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Wer die Totenruhe stört

Im Fitz hat das Materialtheater Stuttgart sein neues Stück „Der Friedhof" gespielt.
erschienen am 24.10.2016 in StZ/StN
von Brigitte Jähnigen

Ist es respektlos, verzweifelt oder nur entschlossen zu überleben, das Lumpenpack von San Cristobàl? Obdachlos geworden, besetzt es einen Friedhof, stört die Totenruhe und erbost so die Bürger. Das Ensemble Materialtheater konfrontiert in einer auf Showeffekte verzichtenden Inszenierung seines Stücks „Der Friedhof“ mit einem Tabubruch und seinen Folgen.

Am Anfang der Geschichte wütet ein Sturm aus dem Off. Er verwüstet die kleine Pappkartonsiedlung auf der Bühne. Zu symphonischen Klängen heben sich Dächer, stürzen Fassaden, fallen Puppen. Figurenspieler ziehen an Fäden, bewegen Objekte und Figuren. Wispernd wird vom Wiederaufbau gesprochen. Doch der Unort lässt sich nicht mehr beleben. Das Volk verlässt sein Zuhause, siedelt sich auf einem Friedhof an – jetzt wird auf rollbaren Tischen gespielt -, gerät in Konfrontation mit Lebenden und Toten.

Poetisch und ruhig erzählt das Ensemble Materialtheater Stuttgart von der Entwurzelung, die Menschen nach Umweltkatastrophen und Krieg trifft. Sigrun Kilger, Annette Scheibler, Daniel Kartmann und Sascha Bufe führen aus Textilresten gefertigte Tischpuppen, die zwischen Schreinen und in Mausoleen Tomaten anbauen, Liebe machen, Wäsche trocknen. Dann wechseln die Figurenspieler zum Schauspiel, kommentieren als Zeugen die Störung der Totenruhe, sind wieder Figurenspieler und beleben flatternde, beinlose Puppen – die Seelen der Toten.

„Der Friedhof oder Das Lumpenpack von San Cristobäl“ in der Regie von Alberto Garcia Sänchez ist der erste Beitrag der vierteiligen, von Stadt und Land geförderten Inszenierungsreihe des Ensembles Materialtheater „Heimweh nach der Zukunft“. Es wird ein lebensfrohes, sympathisch-geschwätziges Völkchen vorgestellt. Im Friseursalon werden Gedichte rezitiert, Mütter schicken ihre Kinder mit dem Gutenachtgruß „ab ins Grab“ zu Bett, während vor der Friedhofsmauer die Bürgerschaft „Lumpenpack in den Sack“ skandiert. Das Ende ist bitter: Der neuen Heimat verwiesen, ziehen die Spieler das bunteV ölkchen in einem Pappkarton hinter die Kulissen.