Esslinger Zeitung 14.03.06
"Schloss Draußen-Drin oder wie man König wird" im Jungen Ensemble Stuttgart
Von Helga Stöhr-Strauch
Stuttgart - Zu den schönsten Farbtupfern im Kulturleben einer Stadt gehören jene Koproduktionen, bei denen die Partner ihre Individualität beibehalten und das Bestreben, sich gegenseitig künstlerisch zu ergänzen, auch im Resultat sichtbar wird. So geschehen bei der jüngsten Gemeinschaftsproduktion des Figurentheaters Anne-Kathrin Klatt, des Stuttgarter Figurentheaterzentrums (FITZ) und des Jungen Ensembles Stuttgart (JES). Sie trägt den Titel "Schloss Draußen-Drin oder wie man König wird" und basiert auf einem Roman des Briten David Henry Wilson.
Spritzige Ironie
Karin Eppler hat den Text für die Bühne bearbeitet und als Uraufführung inszeniert. Im JES steht das Stück nun für ein Publikum ab acht Jahren auf dem Spielplan, wobei es sich keineswegs um reines Kindertheater handelt, sondern um eine Form von Familientheater. Verantwortlich dafür ist nicht nur das Genre, das als Mischung aus Schauspiel, Figurentheater und Live-Gesang keine Langeweile aufkommen lässt, sondern vor allem der hintergründige Witz, die spritzige Ironie und die überdrehte Spielfreude, mit der die Darsteller ihre Sache meistern.
Das wird gleich zu Beginn deutlich, wenn Corinna Bath'ja Maisano als achtjähriges Mädchen Lorina vorgestellt und man als Zuschauer sofort auf die Spielregeln des Theaters verwiesen wird: "Die ist gar nicht acht? Dann stell's dir halt vor!" Nun denn: Lorina war Brötchen holen und trifft auf dem Nachhauseweg auf einen ziemlich fiesen sprechenden Hasen, der sie dazu bringt, das seltsame Schloss aufzusuchen, wo es nur "Draußer" und "Drinner" gibt. Während die "Draußer" dürre grüne Gestalten ohne Recht und Würde sind, regieren im Schloss gewissenlose Schweine. Lorina möchte den Grünlingen helfen, muss jedoch feststellen, dass das gesellschaftliche Sein nicht nur das hündische und schweinische Bewusstsein, sondern auch das der wenigen "Grünen" bestimmt, die es bis ins Innere der Machtzentrale geschafft haben. Denn obwohl sie auch hier nur als Mittel zum Zweck der "Quote" dienen, wollen sie mit "denen da draußen" nichts (mehr) zu tun haben. Lorina durchläuft - ähnlich wie der Landvermesser in Kafkas "Schloss" - viele Stationen und trifft auf wundersame Gestalten: einen bullbeißigen Wachhund, der seinem jeweiligen Herrn stets treu ergeben ist, eine faule Verwaltungsratte nebst dauerurlaubsreifer Henne, ein bajuwarisches Gärtnerschwein, einen überdimensionalen Schweinekoch mit Herzinsuffizienz, eine Geld waschende Erotik-Sau, und schließlich das schöngeistige Zeremonienschwein samt altersschwachem Schweinekönig, der nur noch "Ich" sagen kann. Sie alle sind zum Teil große Handpuppen, zum Teil lebensgroße Charakterfiguren, die nicht nur hervorragend gefertigt wurden, sondern von ihren Spielern Martin Bachmann, Franz Frickel, Anne-Kathrin Klatt und Uwe-Peter Spinner zu drallem Leben erweckt werden.
Systeme und Macht
Lorina lernt viel über ihre Zeitgenossen, über Macht und über Systeme, die sich verselbstständigen. Aber sie lernt auch, dass es sich lohnt, für seine Überzeugung zu stehen. Am Ende wird alles gut. Und wenn die Wendung auch ein bisschen plötzlich kommt, überzeugt die eigentliche Botschaft des Abends nicht zuletzt deshalb, weil sie pragmatisch begründet wird: Es lohnt sich, für seine Sache zu kämpfen. Weil der Mut zur Veränderung meist schon die Veränderung ist.
"Schloss Draußen-Drin" im Jungen Ensemble Stuttgart
Von Adrienne Braun
Was sind die Ärmchen so dünn, die Beine wie Streichhölzer, die Gesichter fahl und eingefallen. Den Grünlingen - das ist nicht zu übersehen - geht es schlecht. Arm, krank, hungrig sind sie, und als Lorina vorbeikommt, ein kleines Mädchen aus ordentlicher Familie, da strecken die Grünlinge ihr die dürren Händchen entgegen und krächzen "Hast du was zu essen?" und "Bist du gekommen, um zu helfen?" Die Grünlinge müssen leider draußen bleiben, deshalb nennt man sie auch Draußer, während die Drinner sich drinnen im Schloss den Bauch voll schlagen. Und weil ein anständiges Märchen ein mutiges Kind braucht, geht Lorina aufs Schloss, Essen holen für die hungrigen Grünlinge.
