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Radikale Symbiose

Uraufführung von Antje Töpfers „Drei Akte - das stumme Lied vom Eigensinn" im Stuttgarter Fitz
erschienen am 19.01.2016 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Antje Töpfer kennt keine tote Materie. Alles, was die in Stuttgart lebende und arbeitende Figurenspielerin in die Hand nimmt, wird lebendig. Ein Papierbogen wächst zum Eisberg, ein Mantel wird zur alles verschlingenden Haut, und Knochenteile vollführen einen grotesken Veitstanz. Das sinnlich-poetische Spiel mit alten Materialien hat Töpfer gemeinsam mit Regisseurin Stefanie Oberhoff zu einem minimalistischen Bilderreigen zusammengefügt. „Drei Akte – das stumme Lied vom Eigensinn“ wurde jetzt am Figurentheater Stuttgart (Fitz) uraufgeführt.

Das verwendete Material stammt aus Theaterstücken, ist aber kurz vor der Premiere rausgeflogen. „Die wollen nochmal“, sagt Töpfer über Papier, Mantel und Knochen. Als Zuschauer spürt man eine radikale Symbiose von Idee, Mensch und Material. Mit ihm scheint Töpfer geradezu rauschhaft zu verschmelzen. Es beginnt eine fast tänzerisch leichte, bewegungsintensive Annäherung, wenn ein zierteichgroßer Papierbogen mit einer lässigen Bewegung auf dem Boden ausgerollt wird.

Wunderschön anzuschauen

Unterstützt von Tonfolgen, Klängen und Geräuschen des Musikers Christoph Mäcki Hamann bewegt sich Töpfer unsichtbar unter dem riesigen Papierkreis, legt ihn in Wellen und lässt ihn durch Bewegung anschwellen. Formen türmen sich auf und lassen an wachsende Eisberge denken. Das ist wunderschön anzuschauen und klingt auch gut. Da taucht inmitten der Papiermassen ihr Oberkörper auf, und die gefaltete, zerknitterte Eiswelt wandelt sich unter ihren Händen zur fulminanten Prinzessinnen-Robe, die sich sanft-schmeichelnd um den halbnackten Körper schmiegt. Auch in den XXL-Fischgrätmantel schlüpft sie hinein wie in eine zweite Haut, verschmilzt mit dem nie gebrauchten Überbleibsel einer von weiblicher Sexualität handelnden Theaterproduktion zu einer amorphen Figur. Sie tanzt und kämpft mit ihm in einem wilden Reigen, und am Ende dient er als bloße Hülle für das Papier, das ihm Stabilität verleiht und das Töpfer so meisterhaft formt. Ein bisschen fad wirkt allerdings, wenn man ihr beim Origamifalten zuschaut, denn die Figurenspielerin setzt auch bei der Sprache auf Reduktion. Das Ergebnis der Faltungen ist jedoch umso beeindruckender, da Töpfer mit meterlangen Versionen des kleinen Demonstrationsmodells einen körperbetonten Dialog eingeht. Sie wälzt sich am Boden, robbt und umschlingt die kunstvoll geformten, vielschichtigen Papierschlangen. Letztlich aber geht es bei allem Gerangel um Selbstbehauptung und um die weibliche Identität.

Das Knochentier ist eindeutig ohne Identität. Obwohl die Hand auf dem Schädel am Ende doch etwas Dekoratives und vielleicht etwas von weiblicher Obhut hat. In immer neuen Versuchen setzt Töpfer magnetische Skelettteile zusammen: Arme, Beine, ein Brustkorb und so was wie Hände, die auch Füße sein können. Diese ironischen Versuche der Kreaturen-Formung sind witzig. Versuch und Irrtum; mal schauen, was zusammenpasst – und vor allem, was hält.

Die flüchtigen Bilderbögen bleiben vor dem geistigen Auge der Zuschauer wie ein Holografie-Gemälde auf der Bühne stehen. Das imaginäre Knochentier will die Figurenspielerin schließlich wegwischen. Mit einem feuchten Schrubber pinselt sie „Mu“, das japanische Zeichen für „Nichts“, auf den Boden, das nach kurzer Zeit wegtrocknet. Aber wie man hier zuguterletzt „nichts“ sieht – das muss man gesehen haben.