
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, WAZ, 18. September 2007, Werner Streletz
Fidena: Die lnszenierung des Figurentheaters "Wilde & Vogel" greift die Sprunghaftigkeit der Baudelaireschen Prosagedichte auf. Kinder sprechen die Passagen ein.
Der Spieler wird von Puppen, von Masken bedrängt, wird von langen knochigen Armen umschlungen wie von Nachtgestalten. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Dieser viel zitierte Satz von Goya scheint Wirklichkeit zu werden. Nur bildet hier nicht die beängstigende Kunst des großen Spaniers die Grundlage, sondern es sind die Großstadtimpressionen des französischen Dichters Charles Baudelaire.
Die Fidena wich diesmal den düsteren Bildern konsequent nicht aus. Was mit dem Totentanz aus Tübingen begann, setzte sich in der Inszenierung "Spleen" des Figurentheaters "Wilde und Vogel" fort. Eine weiße Fläche von der Größe eines französischen Betts, dahinter stehen elektrisch verstärkte Gitarren auf Ständern: Michael Vogel ist der Mann, der mit den Puppen kämpft, Charlotte Wilde, unterlegt die Assoziationen zu Baudelaires Spätwerk "Der Spleen von Paris" mit raffiniert gehäuften und dann wieder kunstvoll einfachen Melodiepartikeln, die das Spiel nicht illustrieren, sondern eigenständiger Bestandteil der bedrückenden Inszenierung sind.
Im "Spleen" hat Baudelaire die Form des von ihm entworfenen Prosagedichts erprobt. Ihm war klar geworden, dass die pulsierende Welt der Moderne zumal in der SeineMetropole, nicht mehr mit klassischen Reimpaaren und harmonischer Metrik zu fassen ist, wie es ihm in den skandalträchtigen "Blumen des Bösen" noch gelungen war.
Die Inszenierung in der Zeche Eins greift die Sprunghaftigkeit, die Zufälligkeit der flüchtig hingeworfenen Skizzen der Prosagedichte auf; die einzelnen Bilder vereint nur ein Unterton des Geheimnisses, des Bedrohlich-Alptraumhaften, der auch nicht nachlässt, wenn mit einer kleinen, eigentlich niedlichen Froschgestalt scheinbare Skurillität die berschaubare Bühne durchstakst.
Michael Vogel ist mit dem ganzen Körper ins Spiel miteinbezogen: Er durchbricht seine streckenweise hektische und verkrampft-zitternde Choreographie durch Alltagsgesten, um die halluzinierende Atmosphäre des Geschehens - das keine durchgehende Geschichte kennt - aufzulockern und als Bühnenhandlung kenntlich zu machen.
Nachsatz: Für Kenner des frühen Elvis war es ein besonderer Genuss, zum Schluss dessen Uralt-Song "Don't" nicht betont spleenig, sondern in einer berührend leisen, eigenwilligen Anverwandlung zu hören.
Süddeutsche Zeitung, 15. März 2007, Egbert Tholl
Gäbe es das Pathos Transport Theater nicht, die Stadt München wäre ärmer. Es würde ein moderner theatraler Blick auf die Gegenwart fehlen, es gäbe ein wichtiges Fenster in bizarre Kunstwelten nicht. Dieses Fenster ist in der laufenden Saison vor allem das Transportfestival, zu welchem Jörg Witte und Angelika Fink neun freie Theaterproduktionen aus Europa einladen, einmal im Monat eine andere. Dass ausgerechnet ein finanziell permanent ums Überleben kämpfendes Haus wie da Pathos solches leistet, weil es dies einfach leisten muss und weil es wunderbar ist, ist bezeichnend. Mit den Einladungen (und auch mit den Eigenproduktionen) beweist das Pathos einen Mut, der der freien Szene in München weitgehend ausgetrieben wurde.