Aber es ist eine schlechte Welt, die in dem Stück "Schloss Draußen-Drin oder wie man König wird" gezeigt wird, denn diese Welt ist durch und durch kapitalistisch. Hier die Tiere, die ausbeuten, Geld anhäufen und sich Übergewicht anfressen, dort die Grünlinge, die verhungern und verrecken. Und dazwischen das Mädchen Lorina, das sich für Menschlichkeit einsetzt. Der englischer Theater- und Kinderbuchautor David Henry Wilson hat die Geschichte von Schloss Draußen-Drin erfunden, die nun im Jungen Ensemble Stuttgart (Jes) Premiere hatte. Die Parabel richtet sich an Kinder von acht Jahren an, die in zwei durchaus spannenden Stunden allerdings so heftig mit der pädagogischen Keule traktiert werden, dass sie fürs Leben lernen: Theater ist eine moralische Anstalt.
Das Jes, das Fitz und die Figurenspielerin Anne-Kathrin Klatt haben sich für die Produktion zusammengeschlossen. Fünf Akteure spielen gemeinsam mit den ausdrucksstarken und witzigen Figuren von Mechtild Nienaber, die prägnant menschliche Gesten karikieren. Es trifft sich also geballte Kompetenz in Sachen Kinder- und Figurentheater -und es ist ein Jammer, dass ausgerechnet diese Textvorlage gewählt wurde, die selbst für eine Parabel allzu eindimensional ist.
Lorina landet erst einmal in der Verwaltung des Schlosses, wo sie um Essen bittet. "Was in unserer Macht steht, wird getan", sagt die Ratte. Das ist Mittagspause und Feierabend machen und dazwischen ein Blick ins Dekollete der Kollegin werfen. Lorina kommt zum Bauern, der Äpfel verheizt, damit die Quote erfüllt wird, zum König, der nur in den Spiegel glotzt, und zum Sparschwein, das Geld wäscht.
Schloss Draußen-Drin spiegelt unsere degenerierte Gesellschaft mit ihren absurden Agrarreformen, der eitlen Selbstbeschau, dem Materialismus - aber muss man das im Kindertheater so plakativ anprangern? Karin Eppler unterstreicht diesen pädagogischen Duktus sogar noch, dennoch ist ihr eine amüsante und lebendige Inszenierung gelungen, die durch schöne Theatermomente und gute Schauspieler besticht. Corinna Bath'ja Maisano ist das mutige kleine Mädchen. Anne-Kathrin Klatt, Martin Bachmann, Franz Frickel und Uwe-Peter Spinner teilen sich die übrigen Rollen und führen versiert die Figuren. Manche der Witze sind nur für Erwachsene, auch die Szene, als das Mädchen geköpft werden soll, ist für Kinder heikel. So ist "Schloss Draußen-Drin" als Theaterereignis stimmig und gelungen, berücksichtigt aber nicht die spezifische Erlebniswelt der Kinder. Die Botschaft richtet sich an den Falschen: Die Kinder sollen die Moral löffeln, die den Erwachsenen nicht schmeckt.
Stuttgarter Nachrichten 14.0.306
Ganz fürchterliche Wesen sollen die Grün¬linge sein, und wenn man nicht auf passt, verspeisen sie einen im Nu. Doch dann das: Ein f eingliedriges, schüchternes, verspieltes und zugleich neugieriges Wesen mit großen, melancholischen Augen tritt auf, ganz in Grün. Und das soll schrecklich sein?
VON ARMIN FRIEDL
Nicht nur Lorina, die Hauptfigur in dem Stück "Schloss Draußen-Drin oder wie man König wird", lernt einiges dazu, auch die jugendlichen Zuschauer ab acht Jahren. Und um all die Monstrositäten deutlich zeigen zu können, hat sich das Junge Ensemble Stuttgart (Jes) für diese Uraufführungsproduktion mit dem Figurentheater Fitz und dem Figurentheater Anne-Kathrin Klatt zusammengetan. Das ist somit die erste Repertoire-Koproduktion von zwei Kultureinrichtungen im Tagblatt-Turm-Areal seit dessen Wiedereröffnung als Kulturzentrum.
Die Grünlinge sind die Draußer und gelten als schlecht, die drinnen im Schloss, die Drinner, als gut, erklärt einleitend ein Kaninchen. Doch Corinna Bath'ja Maisano als Lorina kümmert sich nicht um solche Vorurteile und macht sich selbst auf den Weg. Wie es wohl bei den Drinnern zugeht? - Ein wahres Pandämonium von Hunden, Schweinen und anderem Getier tut sich auf. Klatt und die Figurenspieler Martin Bachmann, Franz Frickel und Uwe-Peter Spinner bewegen allerlei Figuren oder schlüpfen in selbige hi¬nein und geben diesen verschiedene Stimmen. Mal genügt ein Hundekopf und eine tiefe, raue Stimme, mal ist es ein mehr als zwei Meter großes Monsterschwein auf zwei Beinen als Ganzkörperkostüm, das einen völlig verfetteten Koch darstellt. Sehr fantasievoll kombinieren die Figuren von Mechtild Nienaber künstliche Glieder mit denen der Figurenspieler. Ein weibliches Sparschwein schlenkert verführerisch sein Bein, ein Diener redet wienerisch.
Die Inszenierung von Karin Eppler bietet einiges zum Lachen für Erwachsene, für die eigentliche Zielgruppe gibt es Herzliches wie den Hasen, aber auch Schockmomente wie den Henkersauftritt. Spannung ist garantiert, auch wenn am Ende die Geschichte etwas zerfasert. Die Botschaft "Tue Gutes und teile redlich" hätte sich auch ohne die finalen Verwicklungen erschlossen.
