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Presse

Stuttgarter Nachrichten, 23.2. 2005, Horst Lohr

Vergnügen pur: "Shakespeare - reorganisiert" im Fitz

Fontänen aus der Liebesblume

Ein seltsamer Kosmos ist das: Aus dem Himmel schwebt die Erde als winzige Plastikkugel. Unter ihr liegt eine verkarstete Mondlandschaft aus Schaumstoff - der Feenwald aus dem "Sommernachtstraum". Zwei Männer im lockeren Straßenanzug hat es in dieses staubgraue Reich verschlagen, beseelt von dem heiligen Drang, die Liebe hier einzuführen, notfalls mit Gewalt.

Von der Hybris, die Welt hemmungslos zu befrieden, handelt "Sommenachtstraum - reorganisiert", eine Koproduktion des österreichischen Figurenspielers Christoph Bochdansky mit dem Figurentheater Wilde & Vogel und dem Fitz. Astrid Griesbach vom Berliner Theater des Lachens inszenierte das Spiel um verordnete Liebe als im Wortsinn zauberhafte Synthese aus Masken, Figuren, Darstellung und Musik.

Geführt von Charlotte Wildes geheimnisvoll verfremdeten Klängen aus Gitarre und Violine erwecken Christoph Bochdansky und Michael Vogel (sie entwarfen auch die Ausstattung) die von ihnen geschaffene Ödnis mit Stimme und geschickten Fingern zum Leben. Nahtlos verschmelzen die beiden Spieler mit ihren Masken und Figuren zu brabbelnden, glucksenden und Shakespeare rezitierenden Fabelwesen. Ein verdorrter Baum löst sich aus seiner Starre und beginnt zu sprechen. Kobold Puck schleudert Saftfontänen aus der Liebesblume. Oberon, das anmutige Einbein mit Grünspan im übellaunigen Gesicht, fordert geifernd Titanias Liebe. Wie von Zauberhand bewegt, rollen winzige Elfen auf Rädern gravitätisch ins Irgendwo, Irrwischen Helena, Hermia, Demetrius und Lysander als liebestolle Kugeln orientierungslos zwischen rauchenden Mondkratern hin und her. Von den beiden selbst ernannten Weltverbesserern, die sich immer wieder wie kleine Jungen beim Sandkastenspiel um den rechten Fortgang der Geschichte streiten, werden sie eingefangen und zum aneinander bollernden Vierer zwangsvereinigt. Ein bissig-ironisches Spiel mit Allmachtsfantasien, das Vergnügen pur bereitet.

 

Esslinger Zeitung, 19.2.2005, Petra Bail

Der Hintern liebt den Stuhl

Fantastische Premiere von "Sommernachtstraum - reorganisiert" im Fitz

Wen soll man anhimmeln, wenn man auf dem Mond ist? Kann man auf dem Mond heiraten? Wenn ja, wen und vor allem warum? Fragen über Fragen werden aufs Unterhaltsamste und Hintersinnigste von zwei ziemlich schrägen Vögeln auf der Bühne im Stuttgarter Figurentheater Fitz anregend diskutiert. Die beiden stehen am Rand der Welt, kurz hinter Athen und spielen mit Masken, Marionetten und kinetischen Objekten die Shakespeare-Adaption "Sommernachtstraum - reorganisiert".

Die Koproduktion von Christoph Bochdanksy, dem Figurentheater Wilde & Vogel und dem Fitz hatte jetzt im Zentrum für Figurentheater im Tagblattturm unter der Regie von Astrid Griesbach Premiere. Bochdansky gilt als "österreichischer Meister humorvoller Irritation und poetischer Täuschung". Gemeinsam mit Michael Vogel inszeniert er im Bühnenmikrokosmos mit Fabelwesen, amorphen Gestalten und mystischen Figuren ein fantastisches Verwirrspiel um Liebe, Lust und Leidenschaft, in dem der Mond als Liebesplanet eine zentrale Rolle spielt.