Auch "Spleen" vom international tätigen Figurentheater Wilde & Vogel ist keineswegs ein Abend, dem man mit tradierten Sehgewohnheiten beikommt. Es ist ein Trip ins Innere, eine Wanderung durch die Diskrepanzen der Gegenwart, ein Epitaph zum Andenken an die verstorbene Schönheit. Kinderstimmen sprechen Passagen aus Baudelaires "Pariser Spleen", Charlotte Wilde spielt auf Bass, Geige und Gitarre die "Marseillaise" wie Hendrix, entwirft psychotische Klangschleifen und träumt Schuberts "Schwanengesang". Diese szenischen Lieder, die ein vom Text angestoßenes, heterogenes Ganzes ergeben, flehen leise, zärtlich. So zärtlich, wie Michael Vogel mit seinen Figuren umgeht. Bizarre Tiere wie die Wasserspeier von Notre Dame, Komiker, Künstler und Fürsten, verhungernde Hofnarren, die von Schönheit träumen. Und im Jubel des Publikums erwachend sich die Augen reiben.
Baudelaire et Shakespeare dans le texte et le geste L'art marionnettique est capable de tout. Même de s'approprier avec bonheur un poème de Baudelaire ou une tragédie de Shakespeare. Evoquer «Le spleen de Paris» de Charles Baudelaire, c'était, mercredi, au Temple allemand à La Chaux-de-Fonds, le propos du Figurentheater Wilde & Vogel, de Stuttgart. L'expressionnisme allemand sur un texte de Baudelaire? On s'apprêtait à frémir. Erreur. Michael Vogel ne fait pas le jeu des morceaux choisis. C'est à leur transposition scénique, à la conquête par le geste, à la lente transformation des mots que Vogel convie l'auditoire. Ce qui se fait jour, par la marionnette à fil, à tige, par le classique castelet, c'est la possibilité d'une approche totale d'un texte. On ne sait plus si Vogel est Baudelaire ou s'il joue, il y a tant de tripes dans son jeu qu'on en est subjugué. On suit l'émergence d'un esprit nouveau, de l'esthétique qui se dégage par saccades, sous l'impulsion de la musique d'époque ou improvisée de Charlotte Wilde. S'offre ainsi un appât pour stimuler le jeu et pour ramener le texte, dit par une voix d'enfant. (...)
Leipziger Volkszeitung, 23. 09. 2006, Stefanie Möller
"Spleen!" - erste im Westflügel entstandene Figurentheater-Produktion bejubelt
Der Schauplatz ist ein weißes Laken auf dem Boden, gerade in den Maßen eines französischen Bettes. Man ahnt darauf den unruhigen Baudelaire, dessen Beobachtungen des Tages seine Nächte heimsuchen und sich die Schlafstätte zur Bühne nehmen. Die verlorenen Kreaturen aus den dunklen Gasse vom Paris machen hier das Licht an und tanzen ihren letzten Traum, "Entertainment zwischen Mittelalter und "The Cure" hatte Hendrik Mannes für "Spleen" am Donnerstag versprochen Aber die erste im Westflügel selbst produzierte Inszenierung von Charlotte Wilde und Michael Vogel ist viel mehr.
Als Vorlage diente Charles Baudelaires späte Sammlung "Der Spleen von Paris" von 1869. Baudelaire, selbst passionierter Melancholiker, beschreibt In lyrischer Prosa die dunkle Seile der Moderne, das Scheitern von Menschen und Utopien, die Sehnsucht nach dem Leben, der Erotik, dem Tod. Mannes lässt das ausgerechnet von acht Kindern und Jugendlichen einsprechen - und es klingt wunderbar! Da ist kein bemühtes Spielen, kein falscher Ton; wenn es lakonische Empfindsamkeit gibt, dann ist sie hier zuhören.
Charlotte Wilde spielt auf der Geige himmlische Melodien aus Folk und Volkslied, lässt die Gitarre rocken und gibt dem Delirium den Eloktroklang. Die Figuren summen oder krächzen, nur der Kasper braucht das gellende Gekreisch beim Hinmetzeln von Kind, Henker, Tod und Teufel. Die meisten verlassen sich ganz auf ihre umwerfende Ausdruckskraft. Da ist der erschöpfte Tod im weißen Gewand, der sich erzählend, tanzend ein letztes Mal verausgabt. Da ist die nackte Geile mit Boa, die mit ihrem welken Fleisch aufreizend doch vergeblich kokettiert. Da ist das Fröschlein, das mit selbst für Frösche wirklich gewagten Posen um eine Seerose minnt. Da sind drei teuflische Gnome einer fantastischen Unterwasserwelt, die sich vermeintlich vom Spieler zähmen lassen, bloß um seine Zunge zu fressen.
