geschichte der Salomé. Sie wechseln die Rollen, den großen Tanz der Salomé aber präsentiert eine Figur: eine graue Marionette aus Tüchern und Fetzen, die über lange Seile von mehreren Personen dirigiert wird. Mi chael Vogel erfindet ästhetische Bilder, lässt Musik (Charlotte Wilde), Bewegung, Sprache ineinander fließen, wobei die Erzählung selbst eine untergeordnete Rolle spielt. Manchmal verlieren sich die Akteure in den Arrangements, reizen die Szene allzu lang und manchmal fast selbstverliebt aus. Das ist l'Art pour l'Art - aber gerade deshalb letzt lich passend zu Oscar Wildes Ästhetizismus.

Blut tropft in Cocktailgläser, bedeutungs voll betrachten die Figuren sich selbst im Spiegel, wahnsinnig liebkost Salomé das ab geschlagene Haupt, während ein großer Mond aus Renovierungsfolie über der Szene rie kunstvoll leuchtet. Ein ästhetisches Spiel mit Assoziationen und bösen Fantasien, adr

Weitere Vorstellungen heute und am 8. Okto ber, jeweils um 20.30 Uhr.

 

Stuttgarter Nachrichten, 7.10.05

Im Fitz: Michael Vogels " Salomé" nach Oscar Wilde

Bitterer Geschmack der Liebe

Wie rasend begehrt die Frau diesen Mann. Doch sie muss dem keuschen Propheten Jochanaan erst den Kopf abschlagen lassen, um seinen Mund küssen zu können.

Am Ende erklingt aus dem Halbdunkel Salo més ersterbende Stimme: "Es war ein bitte rer Geschmack auf deinen Lippen. War es der Geschmack von Blut?... Aber vielleicht schmeckt so die Liebe." Nach Oscar Wildes Tragödie " Salomé" entstand die vierspra chige Koproduktion (Deutsch, Englisch, Französisch und Polnisch) zwischen dem Figurentheater Wilde & Vogel, der Kompa nia Doomsday und dem Drama Theater, beide aus dem polnischen Bialystok. Regisseur Michael Vogel (er konzipierte auch die Ausstattung) gelingt ein rauschhafter Albtraum der Obsessionen.

Furios tauchen die acht jungen Spieler (fünf Frauen und drei Männer) in die Abgründe unserer Seelen und spüren dort Hemmungslosigkeit und Narzissmus auf, die als Liebe getarnt sind. Eingebettet in aus dem Off eingespielte psychedelische Klangflächen (faszinierend die Musik von Charlotte Wilde) entstehen streng choreo grafierte, ironisch ästhetisierte Bilder emo tionaler Degeneration. Als dem Heute entsprungene menschliche Zerrbilder schlüp fen fast alle Spieler im Wechsel in die Haut von Salomé und irren ziellos als Autisten umher, die bei ihrer Regression in babyloni sches Sprachgewirr nur noch greinen oder lallen und dabei ihre eigenen Spiegelbilder beschmusen können. Und während eine lebende Salomé-Abspaltung mit dem Hacke beil Rosen köpft, auf einem Tischchen abge schlagene Köpfe plappern und sich zum schwankenden Turm stapeln, spinnt eine spillerige Marionetten-Salomé, von fünf Spielern an Strippen geführt, beim Schleier tanz ihr tödliches Spinnennetz.

¦ Noch zwei Vorstellungen: 7. und 8. 10., jeweils 20.30 Uhr. Karten unter S 24 15 41

 

EZ-Online, 7.10.05

Liebe geht über Leichen

Premiere von "Salomé" nach Oscar Wilde im Stuttgarter Fitz

Von Petra Bail

Stuttgart - Der Mond, wohin nur mit dem Mond? Die achtköpfige Truppe ist schon damit beschäftigt, die Platzierung des mit dünner Plastikfolie bespannten Reifs strategisch richtig zu vorzunehmen, als das Publikum den Zuschauerraum im Stuttgarter Fitz betritt. Die Gästeschar zur Premiere ist dünn, offenbar verströmt "Salomé" nach Oscar Wilde, die gemeinsam von der polnischen Kompania Doomsday und dem Stuttgarter Figurentheater Wilde & Vogel inszeniert wurde, nicht mehr genügend Sex Appeal. Obwohl die Prinzessin als Urbild der zerstörerischen Femme Fatale gilt, deren erotische Ausstrahlung ältlichen, willensschwachen, aber sexuell interessierten Männern Tod und Verderben bringt.