Klanglich virtuos untermalt wird die reorganisierte Traumfassung von Charlotte Wildes musikalischem Spiel mit elektronischer Geige und Gitarre. Allein das surrealistische Bühnenbild mit Objekten und Figuren wie aus einem Dali-Bild betört die Sinne. Da liegt eine nackte weibliche Figur hingegossen auf der Erde und atmet kaum merklich, indem sie Brustkorb und Oberschenkel leicht hebt und senkt. Ein Feenwesen an Nylonfäden scheint direkt aus Tolkiens "Herr der Ringe" entschwebt und drei kleine Gnome, die wie durch Zauberhand über die Bühne rollen, erinnern anrührend an Bonsay-Aliens.

Da geht der Befehl an alle Athener: "Heiraten". Vier goldene Kugeln rollen ohne Anschub wild über die Bühne, sich verfolgend, jagend, abstoßend, wie Hermia, Helena, Lysander und Demetrius bei Shakespeare. Da das mit den erotischen Verbindungen nicht reibungslos klappt, werden die vier Bälle in einen Raum gesperrt - aus die Maus: "Liebe braucht Führung."

Herzerfrischende Heiterkeit
Ein Tröpfchen Saft aus der Wunderblume und jeder liebt jeden. Der Hintern den Stuhl, Russland liebt China. Nur die Welt, die brauchte noch etwas Liebe. Also wird mit dem Gießkannenprinzip gesprüht. Das wäre doch gelacht. Die Gewalt des anarchischen Eros blitzt messerscharf durch die herzerfrischenden Heiterkeitsmomente.

Wie kann man sich als modemer Mensch eine Elfe vorstellen? Das Prinzip der Traumwesen wird anhand von Lichtstrahlen erläutert: diese lassen sich nicht irritieren, da kann man fuchteln so lange man will. Bei ihrer Fantasterei stellen die Spieler fest, dass Bochum gar nicht auf dem Mond liegt. St. Moritz aber auch nicht. Und Houston? Da haben die poetischen Astronauten ein Problem. Wenn das nicht der Mond ist, was dann?

Egal. Die Mondlandung kommt aus dem Off. Bochdansky und Vogel bewegen sich wie in Zeitlupe über die Bühne. Dann wird die Spielebene gewechselt. Rein mental, versteht sich. Die Zuschauer dürfen sich jetzt einen stinkigen Oberon als Mischung aus Kingsize-Ameise und Belzebub vorstellen, der mit Elfengattin Titania, als grotesker Riesen- Schmetterling, im Eifersuchtsstreit liegt. "Macbeth" spielt auch noch eine Rolle, aber eher verbal. Ist halt auch von Shakespeare. Auf anregende und spannend-unterhaltsame Weise verschmelzen Bochdanksy und Vogel geglaubte Wirklichkeiten und flirrende Fantasie zu einem turbulenten Bilderbogen auf mehreren Ebenen. Ein intelligentes Spiel und eine ebenso unerschrockene wie humorvolle Irritation, die man sich gerne gefallen lässt.

 

Stuttgarter Zeitung, 19.2.2005, Julia Schneider

Mondsüchtig und liebestoll

Das Figurentheaterstück "Sommernachtstraum reorganisiert" nach Shakespeare im Fitz

Kalt ist der Mond und seit Jahrtausenden dazu verdammt, im Gravitationsfeld der Erde seine festgelegte Bahn zu ziehen - im Mittelpunkt des Universums steht die Sonne. Beim "Sommernachtstraum -reorganisiert" im Fitz dreht sich ausnahmsweise alles um den Erdtrabanten. Astrid Griesbach vom Berliner Theater des Lachens hat William Shakespeares "Sommernachtstraum" rund um den Mond neu inszeniert.