Michael Vogel lässt sich das und mehr antun, denn er liebt die Objekte zärtlich als starke, beseelte Kreaturen. denen der Schwache sich hingibt. Das ist in diesem Stück deutlicher zu spuren als sonst. Wenn er sich etwa selbst als erstarrter "Nervöser, der eine Sekunde lang die Lust erfahren hat", an einen morbiden Frauentorso schmiegt, sucht er Schutz bei der Mumie; wenn er mit einer mondsüchtigen Bleichen tanzt, wird das Gesicht dieser Maske an seinen Schultern lebendig! So wirkt auch der Tod, den der Spieler durch den Kuss des einäugigen Gnoms erfährt, tröstlich. Seine Blumen wirft Vogel im stürmischen Applaus fast heimlich den Figuren zu.
Ein Stück aus einem Guss ist die Inszenierung nicht; sie hat Längen, zeigt in manchen der lose gereihten Miniaturen zu viele Wiederholungen, die Technik spielt manchmal hörbar nicht mit, und es fehlt noch ein wenig der Fluss. Doch wenn Wilde und Vogel zum Schluss Elvis' "Don't" im Duett singen, dazu die güldne Mondsichel zu Boden kommt, um das elegant springende Fröschlein aufzunehmen, dann ist es die herzzerreißendste, zärtlichste (Hin-)Weihung des Westflügels, die sich denken lässt.
ELEND & NOBLESE Leipzigs Magazin für TheaterKultur Nr. 4, Fee Isabelle Lingnau
Der "Westflügel" hat einen Sommerspielplan
Nun, es dauerte eine Zeit, bis man endlich aufgehört hatte, jede Geste, jede Figur sofort interpretieren zu wollen und sich auch nicht mehr hochkonzentriert bemühte, jedes einzelne Wort zu verstehen, das Kinder gesprochen und Baudelaire geschrieben hatte. Aber dann, ja dann!
Dann erlebte man die Aufführung von Spleen. Die Kinderstimmen waren nun ebenso Musik wie ihre Worte Bebilderung. Sie schufen zusammen mit dem Spiel Michael Vogels und seinen Figuren (oder andersherum?) sowie den Melodien und Klängen von Charlotte Wilde eine vielschichtige Komposition aus Bild Ton Wort.
Entstanden ist diese erste Eigenproduktion des "Lindenfels Westflügel" nach Charles Baudelaires "Le Spleen de Paris", dem Band mit Gedichten in Prosa, die ein Jahr nach seinem Tod erschienen. "Wilde & Vogel" untermalen nicht die starken verbalen Bilder des Dichters, der sich irgendwann von Opium und Haschisch losgesagt hatte und nur noch den Rausch der Dichtung akzeptierte. Vielmehr stellen die Theatermacher eigene Bilder aus Spiel und Ton daneben. so dass ein vielschichtiger Reigen aus Sinnlichkeit und Prostitution, Lebenslust und Weltenekel, Emotionalität und Kitsch entsteht, der für den Zuschauer erfahrbar ist, ihm viele Assoziationsanstöße gibt. Baudelaires Ästhetik des Hässlichen ist ebenso präsent wie eine düstere Poesie, die immer wieder gebrochen wird durch mal feinen, mal albernen, mal sehr schwarzen Humor.
www.leipzig-almanach.de, Tobias Prüwer
Das Figurentheater Wilde & Vogel inszeniert Baudelaire
Dieses Leben ist ein Hospital, wo jeder Kranke vom Wunsch besessen ist, das Bett zu wechseln. Der eine möchte vor dem Ofen leiden, und der andere glaubt, am Fenster würde er genesen.
