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Presse

Esslinger Zeitung, 01.03.07

Gevatter Tod im Brautgewand

Das Figurentheater Tübingen tanzt im Stuttgarter Fitz mit der Vergänglichkeit

VON INGE BÄUERLE
Stuttgart - Nicht „Salto Mortale", sondern „Salto Lamento" hat Frank Soehnle vom Figurentheater Tübingen sein neues Stück genannt. Was keinesfalls bedeutet, dass Gevatter Tod bei der Stuttgarter Premiere im Fitz-Figurentheaterzentrum außen vor gewesen wäre. Denn auch wenn so ein Lamento heutzutage nicht viel mehr ist als ein arges Gejammer - früher war's ein ordentlicher Trauergesang. Dem rauben der virtuose Puppenspieler, der bereits mit Produktionen wie „Rothschilds Geige", „Flamingo Bar" oder „Nachtgesichter" Aufsehen erregte, und die zwei Musiker Stefan Mertin und Johannes Frisch die Worte und verwandeln ihn sprachlos, aber mit spielerischer Leichtigkeit zu einem so überraschenden wie übermütigen Vergänglichkeitsreigen.

Soehnle, den Gedichte und Totentanzdarstellungen aus der Bildenden Kunst zu dieser Arbeit inspirierten, nimmt sein Publikum mit in eine Rumpelkammer, ein seltsames Kabinett, in dem geheime Botschaften aus einer Schublade steigen, in dem sich, so der Untertitel des Stückes, „Die nächtliche Seite der Dinge" offenbart und in dem er allerhand fantastischen Gestalten, riesige Marionetten genauso wie kleine Handpuppen, tanzen lässt. Hier grinst ein Totenschädel aus bräutlichem Gewand, ein Ahn verlässt immer wieder den Platz im Galerierahmen, ein Zentaur scheint sein Leben auszuhauchen, während ein teuflisch maskierter General mit goldenen Epauletten hölzern aus der Asche hervorsteigt. Überhaupt schummelt sich, sobald wieder ein letzter übermütiger oder melancholischer Walzer auf der Bühne getanzt ist und in den großen Kisten und Kästen Ruhe - oder besser Totenstille - herrscht, wieder irgendetwas Neues, Sterbliches oder Untotes mit Nachdruck und zuweilen quietschfidel ins Rampenlicht, als wären alle Figuren nur wieder eine neue Metamorphose der Vergänglichkeit.

Rätselnd und staunend folgt man den Verwandlungen und der Musik, die elektronisch oder mit Kontrabass, Klarinette, Saxophon oder Flöte live erzeugt, zum essentiellen Mitspieler und zum Beweger wird. Eine lineare Handlung oder eine einzelne, kohärente Geschichte gibt es indes nicht, vielmehr eine Menge kleiner Begebenheiten, zwischen leisem Grauen und lautem Gelächter, die nicht -oder vielleicht doch - zusammenhängen. Man lässt sich von Andeutungen verwirren und verzaubern, vom stakenden, hüpfenden, schwebenden Personal dieser mit guten 60 Minuten perfekten Geisterstunde, die so poetisch chiffriert, wie sie ist, auch für die auf den Theaterabend folgenden Nächte genug Traum- und Alptraumnahrung abgibt.

■ Weitere Aufführungen vom 22. bis 24. März jeweils 20.30 Uhr statt..

 

Stuttgarter Nachrichten, 23.02.07 Vorankündigung "salto.lamento"

Die nächtliche Seite der Dinge

„Salto lamento" vom figuren theater tübingen - Ganz langsam kommt der Tod auf die Bühne in einem weißen prächtigen Gewand. Johannes Frisch und Stefan Mertin spielen dazu eine leise, zauberhaft verrätselte Musik. Sie begleiten den Tod auf verschiedenen Instrumenten noch etliche weitere Metamorphosen in dem Stück „salto.lamento", der neuesten Produktion von Frank Soehnle und seinem Figurentheater Tübingen.
Gewaltiges scheint federleicht zu sein, Unscheinbares entfaltet auf einmal monströse Größe - souverän wie wenig andere geht Soehnle mit den Möglichkeiten des Figurentheaters um. Er ist ein Staunender -und scheint sich auch noch mitten im Spiel zu wundern, was so alles möglich ist. Absolut leichtfertig changiert er zwischen Fantasiegestalten und konkreten Figuren, entfacht auf einmal ein Feuer, vermengt Lustiges mit Tragischem oder lässt beim Publikum auch mal den Schauer über den Rücken laufen. „Die nächtliche Seite der Dinge" heißt seine neueste Produktion im Untertitel, und so sind Unscharfen gewollt. Vieles bleibt ein Geheimnis, viel Unerwartetes geschieht, schon gar nicht lässt Soehnle Einblicke in seine handwerklichen Techniken zu. Soehnle ist einer der führenden Figurentheaterspieler, das zeigte er schon beim Stuttgarter Festival Theater der Welt. dl Vom 23. bis 25. 2. im Figurentheater Fitz