Zwei Männer in Betrachtung des Mondes heißt der Untertitel - und das ist auch die Eröffnungsszene. Die beiden Männer, Christoph Bochdansky aus Wien und Michael Vogel vom Stuttgarter Figurentheater Wilde & Vogel, spielen auf einer Bühne, die einem Gemälde von Salvador Dali entsprungen zu sein scheint. Auf orangefarbenem Grund verteilt sich Baumartiges, Schilfartiges, ein graues Etwas, das an einen kriechenden Menschen erinnert, eine herabhängende Weltkugel, darunter ein graues Wählscheibentelefon und im Hintergrund eine riesige blasse Mondsichel auf schwarzem Himmel. Aus diesem Bühnenbild zaubern im Laufe des Abends die beiden Figurenspieler ihre mitspielenden Puppen hervor: Ein Baumstumpf "entpuppt" sich als Körper des Elfenkönigs Oberon, ein unförmiger Busch als seine zarte, insektengleiche Gemahlin Titania. Begleitet werden Bochdansky und Vogel von Charlotte Wilde, die, auf der Bühne sitzend, mit E-Gitarre und Geige sphärische Klänge und verfremdete Kinder- und Schlaflieder erklingen lässt.

Die nur in einzelnen Szenen nachvollzogene Handlung der shakespeareschen Komödie wird immer wieder durchbrochen von Szenen, die die Flüge der US-amerikanischen Mondraketen vom Typ Apollo zitieren. "Houston, wir haben ein Problem" und "ein großer Schritt für die Menschheit" - diese Sätze etwa reizen Vogel und Bochdanksy zu Slapstick und lakonischem Kommentar. Da wird in ein Telefon gesungen, dessen Hörer wie im All schwerelos im Raum hängen bleibt, da werden der Raketenstart und die Schwerelosigkeit pantomimisch nachgeahmt.

Luna und lunacy - Mond und Wahnsinn liegen nicht nur bei Shakespeare nah beieinander. Die Regisseurin Griesbach lässt ihre Figurenspieler mit Fantasie und Realität jonglieren. Grandios komisch die Szene, in der Shakespeares vier junge Liebende bei Mondschein durch den Wald irren. Hermia, Helena, Demetrius und Lysander werden in Griesbachs Inszenierung durch goldene Kugeln dargestellt, die wie wild gewordene Mäuse kreuz und quer über die Bühne zuckeln und, wo immer sie anecken, die Richtung ändern. Während Shakespeare die Beliebigkeit, mit der man sich verliebt, aufs Korn nimmt, ironisieren die Figurenspieler außerdem ihr eigenes Spiel. "Jetzt kommt die schönste Szene, die mit der Liebesblume", freuen sie sich. Manchmal ein wenig zu ironisch: von den magischen Szenen mit den schwebenden Elfen und dem zürnenden Oberon hätte man sich mehr gewünscht.

 

Ludwigsburger Kreiszeitung, 22.02.05, Arnim Bauer

Zwischen Mond und Zauberwald

Spannender Sommernachtstraum im Stuttgarter Fitz

Der wunderbare Sommernachtstraum - Immer wieder darf er die Basis bilden, wenn Theaterleute ihre Fantasie schweben lassen. So auch in "Sommernachtstraum reorganisiert im Figurentheater-Zentrum Fitz.

Astrid Griesbach führt Regie, sie gehört zu den markantesten Machern des Genres Figurentheater, und in Stuttgart ist sie mit ihren Arbeiten steter Gast. Genau wie das Figurentheater Wilde und Vogel, das diese "Zwei Männer bei der Betrachtung des Mondes" spielt. Michael Vogel dabei wie immer als
variantenreicher Spieler zwischen schauspielerischer Darstellung und den Figuren, die immer wieder ins Spiel gebracht werden, Charlotte Wilde an Geige und E-Gitarre mit einer außergewöhnlichen musikalischen Umrahmung, die als Markenzeichen dieser Formation zum Spiel gehört. Den zweiten Mann auf der Bühne gibt Christoph Bochdansky.