Sich in der Moderne einzurichten ist nicht jedermanns Sache. Das wusste bereits Charles Baudelaire. Nun zieht sein "Spleen von Paris" einen Kreidekreis um den Westflügel und gibt Kunde von Entwurzelung und Dekadenz, Wahnsinn und all den anderen Dämonen der Großstadt.
Verloren ziehen die Figuren ihre Kreise, manche ausgelassen tanzend, anderen ist die Not in Bewegungen eingeschrieben: zerrüttete Existenzen allesamt. Da erscheint ein steif gewordener Gaukler, hier wiegt eine Frau, deren Berufbezeichnung nicht unbedingt "Tänzerin" ist, frivol ihre Hüften, dort raufen anonyme Alkoholiker um den letzten Tropfen. In morbiden Szenarien bewegt sich die Uraufführung vom Figurentheater Wilde & Vogel, die auch die erste eigene Inszenierung des Westflügels ist. Zerfall ist das Thema, das Stück eine Adaption von Baudelaires posthum publiziertem "Der Spleen von Paris". Kein leichter Stoff, will man meinen, treibt diese Sammlung von Prosagedichten doch das modernetypische Phänomen der Großstadt um, den Alltag einfacher Menschen, beschreibt Entfremdung und Rausch, das allumfassend Hässliche und die Einsamkeit in der Vermassung. Unter Hendrik Mannes' Regie findet die Inszenierung jedoch Zugang zum poetischen Potenzial von Baudelaires' Werk und erweckt eindrucksvolle Miniaturen, in denen Ausgeliefertsein zu den Mitmenschen und die wahllose Erfahrung von Lebenslust und -Leid als Mengelage vielstimmiger Dissonanzen kunstvoll in einen ästhetischen Rahmen gesetzt wird, der die Tragik des Themas abfedert, aber nicht abwiegelt.
Tristesse regiert den Bühnenraum, der nicht viel mehr als leer ist. Die Figuren liegen wie Haufen verstreut herum, werden zum Spiel aufgenommen, danach wieder fallen gelassen. Von Charlotte Wilde im Hintergrund musikalisch untermalt - Szenenbeschreibungen finden sich von Kinderstimmen aus dem Off vorgetragen -, verleiht ein virtuoser Michael Vogel den Figuren temporäre Existenz. Den Schauder von Baudelaires' ProtagonistInnen übertragend, treten froschgesichtige Wesen auf, werden deformierte Körper verrenkt, zeugen Stofffetzen vom Fragmentarischen des Daseins. In viele Figuren sind kleine Apparaturen und ausgeklügelte Mechanismen hineingearbeitet, die es Vogel erlauben bis zu drei mit einem Male zu führen. Zuweilen in Symbiose mit seinem Körper, nutzen ihn die Figuren als Spielfläche, scheinen sich daran hochzuziehen oder anderweitig als Objekt freier Verfügung zu betrachten. In andauernder Metamorphose führt sich hier im Medium von Figuren-, Körper- und Maskenspiel die Zerrissenheit vermeintlich unteilbarer Individuen schillernd vor Augen.
Außergewöhnlich finden sich der "Spleen" der Moderne im Westflügel in Szene gesetzt und die ihr inhärenten Pathologien als Abfolge von Scheitern und Verderben illustriert. Ganz ohne intellektuelles Pathos werden auch unsere Lebenswelten reflektiert, werden die Illusionen von Autonomie und Identität in einer Zeit sichtbar, die keine Gefangenen zu machen scheint. In der Anmut eines Totentanzes, im Reigen der Großstadtsiechenden, offenbart sich das Zombiedasein als Herumirren verlorener Seelen im urbanen Labyrinth.
Ja, die Zeit herrscht, sie hat ihre brutale Diktatur wieder aufgenommen.
