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Spektakulärer Kampf für ein „goldenes Zeitalter“

Ensemble Materialtheater zeigt „Don Quijote“ - Premiere im Fitz!
erschienen am 11.11.2017 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

74 Abenteuer auf 1400 Seiten in zwei Stunden. Das ist eine sportliche Leistung. Sigrun Kilger und Annette Scheibler vom Stuttgarter Ensemble Materialtheater schaffen den ebenso unterhaltsamen, wie spektakulären Parforceritt quer durch „das beste Buch der Welt“ mit Bravour. Ihre Sichtweise auf Miguel de Cervantes Roman „Don Quijote“ ist poetisch und empathisch und voll hintergründigem Witz. Das gleichnamige Stück hatte jetzt, zum 30-jährigen Bühnenjubiläum der Figurenspielertruppe am Fitz! Zentrum für Figurentheater unter dem begeisterten Applaus der Zuschauer Premiere.

Seit 30 Jahren bringt das Ensemble Materialtheater das große Weltgeschehen in kleinen, atmosphärisch dichten Geschichten auf die Bühne. Dabei wurden künstlerische Landmarken im Figurenspiel gesetzt. Es ist kein Kinderspiel, Erwachsene mit Puppen und Objekten anspruchsvoll zu unterhalten und dabei auch politisch Stellung zu beziehen.

Mit großer Imaginationsfähigkeit rücken Annette Scheibler und Sigrun Kilger, die beiden weiblichen Hauptdarstellerinnen in der jüngsten Produktion, dem „Ritter von der traurigen Gestalt“ auf den Leib, der vor mehr als 400 Jahren für ein „goldenes Zeitalter“ kämpfte, für Freundschaft, für Frieden. Der unverbesserliche Idealist Don Quijote wähnte sich in einer gusseisernen Zeit, in der sich die Menschen nicht mehr füreinander interessieren. Das zeugt im 21. Jahrhundert vom Wunsch ganz normaler Alltaghelden nach gesellschaftlicher Veränderung, selbst „wenn der Hintern auf dem Stuhl wie Blei wiegt“.

Zentrales Element des Romans, dessen erster Teil Cervantes 1605 geschrieben hat und dem er zehn Jahre später eine Fortsetzung folgen ließ, ist das Spiel mit der Illusion, die vom Ensemble Materialtheater durch Anmerkungen und Perspektivenwechsel auf empathische Weise transparent gemacht wird. Der dürre Klepper Rosinante ist im Fitz ein Hengst, auf dem der ritterliche Anti-Held mit Vorhangstangen-Lanze gegen Windmühlen kämpft, die ihm wie Riesen erscheinen und Schafherden attackiert, die er für mächtige Heerscharen hält. In Dirnen sieht er edle Burgfräulein. „Wenn etwas nicht da war, hat er sich’s vorgestellt“, bemerkt Annette Scheibler die Geschichte von dem Mann mit dem „Sprung in der Schüssel“, die die Figurenspielerinnen erzählerisch vorantreiben.

Magisch wird der Zuschauer hineingezogen in diese karge Landschaft, „die einen kaum träumen lässt“ und durch die Beschreibung von Scheibler und Kilger phantastische Bilder von großer Weite mit Korkeichen und Geiervögeln hervorruft. Wirklichkeit und Traum verschwimmen beim Anblick des meisterhaften Spagats zwischen Realität und Ideal, denn zwei Lesarten sind möglich: Man kann Don Quijote für einen Spinner oder für einen Visionär halten, der trotz Hohn, Spott und Prügel seine Vorstellung einer besseren Welt verwirklichen will.

Seine Herzdame ist ein 50-jähriges Bauernmädel, das er so süß fand, dass er ihr den klingenden Namen Dulcinea verleiht, was übersetzt „Süßinea“ heißt. Das ist urkomisch und anrührend zugleich. In seinem Knappen Sancho Panza findet er ein Korrektiv und eine wichtige Kontrastfigur. Don Quijote ist eine hagere Gliederpuppe mit zerbeultem Teller als Helm auf dem Kopf. Sancho Panza ist ein rundlicher Knubbel, der ständig von der gerollten Wolldecke fällt, die seinen Esel darstellt. Der eine ist asketischer Fantast, der andere bauernschlauer Hedonist.

Analog dazu sind die Darstellerinnen Schwestern im Geiste; von der Mutter im Schwarzwaldhäuschen, das genau auf der Grenze stand zur Welt gebracht: die eine auf der Schweizer Seite, die andere auf der schwäbischen. Das erklärt den jeweiligen sprachlichen Einschlag. Kilger schwäbelt, Scheibler hat ein schwyzerdütsches Idiom.

Für dieses virtuose Illusionsspiel braucht’s nur wenig Alltags-Material, das unter den Händen der Figurenspielerinnen ein ebenso komisches, wie tragisches Eigenleben entwickelt: ein alter Tisch, zwei Stühle, ein Harmonium, hinter dem die beiden immer wieder im imaginären Keller verschwinden, eine Gitarre, die am schönsten alleine spielt, Teppichklopfer, die als Windmühlenflügel geschwungen werden und ein Wäschekorbdeckel als Gesicht. Eine aufgeklappte alte Riesenschwarte erweist sich als Schindmähre. Es werden Lieder gesungen und Zigaretten geraucht, die nicht brennen, mit in die Luft gestreckten Beinen, die gemütlich auf einem Tisch liegen, der gar nicht da ist.

Vergessen sind am Ende die aberwitzigen Abenteuer. Philosophische Betrachtungen über Irrsinn und Verstand, Leben und Tod lassen diese „verrückte“, süchtigmachende Theaterwelt mit einem dramaturgisch eleganten Schlenker von Regisseur Alberto Garacia Sánchez ganz ruhig ausklingen.