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Starrer Mantel und elegante Schlange

Premiere '3 Akte': im Fitz zeigt Antje Töpfer eine fulminante Performance. Cord Beintmann
erschienen am 16.01.2016 in Stuttgarter Zeitung
von Cord Beintmann

Material? Das ist ein sprödes Wort, man denkt an ein Eisenwarenlager oder aber an die Textilindustrie. Materialtheater ist immer noch eine Nischenkunst, etwas für Kenner. Der Abend im Fitz beginnt damit, dass Antje Töpfer aus Knochen, die sich magnetisch anziehen, ein Skelett zusammenbastelt. So wird Material zu gespenstischem Leben erweckt. Doch erst danach wird es aufregend.

Töpfer legt eine vielleicht fünf Meter lange schneeweiße Rolle auf die abgedunkelte Bühne. Mit einem gewaltigen Ruck reißt sie die Rolle auf, die sich als kreisrunde Fläche auf die Bühne legt. Das dauert nur zwei, drei Sekunden. Töpfer kriecht unter den papiernen Kreis, nun ist nur noch eine Erhebung zu sehen. Darunter aber rumort es, elektronisch verstärkt. Und allmählich zieht sich die große, runde Plane zusammen, wird zu einem riesigen Ballkleid, aus dem sich Töpfer herauswindet.

Gewalt und Kraft von Material strahlt die große Papierskulptur aus, und mit kraftvoller Körperlichkeit besticht auch die Stuttgarter Figurenspielerin und Performerin. ‚3 Akte‘ heißt Antje Töpfers Mixtur aus Materialtheater und Performance. Sie spielt und hat die Ausstattung entwickelt, Regie führt Stefanie Oberhoff. Im zweiten Akt des Stücks steht ein übergroßer brauner Mantel auf der Bühne. Das steife Stück steht tatsächlich, aber bisweilen kippt es auch um. Unerhört fremd und faszinierend ist es zu erleben, wie Antje Töpfer mit dem starren Teil arbeitet. Sie lässt ihre Beine in die Mantelärme gleiten, kuschelt sich in den Mantel hinein, dann stülpt sie ihn um und zeigt sein tierhauthaftes Inneres.

Wir sind lebendige Wesen, doch wir sind von Materialien umgeben. Das zeigt Antje Töpfers sinnliche, mit großer Kunstfertigkeit vorgeführte Performance. Sie präsentiert Material, sie kämpft mit ihm, und ihr gelingen atemberaubende Verwandlungen. Es folgt Teil drei des Abends.

In Japan hat Töpfer die Papierfaltkunst erlernt. Auf der Bühne fächert sie kunstvoll gefaltetes Papierteil auf, das sie in immer neuen Variationen um ihren Körper windet. Mal verwandelt die Performerin die elegant sich windende Schlange in eine mächtige Hose. Dann wieder umspielt Töpfer die gewaltige Papier-Ziehharmonika mit erotischer Körperlichkeit. Dazu ist elektronische Musik von Christoph M. Hamann zu hören. Elegische und unheimliche Klänge begleiten prägnant das bestrickende Bühnengeschehen. ‚3 Akte‘ führt den Zauber von Materialität vor und zeigt auf fulminante Weise, was Figuren- und Materialtheater zu leisten vermag. Hingehen!