Esslinger Zeitung 28.10.06, Petra Bail
Fantastische Premiere von "Spleen - Charles Baudelaire: Gedichte in Prosa" im Stuttgarter Fitz
Stuttgart - Verlorene Gespensterseelen zelebrieren grotesk-erotische Tanzbewegungen. Ein klappriges Skelett schmiegt sich anrührend am Spieler hoch, der feengleiche Tod hechelt mit hängender Zunge den eigenen sinnlich-lasziven Bewegungen hinterher. Überdruss, Trübsinn und Langeweile prägen dieses illusionslose Konglomerat von rauschhafter Lebensgier und triebhafter Todessehnsucht, das Charles Baudelaire in seinen Prosagedichten "Der Spleen von Paris" beschreibt. Das Figurentheater Wilde & Vogel setzt diese Tristesse des Großstadtdaseins in der Regie von Hendrik Mannes mit klarem Zeitbezug unbedingt sehenswert um. "Spleen" hatte unter großem Beifall des Publikums im Stuttgarter Fitz Premiere.
Schwerelose Darbietung
Schwerer Stoff, dröge Geschichte, denkt man im ersten Moment - und ist um so verblüffter von der schwerelosen Darbietung und dem meisterhaft-leichten Spiel Michael Vogels, der teilweise drei Figuren gleichzeitig ihre denkwürdigen Bewegungen vollführen lässt. Das Niederdrückende von Baudelaires skizziertem Großstadtscheitern ist gemildert, die Zeichen von jetztzeitlicher Entmenschlichung und herrschender Dekadenz werden in Figuren und Live-Musik von Charlotte Wilde deutlich spürbar.
In feinen Klang-Nuancen unterstreicht die eigenwillige Theatermusikerin mit elektronisch verstärkter Gitarre und Geige die lebensüberdrüssigen Grotesktänze der froschmäuligen Endzeitgestalten mit ihrem giacomettihaften Charme. Eine emotionslose Kinderstimme aus dem Off erzählt vom "grässlichen Leben in einer grässlichen Stadt", beschwört den Bruderkrieg um ein Stück Brot und das willkürliche Zerstören kleinbürgerlicher Existenzen. Die dünnen Figuren mit den übertriebenen Körperproportionen sind Verlorene im urbanen Moloch, Einsame in der Masse, wenn sie sich traumwandlerisch durch die Seelenzustände der Großstadtbewohner tasten "für eine Sekunde der Lust": Mondsüchtige unter sich.
Schönheit des Verderbten
Mord und Totschlag auch im Kasperletheater: Die kakaduhaften Chimären und kleinen Teufelskerle sind Fingerpuppen, die sich im alltäglichen Existenzkampf gegenseitig durch die Mangel drehen. Wo bleibt die Moral, wenn nur Verderbtes noch Schönheit besitzt? In vielen magischen Momenten stellt Vogels Spiel den Bezug zur Moderne her. Mit fantasievollen Figuren, Masken und Frauentorso finden Perspektivenlosigkeit, verstörende Schönheit und Blasphemie in Songs und Miniaturen fesselnden Ausdruck. Eros und Tod halten einträchtig Händchen, wenn die verlorenen Seelen verzweifelt Halligalli tanzen.
Ludwigsburger Kreiszeitung 28.10.06, Arnim Bauer
"Spleen" nach Charles Baudelaire im Fitz bietet faszinierendes und spannendes Figurentheater - Eigenwilliges Spiel zu melancholischem Stück
Stuttgart - Das Figurentheater Wilde und Vogel gilt auch in der üppigen Stuttgarter Szene als Besonderheit. Das haben die beiden auch mit ihrer neuesten Schöpfung, "Spleen" nach Charles Baudelaire, bewiesen.
Alleine die Zusammensetzung wirkt schon stilbildend für die beiden. Da ist der Figurenthea-terspieler und Figurenbauer Michael Vogel einerseits und die Musikerin Charlotte Wilde andererseits, die zum Spiel Musik auf diversen Instrumenten und Geräusche beisteuert. Live mit auf der Bühne sitzend und auf Gitarre, Bass und Geige spielend, prägt Charlotte Wilde die Darbietung stärker mit, als dies bei anderen Ensembles der Fall ist.