"Wie kann ein moderner Mensch sich eine Elfe vorstellen", heißt die zunächst harmlose Frage, mit der das Spiel seinen Anfang nimmt. Seinen Ausgang findet es in einem Kosmos der Phantasie, in dem Realität und Vorstellung verschmelzen, in dem Figuren und Menschen eins werden, in dem Blumen den Befehl zur sofortigen Liebe aller geben, Sind wir nun auf dem Mond oder im Zauberwald? Insekten, Monster, kleine und große, bevölkern die Szene, Verwirrung macht sich breit, Fragen tauchen auf, Merkwürdiges geschieht, die Männer bekommen Zweifel, es wird ihnen unbehaglich, "Houston, wir wollen zurück" ist das Credo dieser Reise.

Spannende Szenen, überraschende Wendungen, ein wundervolles Miteinander von Musik, Schauspiel und Figureneinsatz, sauber durchinszeniert, bekommt der Zuschauer geboten. Er wird entführt in eine fremde Theaterwelt, die sehr viel Raum lässt für eigene Fantasien, Gedanken und Spaß. Dieser entsteht vor allem durch Situationskomik, durch Skurrilität und durch manchmal fast satirisch anmutende Verhaltensweisen der Protagonisten - eine runde Sache.

 

Oberösterreichische Nachrichten, 15.03.2005, Klaus Buttinger

Halbzeit beim 14. Figurentheaterfestival Wels:

Eine traumhafte Reise zum Mond von Wilde / Vogel / Bochdansky

Allein das Bühnenbild der deutsch-österreichischen Koproduktion namens "Sommernachtstraum reorganisiert" hätte den Eintrittspreis am Sonntag Abend gelohnt. Salvatore Dali hätte seine Freude an dieser Mondoberfläche gehabt, auf der plüschige Fantasiefiguren auf ihren Einsatz warteten.

Mitten darunter, zwei »Männer in Betrachtung des Mondes", so der Untertitel des Stückes von Michael Vogel (D) und Christoph Bochdansky (Ö) und Charlotte Wilde (D), die für die Musik verantwortlich zeichnete. Mittels elektronisch verzerrter und gesampelter Geige und E-Gitarre hob sie das fantastisch-komische Stück so angemessen und dezent, dass es schlicht perfekt war.

Wilde und Bochdansky, die beiden Männer im Mond, gebärdeten sich indes als zurückgelassene Astronauten, als Götter oder pubertäre Konkurrenten. Beide zogen alle Register der Schauspielkunst, der Pantomime und des Puppenspiels. Ein derart fröhlich-kunterbuntes und abwechslungsreiches, technokritisch-politisch und satirisches Treiben hat das Festival bisher noch nicht hervorgebracht. Leider gab das an Shakespeares  "Sommernachtstraum" angelehnte Spiel keine Antwort auf die zentrale Frage des Stücks: »Was soll man man anhimmeln, wenn man auf dem Mond ist?"

double, Magazin für Puppen-, Figuren- und Objekttheater 2/ 2005, Christoph Lepschy

Mondsüchtig

"Sommernachtstraum - reorganisiert" im FITZ! Zentrum für Figurentheater in Stuttgart

Ein wunderlicher Raum ist das. Vollgestopft und karg zugleich. Schaumstoffgewächse, Scheinwerfer und binsenartige Sträucher wuchern da, anthropomorphe Geschöpfe aller Art bevölkern die Landschaft. Die Bühne scheint ein Eigenleben zu führen. Es atmet, knistert und singt. Eine Mondphantasie aus der Asservatenkammer. Zwei Herren haben sich hier eingenistet: Merkwürdige Gärtner eines Zauberwaldes, den sie hegend und pflegend durchschreiten, stets auf der Pirsch nach den Bruchstücken eines "Sommernachtstraums", der einst weit entfernt von hier geträumt wurde. Auf der Suche nach einer Liebe ohne Schwerkraft sind sie auf den Mond geraten. Fast zufällig, so scheint es. Jedenfalls solcherart, wie sie allein Geistern eignet, die hier Elfen heißen.