Reutlinger Generalanzeiger, 9.12.06

Theater - Premiere der neuen Produktion »Salto lamento« des Figurentheaters Tübingen im Zimmertheater-Keller

Unterm Brautkleid lauert die Fratze

TÜBINGEN. Mit einer Braut ganz in Weiß tanzt Frank Soehnle herein, doch unterm Schleier lauert die Fratze. Als sich die Gaze im Lufthauch hebt, fällt der Blick auf ein Skelett. Als Totentanz offenbart sich die neue Produktion des Figurentheaters Tübingen, die am Donnerstagabend im Tübinger Zimmertheater Premiere hatte und dort heute Abend noch einmal zu sehen ist.
»Salto lamento - oder die nächtliche Seite der Dinge« führt in ein morbides Zwischenreich. Mitten aus der Lebenslust grinst der Verfall, und immer wenn der Tod scheinbar gesiegt hat, krabbelt neues Leben aus der Asche.

Geführt an Fäden und Seilen

Wobei das, was hier lebt, Puppen sind. Merkwürdige Zwischenwesen, halb Mensch, halb Gerippe, zwischendurch mal ein vergoldeter Kentaur. An Marionettenfäden oder Gummiseilen, an Stöcken oder direkt an Frank Soehnles Hand geführt treiben sie ihr seltsames Wesen oder Unwesen.
Ein alter Tisch, ein Bilderrahmen - sind wir in Fausts Studierstube oder in einem vergessenen Hinterzimmer der Hölle? Die Schublade geht auf, ein Blatt Papier tanzt an einem Faden durchs Scheinwerferlicht. Immer wieder werden an diesem Abend Papierstücke auftauchen und verschwinden, am Anfang sind sie leer, am Ende voll beschrieben, dunkle Kontrakte vielleicht, wer weiß.
Es ist gerade das Spiel mit der Andeutung, das dem Abend seinen Reiz gibt. Es wird kein Wort gesprochen, auf der Bühne sorgen die Musiker Stefan Mertin und Johannes Frisch mit Kontrabass, Bassklarinette und allerlei anderen Instrumenten für die angemessen düstere Geräuschkulisse. Da gibt es traurige Kiezmerklänge, zu der eine Gestalt eine Urne zu Grabe trägt, da gibt es finster komische Totentänze zur Irish Pipe. Ab und an werden die Musiker mit ins Spiel einbezogen, dann ziehen sie sich wieder ins Dunkel zurück. Auch Frank Soehnle selbst wird immer mal wieder vom Puppenspieler zum Darsteller.
Die eigentlichen Stars sind aber Soehnles Puppen. Wie sie nur mit der Körpersprache mal Komik, mal Tragik ausdrücken, ist verblüffend und anrührend. Dabei konzentriert sich Soehnle immer auf einzelne Körperteile: Bei einer Figur liegt der ganze Ausdruck in den Händen, dem Zeigefinger, der nervös auf die Tischplatte trommelt; bei einer anderen wird der Blick ganz auf die Beine geführt, wie sie sich lasziv biegen und strecken. Wenn nach diesem erotischen Puppentanz dann doch der glutrote Schleier fällt, wartet schon die nächste Überraschung - und wird nicht verraten!

Nahtlos greifen Bilder, Klänge und das von Karin Ersching geführt Licht ineinander. Nahtlos fügt sich die Choreografie (Karin Ould Chih) der Spieler in die der Puppen. Nahtlos entsteht Bild aus Bild, Zusammenhänge werden angerissen und wieder verschleiert, und in immer neuen Boxen warten immer neue Figuren und Überraschungen.

Zwischendurch droht das Präsentieren neuer Gestalten zum Selbstzweck zu verkommen; zudem plätschert die Musik etwas zu beiläufig dahin. Man fühlt sich ein bisschen wie auf dem Jahrmarkt, wo immer neue Sensationen aus der Wundertüte gezaubert werden.