Monströser Vamp

In Oscar Wildes Drama entwickelt sich Salomé vom einst durch die Mutter instrumentalisierten Kind zum monströsen, selbstbestimmten Vamp. Gegen den Willen der Mutter tanzt Salomé für deren Gatten, den lüsternen Herodes, einzig besessen von dem Wunsch, den Mund des gefangenen Jokanaan - bekannter als Johannes der Täufer - zu küssen. Herodes lässt ihn auf ihren Wunsch enthaupten.

In allen Sprachen, deren die multikulturelle Truppe fähig ist, werden Textpassagen rezitiert. Englische, französische, polnische und deutsche Sprachfetzen durchdringen bruchstückhaft das eindrucksvolle Stück über Sprach- und Liebesverlust. Die vielsagenden Bilder, die hierbei vor den Augen des Publikums immer wieder neu gezaubert werden, sprechen Bände. Liebe geht über Leichen. Jokanaan muss sterben, weil er, ausschließlich in sein eigenes Spiegelbild verliebt, Salomé verschmäht. Stellvertretend für seinen Kopf muss eine Rosenblüte rollen, mit Beil energisch vom Stil getrennt. Ein Spieler kniet so geschickt hinter einem niederen Tischchen, dass es aussieht als ob nur sein Kopf darauf platziert wäre.

Eine rothaarige Salomé spielt in eiserner Kommunikationsverweigerung mit ihren Reizen, verzückt vom Körper des Objektes ihrer Begierde, um sich letztlich ausschließlich auf den Mund zu konzentrieren, den sie nicht küsst, sondern in den sie hineinbeißt, um den bittersüßen Geschmack des Blutes zu schmecken. Die Tragödie findet ihren Ausdruck im Sinnlich-Gestischen. Grotesktänze à la Valeska Gert, sowohl mit Personen als auch mit einer an langen Schnüren horizontal geführten Figur, machen den Verlust der Menschlichkeit immer deutlicher. Die peitschende Performance aus Tanztheater, Schau- und Figurenspiel ist dramaturgisch geschickt mit Musik unterlegt. Mal singen die Spieler mit bemerkenswert schönen Stimmen Choräle, um im nächsten Moment "You can ring my bell" anzustimmen oder von "Moonlight Shadow" zu schwärmen. Seifenblasen, kleine Federn und Rosenblätter schweben malerisch zu Boden und verleihen dem zerstörerischen Spiel etwas Poetisches. Es geht nicht nur um Entmenschlichung, sondern auch um Macht und Kontrollverlust. Wenn Salomé endlich für den alten Mann tanzt, stecken Kampf, Schmerz und innere Zerrissenheit in den getriebenen Bewegungen. Elektronisch verstärkte Gitarrenriffs machen den Schmerz in den Gehörgängen fühlbar. Die ganze "Salomé"-Produktion ist ein überaus lustvoller Crossover der Darstellungsmöglichkeiten des antik-biblischen Stoffs, der so phantasievoll vermittelt auch dann überzeugt, wenn man das Original nicht in- und auswendig kennt.

 

Gazeta Wyborcza , 5.9.2005

"Gebt diesen jungen Leuten eine Bühne und sie machen... ein Meisterwerk. Sie modernisieren eine uralte Geschichte aus der Bibel, sie vereinigen unterschiedlichste Motive in einer klugen Dramaturgie, sie irritieren das Publikum und gehen aus dem Ganzen als Sieger hervor."