"Sommernachtstraum - reorganisiert. Zwei Männer in Betrachtung des Mondes", eine Koproduktion von Christoph Bochdansky (Wien) und Figurentheater Wilde & Vogel (Stuttgart) mit dem FITZ! Zentrum für Figurentheater in Stuttgart und dem Berliner Theater des Lachens, ist ein starkes Konzentrat von Shakespeares Sommernachtstraum. Regisseurin Astrid Griesbach, ihre beiden Schau- und Puppenspieler Christoph Bochdansky und Michael Vogel und die Musikerin Charlotte Wilde haben vom zahlreichen Personal Shakespeares allein den Puck übrig gelassen, diesen dafür gleich in doppelter Ausführung: Zwei Herren in Straßenanzügen denken über Gott und die Welt nach, also über Shakespeare und die Liebe. Wie, so fragen sie, mag man sich wohl eine Elfe vorstellen? Und dann helfen sie unserem Vorstellungsvermögen wunderbar auf die Sprünge, indem sie in den Kosmos von Masken, Marionetten und kinetischen Objekten eintauchen und ihre Pucks im Liebeszauberwald Verwirrung stiften lassen. Eigentlich haben sie ja eine Mission: Heiraten sollen sie organisieren, Paare zusammenführen: Oberon und Titania, Helena und Demetrius, Hermia und Lysander... Ein Tropfen Blütensaft aus der Wunderblume in den Augen soll die Liebe schaffen. Doch prompt gerät der bzw. die Falsche in den Blick und stürzt die sogleich liebesblinden Paare in grausames Liebesleid. Unversehens gerät die Geschichte auf den Mond, einleuchtender Ort eines Dramas der Anziehungskraft: Vier identische goldene Kugeln sind Helena, Hermia, Lysander und Demetrius und jagen wie sich abstoßende Magneten durch den Raum. "Was ziehst du mich so an, hartherziger Magnet", heißt es bei Shakespeare. Dergestalt haben Bochdansky und Vogel immer wieder bestechend buchstäbliche Bilder gefunden, die das Zentrum des Stücks berühren: Eine anrührende und verzweifelte Szene der Verwirrung entsteht, als die beiden Pucks die vier wildwütigen Kugeln schließlich in ein Viereck zusammensperren, das keinen Platz mehr zum Ausweichen bietet. Ein wenig streng und dabei sehr beunruhigt knien die Herren vor dem Ergebnis ihrer Tat, lauschen in das Geviert mit den Kugeln und übersetzen sich und uns die unhörbaren Gespräche in Shakespeares Dialoge. Wie aber wieder herausfinden aus Finsternis und Wirrnis? Die Telefonverbindung zur Rückholzentrale in Houston ist gestört, die Heimkehr bereitet Probleme...

Mit präziser Ironie und flirrender Spiellust durchwandern Bochdansky und Vogel mondsüchtig ihre und Shakespeares Bühnenwelt. Auf wunderbare Weise begleitet und geführt werden sie von der Musikerin Charlotte Wilde, die-mit E-Gitarre und Geige ausgerüstet den Soundtrack der Inszenierung liefert und weiträumige Anleihen bei der "Sommernachtstraum"-Musik von Mendelssohn-Bartholdy macht, aber auch Versatzstücke aus der Popmusik verarbeitet. So liefert sie den rhythmisch-atmosphärischen Grund, über den die zwei großen Buben stolpern, die das Staunen nicht verlernt haben. Verträumter Philosoph der eine, begeisterter Ingenieur der andere, Adepten der Doppelbödigkeit beide, öffnen sie eine Welt jenseits des Sichtbaren, einfach weil sie überzeugt sind, dass sie da ist.