Das mit dem Jahrmarktflair ist sicher nicht unbeabsichtigt: Nichtzufällig wirken Soehnle und die Musiker mit ihren Käppis, weiten Hosen und langen Jacken (Kostüme: Sabine Ebner) wie orientalische Gaukler, Und doch droht die Sache etwas ins Beliebige abzugleiten. Aber nur einen Moment, dann greifen Soehnle & Co. die liegen gebliebenen Fäden wieder auf, entwickeln die Figuren weiter, und am Ende bekommt selbst die Sache mit den rätselhaften Papierstücken die gebührend mysteriöse Pointe.

Am Ende viel Beifall und sogar Bravos für einen Figurentheaterabend, bei dem man richtig hineingesogen wird in morbide Fantasien. Wer die Tübinger Vorstellungen verpasst hat, bekommt im Frühjahr seine Chance, dann läuft das Stück vom 23. bis 25. Februar und vom 22. bis 24. März im Stuttgarter Figurentheater »Fitz«, (akr)

 

Schwäbisches Tagblatt 9/12/06

Gebannt, atemlos, fasziniert

„Dieser surreale Bilderbogen ist ein wort- und schwereloser Tanz auf den Gräbern. Eine suggestive Meditation über die Metamorphosen des Vergänglichen. Eine poetische Beschwörung.

(...) Die Interaktion zwischen Musikern und Figuren gab den Zuschauern auch immer wieder Gelegenheit zu gelöster Heiterkeit. Doch auch mancher verstörende Schreckensmoment wurde durch die beruhigende Präsenz der beiden Musiker abgefangen. (...) Gebannt, atemlos, fasziniert verfolgte das Premierenpublikum die grandiose poetische Totenbeschwörung. “

Ludwigsburger Kreiszeitung 26.02.07 Kritik saito.iamento

Sieben Variationen über das Ende des Daseins

Frank Soehnles Kreation „salto.lamento" im Fitz

Stuttgart - Ein neues Programm von Frank Soehnle und seinem Figuren-
Theater Tübingen ist schon ein Ereignis, das über die kleine Welt des Figurentheaters hinausreicht. Im Fitz war nun die Stuttgarter Premiere der Inszenierung „salto.lamento" zu sehen.
Die Uraufführung hatte im Dezember in Tübingen stattgefunden. Schwankende Gestalten verbreiten eine düstere Stimmung im Fitz. Tote sind es, allesamt. Oder nicht?
Sieben Gedichte liegen dem Treiben im schwachen Licht zu Grunde aus denen Frank Soehnle sein neuestes Stück geschaffen hat. Sieben Figuren, sieben Szenen, untereinander verbunden, alle einem Totentanz nachempfunden.
Gruselig - könnte man meinen und das eine oder andere Mal stimmt das auch. Aber dann gibt es, dem finalen Bezug zum Trotz, auch wieder Szenen, die den Zuschauer lächeln oder schmunzeln lassen.
Bis ins Surreale gehen die Szenen, verwoben, vieldeutig kommen sie daher. Damit vermeidet Soehnle nicht nur die allzu triste Schwere, er bringt auch neben der Verzweiflung über die Endgültigkeit und Unausweichlichkeit des Todes ein Stück Widerborstigkeit gegen diese Unausweichlichkeit ins Spiel. Ein Spiel, das auch von der Verbindung mit der Musik lebt, die das Duo „rat'n'X" beisteuert, ebenso wie der Meister aller Figuren mit auf der Bühne. Dort zeigt Soehnle, dass er zu den besten Figurentheaterspielern der Stuttgarter Schule gehört. Nicht nur das Konzept, die Konstruktion des Stückes, sondern auch die Figuren sind abwechslungsreich und eindrucksvoll. Diesmal sehr prosaisch präsentiert sich Soehnles Spieltechnik. Manchmal ersetzt die Hand des Meisters einfach die der Figuren, da wird der Kopf einfach am Hinterhaupt gefasst und bewegt, aber das alles bekommt auch symbolische Bedeutung. Auch diese Jammer- und Trauerfiguren werden gesteuert, könnte die Botschaft lauten. (Armin Bauer)

Reutlinger Nachrichten 9/12/06

Erweckung aus der Todestarre

„Gleichzeitig zaubert Soehnle seine ausdrucksstark maskierten und ausgestatteten Figuren, Marionetten und Handpuppen von überall her, erweckt sie von ihrer Todesstarre zum Leben und schwingt mit ihnen das Tanzbein. Viele seiner Figuren, die oft nicht nur eine komische Seite, sondern auch eine Überraschung im Umhang mitführen, verfügen alle über einen solch starken Charakter, dass man den Puppenspieler und die Musiker oft kaum mehr wahrnimmt. Eine kleine, feine Tanzrevue der besonderen Art.“