Auch mit "Spleen" ist den beiden wieder ein spannendes Stück gelungen. Zu den tiefgründig meist melancholischen Gedichten Baudelaieres entwickelt sich mit den genialen Figuren Vogels ein ganz eigenes Spiel. Beileibe keine Nacherzählung, sondern Bilder aus fernen Welten, die Stimmungen illustrieren und transportieren, sind entstanden. Ein müder Tod, ein geiler Frosch, Gestalten, die ihren Kopf verlieren, menschlich wirkende Ungeheuer, Drachen, Chimären, der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt, was hier über die Bühne geführt wird und sein Unwesen treibt.
Dabei werden tiefe Gefühle geweckt und illustriert, eine Art von Traumbildern entsteht, die in ihrer Vieldeutigkeit weit über die verbalen Beschreibungen der Gedichte hinaus reichen.
Dazu noch die Musik- und Geräuschummalung, die ein Übriges tut, um hier den Zuschauer zu packen, ihn anzuregen, den Gefühlen zu folgen. Wie ist doch unterschwellig zum Beispiel eine Art tiefer Wut spürbar, die Wut aller an der Gesellschaft Zweifelnden, an der Menschheit Verzweifelnden.
Kommt das nun von Baudelaire oder von Wilde und Vogel? Wohl aus einer gewissen Seelenverwandtschaft sind derartige Feinheiten entstanden. Feinheit im Ausdruck ist auch der Begriff, der für die Figuren, die da tanzen, schweben, kreuchen oder fleuchen oder auch mal fliegen, passt. Sehr fein gesponnen sind auch die Effekte, mit denen aus einzelnen Texten ein Ganzes wird, vielleicht gar das künstlerisch Anspruchsvollste an dieser Produktion, diese Rundung in sich, diese Einheit, dieses Sichfinden verschiedener Einzelstücke zu einer Einheit.
Théâtrorama - Le panorama du spectacle bien vivant
M. Fabre, 22 Mai 2009
Jouée dans le cadre de la BIAM 2009, Spleen est une création mêlant marionnettes et musique, directement inspirée du recueil de poèmes « Le Spleen de Paris » de Charles Baudelaire. Charlotte Wilde alternant violon, basse et guitare électrique accompagne ces incarnations poétiques évoluant sur l'onde d'une prose soufflée par des voix d'enfants. Michael Vogel fait vivre ces êtres fantomatiques, anges ou démons, captant ainsi l'essence inspiratrice du poète.
Sur le plateau un carré de linceul couvre le sol et « une lumière toujours croissante fait de plus en plus étinceler les objets » et les marionnettes phosphorescentes de l'artiste. Nés d'une « orgie silencieuse », ou montés par « l'escalier mystérieux par où l'Enfer donne assaut », ces êtres funèbres racontent le « Spleen » à leur façon. Masques mortuaires mais néanmoins extatiques, corps démembrés ou dépouille, grenouilles sulfureuses, gargouilles, faucheuses, Lucifer et grouillons, amants endormis par le souffle de la camarde. Ces romantiques ou sataniques personnages flottent dans un au-delà du monde.
Et si la mort flirte avec la vie, c'est dans ce qu'elle dégage de plus érotique et de plus cruel, telle la danseuse obscène et carnassière campée par une grenouille aux formes généreuses. Et puis la lune, « nourrice empoisonneuse » ôtant la vie au poète qu'incarne Michael Vogel et ses prolongements, formes inertes, animées à vue avec tant de finesse. Les images créées dialoguent avec le son, la musique et les mots et mettent en relief le morbide et le sublime. Michael Vogel danse dans un bain de ténèbres, seul avec les ombres claires de la mort, personnifiées par ses créations d'une rare et mystérieuse beauté.
Danse macabre?
L'esthétique qui se dégage de ce spectacle se construit peu à peu sous nos yeux ébahis. Une alchimie quasi magique opère entre les différents éléments du spectacle, laissant en bouche le goût de la prose, en tête des images ondulantes. La beauté plastique des personnages et l'atmosphère de ce pays-là font oublier sans peine l'étirement du temps de certains instants où le sens s'absente, notamment lorsque les marionnettes s'effacent pour laisser place à la danse macabre d'un danseur masqué.