Leipziger Volkszeitung, 23.05.2005, Mark Daniel

Alles umgekehrt
Westflügel-Prolog mit fantastischem "Sommernachtstraum - reorganisiert"

Die Sehgewohnheit - suspendiert. Die Theaterschubladen - ausgekippt im Spielzimmer der Fantasie. Und dann noch das total verwackelte Weltbild. Alles haben Charlotte Wilde, Christoph Bochdansky und Michael Vogel gehörig durcheinander gebracht. Eine Musikerin und zwei Figurenspieler sind schuld daran, dass die Besucher der Schaubühne Lindenfels an drei Abenden angenehm irritiert, amüsiert und hingerissen einem außergewöhnlichen Traum im alten Ballsaal entsteigen.

Auf den Mond schießen sie den "Sommernachtstraum - reorganisiert". Auf dem sich ein Baumstumpf in Oberon verwandelt, kleine Elfenfiguren ein rollendes Eigenleben führen und die Erde der Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln ausgesetzt ist. "Alles umgekehrt" lautet einer der Kernsätze dieser Ko-Produktion des Österreichers Bochdansky und des Stuttgarter Figurentheaters Vogel & Wilde (Regie Astrid Griesbach). Eine Jonglage mit Denk- und Sicht-Rastern entsteht, wenn die Männer im Kreis laufen und beim Zuschauer die Frage aufwerfen, wer hier eigentlich wen verfolgt. Oder ein herumhängendes Teil von Bochdansky aus dem Stoffgebilde gelöst wird, um ein Bein zu werden.

Eine der vielen traumhaften Ideen: Vier Kugeln rollen als Helena, Hermia, Demetrius und Lysander über die Bühne. Faktisch  getrieben von eingebauten Motoren und kunstsprachlich von der Libido, stoßen sie nach dem Zufallsprinzip im Wald aufeinander. All das perfekt getragen oder kommentiert von der dezenten Musik Charlotte Wildes, die mit elektronisch verstärkter Violine und Gitarre die Zauberwelt mitmalt. Mit spürbarem Spaß feiern die Akteure die Auflösung von Grenzen. Hier treffen sich Schauspiel, Figuren, Klang, hier verschmelzen Politik, Kindlichkeit, Philosophie, Komödie, Satire.

Dieser zweite Westflügel- Prolog, angereichert mit gewohnt witziger Installation von Jim Whiting und Daumenkino aus dem Schacks Verlag, setzt ein weiteres Achtungszeichen für das verwitterte Gebäude, das an die Schaubühne grenzt. Nach dem Kauf durch den Lindenfels Westflügel e. V. beginnt nun die Sanierung auf dem Weg zu einem internationalen Figurentheaterzentrum. Ein Traum, der bald wahr wird.

 

Kurier Wien, 3.1.2005, Andrea Amort

Mond und Liebe

dietheater Künstlerhaus: "Sommernachtstraum"

Es ist wohl das "erwachsenste" Stück an poetischem Figuren- und Menschentheater, das Christoph Bochdansky mit seinem kongenialen neuen Partner Michael Vogel derzeit im Künstlerhaus zeigt.

"Sommernachtstraum - reorganisiert" nennt das Duo die von Regisseurin Astrid Griesbach begleitete, geglückte Verwirrung um Fantasie und Spiel auf mehreren Ebenen. Nichts ist so, wie es scheint, aber der standhafte Glaube an das Ganze zählt. Zwei schrullige Typen, durchaus mondsüchtig, diskutieren über das Wesen der Elfe und das Unfassbare und tappen mitten hinein in Shakespeares "Sommernachtstraum".

Dort, in diesem Reich aus seltsamen Erscheinungen, das von einer atmenden Schönheit, von Masken und goldenen Kugeln belebt wird, muss Liebe entstehen.

Bochdansky und Vogel kommentieren ihre Wechsel zwischen Oberon und Titania und den Puck ähnlichen Spielmachern launig. Wo es ins Kunsthandwerkliche abzugleiten droht, sind die beiden Fantasten rasch wieder zur Stelle. Wesentlichen Anteil am Zappen durch die Spielebenen hat die mit Geige und Gitarre dramaturgische Akzente setzende CharlotteWilde.