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Wilde und witzige Weiber

Heute Abend bringt das Materialtheater Stuttgart im Fitz eine neue Produktion heraus. Dann brechen unsichere Zeiten an, weil die dreijährige Konzeptionsförderung endet.
erschienen am 08.05.2014 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Diesmal also Frauen. Schönheitssüchtige und hysterische Frauen, verrückte, wilde und weise Weiber. Es könnte ein schräger Abend werden, wenn man dem Titel glauben darf: ‚Frauen lügen aus ihrem Leben – oder wie ich lernte meine Runzeln zu lieben‘. Aber wenn das Ensemble Materialtheater eine Produktion herausbringet, muss man immer mit allem rechnen, mit Ironie und Hintersinn, mit kruden Assoziationen und kuriosen Einfällen. Stuttgart besitzt einige Figurenspieler. Das Materialtheater aber ist das eigenwilligste, witzigste und ungewöhnlichste Ensemble von allen.

Stuttgart verdankt Sigrun Kilger und Annette Scheibler letztlich auch, dass die Stadt heute eine Hochburg des Figurenspiels und das Figurentheater Fitz eine der ersten Adressen der Republik ist. Sigrun Kilger gehört zur ersten Generation, die am Studiengang Figurentheater ausgebildet wurde. Annette Scheibler kam vier Jahre später. Der Studiengang ist inzwischen dreißig Jahre dabei. ‚So lange wurschteln wir auch rum‘, sagt Scheibler.

Heute abend haben sie Premiere im Fitz mit ihrem ‚bittersüßen Theater-Abend zum Verlieben und Haare-Raufen‘, bei dem Kilger und Scheibler mit der Sängerin Sandra Hartmann und zwei Musikern auf der Bühne stehen. Fünf Personen, das ist für freies Figurentheater ungewöhnlich. Üblich sind Solos oder bestenfalls zwei Personen – wegen der Kosten.

Wer aber immer nur allein arbeitet, kommt künstlerisch leicht an Grenzen. Wer als hoffnungsvoller Nachwuchskünstler begonnen hat, muss sich mit vierzig oft die Frage stellen, wie es weiter gehen soll, künstlerisch wie finanziell. Sigrun Kilger, die lange sehr erfolgreich mit Hartmut Liebsch gearbeitet hatte, und Annette Scheibler, die als Solistin das Theater Peppermind betrieb, haben das Richtige getan und sich vor zehn Jahren zusammengeschlossen zum Ensemble Materialtheater.

Die neue Formation hat sich nicht nur künstlerisch bewährt. Sie hat es den Spielern auch leichter gemacht, die heiß begehrte Konzeptionsförderung zu bekommen, die Stadt und Land eingeführt haben, um erfolgreichen freien Gruppen eine gewisse Sicherheit zu bieten. ‚Die Konzeptionsförderung hat uns ermöglicht, uns noch weiter zu professionalisieren‘, sagt Scheibler. Das Ensemble arbeitet heute mit Musikern und Komponisten zusammen und kann intensiver recherchieren. Mehr Zeit und ein größeres Team garantieren keine Qualität, sind aber eine gute Voraussetzung dafür. ‚Reibung kann schwierig sein‘, sagt Kilger, ‚aber es ist gut, nicht nur in der eigenen Soße zu schwimmen.‘

Die Förderung darf man aber nicht mit einem festen Gehalt verwechseln. Ihren Lebensunterhalt verdienen sich die Figurenspielerinnen und ihre Mitstreiter durch Auftritte bei Festivals und Gastspielen. Das Materialtheater bekam drei Jahre jeweils 17 000 Euro von der Stadt und 20 000 vom Land. ‚Das ist eine sehr gute Basis, aber es ist nur eine Basis‘, sagt Scheibler. Die Förderung reicht auch nicht für eine komplette Produktion. Aber sie erleichtert es, weitere Geldgeber zu finden. Nach der heutigen Premiere von ‚Frauen lügen aus ihrem Leben – oder wie ich lernte meine Runzeln zu lieben‘ brechen für das Materialtheater aber wieder härtere Zeiten an. Ende des Jahres laufen die Förderungen aus. Dann müssen Kilger und Scheibler noch mehr Anträge schreiben als bisher.

Während Künstler in Frankreich Arbeitslosengeld bekommen, müssen sie sich hier während der Probenzeiten selbst über Wasser halten. ‚Wir zahlen in die Künstlersozialkasse, und irgendwann kriegen wir unsere 300-Euro-Rente‘, sagt Kilger. Annette Scheibler weiß aber schon, was sie machen wird, wenn sie nach einem arbeits- wie erfolgreichen Künstlerleben in Rente geht. ‚Ich werde mit Schlafsack im Rathaus einziehen und sagen: Ich bin das Problem, um das ihr euch vor zwanzig Jahren nicht gekümmert habt.‘