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Wegbereiter des Figurentheaters

Das Ensemble Materialtheater feiert im Stuttgarter Fitz sein 30-jähriges Bestehen an diesem Samstag
erschienen am 17.11.2017 in Ludwigburger Kreiszeitung
von Arnim Bauer

STUTTGART. Derzeit feiert im Fitz eines der wichtigsten Theater seines Genres sein 30-jähriges Bestehen. Das Ensemble Materialtheater Stuttgart (EMT) gehört zu den Pionieren des neuen Figurentheaters und hat diesem Bereich im Lauf der Jahre viele neue Impulse verliehen. Es ist Ausdruck auch der zentralen Stellung, die die Landeshauptstadt in diesem Bereich hat. Denn seine Gründung hängt unmittelbar zusammen mit der Einrichtung des Studiengangs Figurentheater an der Staatlichen Hochschule für darstellende Kunst und Musik im Jahr 1983.

Einer der führenden Köpfe und einer der ersten Lehrer war der Altmeister Albrecht Roser, der damals mit seinen Puppen, bekannt vor allem „Gustaf und sein Ensemble“, das Genre erstmalig auch großflächiger für Erwachsene erschloss. Im ersten Studienjahrgang waren damals auch zwei junge Figurenspieler an der Hochschule eingeschrieben, Sigrun Kilger und Hartmut Liebsch. Sie gründeten 1987 das EMT und begannen, sich vom Übervater Roser künstlerisch zu lösen, indem sie das Spektrum der Möglichkeiten kontinuierlich erweiterten.

Nicht nur Puppen gehörten zu den Objekten, die auf der Bühne zum Leben erweckt wurden, sondern auch Gegenstände, Materialien und die Spieler selbst wurden in das Spiel einbezogen. Gerade auch eine Studentin des vierten Jahrgangs der Hochschule brachte sich selbst auf der Bühne mit ins Spiel, was ihr vom Meister Roser die Ermahnung einbrachte, sie begäbe sich da auf ein Terrain, das sie nicht gelernt habe. Trotzdem wurde die begabte Studentin sehr gut benotet, ihr Name war Annette Scheibler. Regie führte bei ihrer Diplomarbeit Hartmut Liebsch und so war der Kontakt in der ohnehin übersichtlichen Szene hergestellt. Annette Scheibler arbeitete immer wieder mit dem EMT zusammen und 2003 schloss sie sich offiziell dem Materialtheater an.

Kooperationen mit anderen Theatern

Dieses existierte lange Jahre in stabiler Form, aber von Produktion zu Produktion wurde auch immer wieder mit anderen Theatern und anderen Künstlern kooperiert. Auch das ist durchaus typisch für diese virulente Szene, die trotz ihres Nischendaseins sehr gut vernetzt ist. Das ist auch das Verdienst des Fitz-Zentrums für Figurentheater, das folgerichtig nach der Errichtung des Studienganges eingeführt wurde, um auch eine Plattform für die Die Spieler werden ins Spiel miteinbezogen, hier in „Wunder von Bamba“. Foto: Heinrich Hesse noch unbekannte Kunst zu schaffen. Es war das erste reine Figurentheater in der damaligen Bundesrepublik und ist heute eines der bedeutendsten Häuser dieses Genres in Europa.

„Ich mache Unterhaltung“

Hier fanden die jungen Spieler ein Forum, Auftrittsmöglichkeiten und Spielwiesen, auf denen sie sich entwickeln konnten. Aber auch dort fand zunächst die Auseinandersetzung zwischen den jungen Spielern, die auch politisch dachten, spielten und handelten, und den Traditionalisten wie Roser statt. „Ich mache Unterhaltung“, äußerte Roser. Und so spielte das EMT eine ganze Zeit lang lieber im Theaterhaus. Erst 1998 kehrte man ans Fitz zurück, wo neben Helmut Pogerth auch Katja Spiess begonnen hatte. Seit 2001 bis heute leitet sie das Haus alleine. Stets hält Spiess die Türen für Experimente offen.

Neue Ansätze im Spiel und auch neue Ansätze in der politischen Landschaft schufen die jungen Spieler in der Folgezeit. So engagierten sich auch die Materialtheaterleute auf der Ebene der Kommunalpolitik und schafften es endlich, dass die Stadt Stuttgart und das Land auch freie Theater in die institutionelle Förderung aufnahmen. 2004 erhielt das EMT erstmals die dreijährige Konzeptionsförderung und konnte so seinen Stil fortentwickeln. Annette Scheibler blickt zurück und sieht eine wellenförmige Bewegung, erst weg vom Puppentheater, hin zu reinem Objekt- und Materialtheater, dann die vermehrte Einbeziehung der Spieler selbst, die Rollen übernahmen.

Heute ist es ein Mix aus allem, wie auch die neue Produktion „Don Quijote“ zeigt. Dabei haben sich auch Spielweisen entwickelt und verändert, die Art der Puppenführung ist bei unterschiedlichen Ensembles und Solisten der Szene ganz unterschiedlich, aber nach wie vor ist das Figurentheater ein sehr flexibles Medium, in dem sich Bilder erzeugen lassen, die in keinem anderen Genre des Theaters in dieser Art möglich sind. Voller Fantasie, voller Ideen, mit unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten, lassen sich Themen auf besondere Art erarbeiten, lassen sich immer neue Effekte erfinden, lassen sich Figuren und Objekte auf reizvolle Weise animieren, zu einem Eigenleben erwecken, das so nur in der Fantasie oder eben auf der Puppenbühne möglich ist.

Und das Ensemble Materialtheater ist einer der Wegweiser in diesen Entwicklungen. Die beiden Spielerinnen Sigrun Kilger und Annette Scheibler, der Regisseur Alberto Garcia Sanchez, der Techniker Luigi Consalvo sowie der Musiker Daniel Kartmann sind immer für neue Überraschungen gut, auch wenn sie am Samstag ab 19.30 Uhr im Fitz ihre große Jubiläumsgala präsentieren. Dann geht es weiter zu neuen Ufern. Nichts sehen, nichts sagen, nichts hören: die drei Affen in Aktion.