A la manière de Fancioulle, admirable bouffon d'«une mort héroïque », la compagnie Wilde & Vogel par cette création inspirée, prouve « que l'ivresse de l'Art est plus apte que toute autre à voiler les terreurs du gouffre; que le génie peut jouer la comédie au bord de la tombe avec une joie qui l'empêche de
Magdeburger Volksstimme, 17. Juni 2009, Liane Bornholdt
"Spleen" beim Figurentheaterfestival
Das Nachtgeschehen am Montag beim Festival im Magdeburger Puppentheater begann mit Poetischem. "Spleen" ist das Leitmotiv, mit dem sich Hendrik Mannes, Charlotte Wilde und Michael Vogel den poetischen Welten des Charles Baudelaire nähern. Sie befragen diese nach zeitgemäßen und wohlbekannten Haltungen, geben ihnen Bilder und Klänge, lassen sich darauf ein, bis sie das Publikum mit hineinziehen. Neben "Les Fleurs de Mal" (Die Blumen des Bösen" ist "Le Spleen de Paris", die posthum erschienene Sammlung von Gedichten in Prosa, das bekannteste Werk des Charles Baudelaire. "Spleen" ist die melancholische, pessimistisch-depressive Weltsicht, die alle Dekadenz der äußeren Welt genau beobachtet, aufsaugt und in schwer fassbare dunkle Gefühle verwandelt.
Diesem emotionalen Kosmos haben das Figurentheater Wilde & Vogel (Lindenfels Westflügel Leipzig) mit dem Regisseur Hendrik Manns ungewöhnliche Ausdrucksformen gegeben. Man hört einige der Prosagedichte aus dem Off, gelesen von ganz jungen Stimmen. Die jugendlichen Vorleser entkleiden die Texte den historisch angehäuften Schichten ihrer gefühligen Düsternis, vermitteln ein wenig Distanz und Kühle, wodurch jedem Zuhörer sein eigener Assoziationsraum geöffnet wird. Mit Gitarre und Geige sowie einer Reihe von Soundeffektmaschinen taucht Charlotte Wilde alles aufs Neue in melancholische Stimmungen, durchbrochen jedoch mit Widersprüchlichkeiten, einigen harten Klängen, Melodien, die ihrer Auflösung verlustig gegangen sind, musikalisches Träumen und erinnern, hier auch ein weit gespannter Assoziationsraum.
Derweil lässt Michael Vogel Figuren entstehen. Mit großer spielerischer Virtuosität zeigen diese alle Spukgestalten im Kopf, den Tod als Geiger, als Schnitter, verwandelt in einen komischen Vogel etwa. Und er zeigt die Tänzerin und Liebende, die einem Torso gleich mal gesichtslos ist und sich bald wandelt in eine getanzte Traurigkeit.
Aus der Absinth-Flasche entsteigen die Geister des Rausches, die die gesamte Spielfläche beherrschen und als tanzende Skelette wieder auferstehen.
Dabei bedient sich der Spieler sehr verschiedener Figurentechniken. Er beherrscht das klassische Marionettenspiel ebenso wie das Spiel mit Stabfiguren oder Hand- und Fingerpuppen. Mit Letzterem entsteht zum Beispiel ein groteskes Kasperletheater auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, grob, hysterisch, bis er den Vorhang wendet und die Rückseite der gespielten Welt sichtbar macht. Schließlich hängt der Bildererzähler wie seine Kopfgestalten und Masken auch einer Marionette gleich im Seil. Hier wird alles, Marionette und Spieler, Außen- und Innenwelt, zum Vexierspiel der Uneindeutigkeiten.
Mitunter freilich will man auch nicht mehr unterscheiden, ob die Texte Baudelaires die Illustration zum komplexen Figuren- und Musikspiel sind oder doch die Urbilder fürs Spiel. Virtuos, ein wenig verstörend, sehr poetisch und in allem von tiefer Melancholie war dies eine berührende, doch spukhafte Nachtvorstellung.