Springe zur Navigation

Theater kann mehr: stinken!

Wilde & Vogel spielen “Der Hobbit
erschienen am 04.12.2004 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Unter der Erde, in einer Höhle, lebt ein Hobbit. “Ein Hobbit, das muss erklärt werden, ist halb so groß wie ein bärtiger Zwerg.“ Muss wirklich erklärt werden, was ein Hobbit ist? Die Schauspieler im Fitz gehen auf Nummer sicher. Aber, das merkt man schnell, das Publikum kennt Bilbo Beutlin, den Meisterdieb, bestens. Es könnte auch auf Anhieb erklären, wie welche Ringe und Schätze von hier nach dort gekommen sind, was es mit Elben, Orks und Trollen auf sich hat und was mit Nebelbergen und Nachtwald. Der Rummel um J. R. R. Tolkiens Fantasy-Welt hat allerorten seine Spuren in den Kinderköpfen hinterlassen.

Macht das Theater jetzt auch noch mit bei diesem irrwitzigen Tolkien-Hype, bei dem es doch weniger um die Leselust der Kinder als vielmehr darum geht, die Eltern in Goldesel zu verwandeln, die artig Bücher, DVDs und diversen Devotionalien-Tand herbeischaffen. Das Figurentheater Wilde & Vogel setzt natürlich auf den Wiedererkennungseffekt bei seiner neuen Produktion “Der Hobbit“ nach dem Buch “Der kleine Hobbit“, Tolkiens Vorläufer zum “Herrn der Ringe“. Aber es hat sich eine Aufgabe vorgenommen, die fast so schwer ist wie die des kleinen Bilbo Beutlin, der gefährliche Abenteuer meistern muss, um den Schatz aus den Fängen des Drachen zu befreien.

Kampf gegen elektronische Medien

Im Fitz, wo nun Premiere war, wagt das Theater den Kampf gegen die elektronischen Medien. Michael Vogel und seine Mitstreiter wollen beweisen, dass man auch mit minimalen Mitteln und ohne Hightech Fantasy-Welten imaginieren kann. “Es steckt mehr in euch, Mr. Beutlin, als ihr selbst ahnt.“ Das behauptet jedenfalls Gandalf, der Zauberer, der diesen kleinen Knirps zu einer riskanten Odyssee zwingt. Nachdem “Vertragskosten, Trennungskosten, Reisekosten“ geklärt sind, geht die Reise los – eine Reise, die auf beschaulichen zehn Quadratmetern stattfindet und einen doch glauben lässt, dass hier Berge, Täler, Höhlen und Gefahren überwunden würden.

Michael Vogel hat mit der Regisseurin Christiane Zanger gearbeitet und sich für den “Hobbit“ einen Kompagnon gesucht, Florian Feisel aus Berlin. Ein ideales Duo, denn Feisel ist ein interessanter Schauspieler mit markanter, wandlungsfähiger Stimme, während Vogels Qualitäten im Figurenspiel liegen. Gemeinsam erwecken sie Tolkiens wundersamen Kosmos zum Leben mit Figuren, Stoffen, Masken und ihren eigenen Körpern. Bilbo Beutlin ist ein winziges Püppchen, und die Kinder recken die Hälse. Manchmal erkennt man in der Dunkelheit kaum, was dort vorne auf der Bühne geschieht, so dass sich die kleinen Zuschauer strecken und vorbeugen, um der Sache noch näher zu kommen. Neugierde lässt sich eben auch mit solchen Tricks wecken. Manches ist spannender, wenn es nicht wie im Film bis ins Detail benannt und grell ausgeleuchtet wird. Eins zu null für das Theater.

Wilde & Vogel gehören zu den führenden freien Ensembles in der Stadt. Sie haben ihren eigenen Stil, setzen im Gegensatz zu anderen Gruppen weniger auf Innovation, dafür aber auf Poesie und sinnliches Erzählen. Charlotte Wilde verleiht den Szenen die nötige atmosphärische Wirkung mit ihrer musikalischen Begleitung. Sie spielt Geige, arbeitet mit elektronischen Klängen und fremdartigen Instrumenten, sie erzeugt irische Melodien oder mystisches Klingen und Schwingen. Manche Kinder werden nervös, weil nicht alles exakt so ist, wie sie es sich vorstellen oder bereits gesehen haben. Aber Vogel und Feisel erzählen die Geschichte so individuell, dass sie die jungen Zuschauer doch wieder gefangen nimmt. Das Duo steigt aus den Rollen aus und taucht an anderer Stelle wieder ein, es kommentiert das Geschehen oder unterbricht: “Liebe Freunde, wir überfliegen nun einiges.“

Alles von Menschenhand geschaffen

Die beiden verführen, erzeugen Illusionen und machen doch immer wieder sichtbar, dass alles nur Theater ist, alles von Menschenhand geschaffen – nicht die perfekte Illusion des Films, die nicht in Frage gestellt wird und deshalb eindimensional bleibt. Theater transportiert mehr als nur eine Story. Zwei zu null.

Es gibt viele Überraschungen, spannende Momente. Eine riesige Spinne schwebt über die Bühne, Fässer treiben in einem reißenden Strom, beängstigend leuchten die roten Augen des Drachen. Auch wenn versucht wurde, die Figuren auf die menschliche Ebene zu holen und sie als Wesen mit Stärken und Schwächen darzustellen, ist “Der Hobbit“ auch im Theater eine Aneinanderreihung von Action und Kämpfen. Einmal gibt es einen gigantischen Knall mit Blitz. Die Kinder lachen vor Schreck und rufen “Es stinkt“, weil bei der Explosion tatsächlich kräftig Rauch entstanden ist. Drei zu null: Theater ist nicht nur etwas für Augen und Ohren, Theater ist auch was für die Nase. Es kann mehr – nämlich stinken.

Wilde & Vogel standen auch in diesem Jahr wieder auf der Liste der förderungswürdigen Theater in der Stadt. Dass Michael Vogel mit einer Regisseurin und zudem mit einem weiteren Kollegen gearbeitet hat, kommt das kleine Ensemble teuer zu stehen. Gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Charlotte Wilde und Michael Vogel haben schon viele schöne Produktionen herausgebracht, mit dem “Hobbit“ aber haben sie jetzt bewiesen, wie fruchtbar und bereichernd der Austausch mit Kollegen sein kann.