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Kultur des Fragens

Editorial Programmheft Nov-Dez 2013

Atempause Fr Zu den beeindruckendsten Erlebnissen unseres Jubiläumsfestivals „Die animierte Stadt“ gehörten für mich die Aktionen im öffentlichen Raum. Ich habe dabei viel gelernt: über die Stadt, in der ich lebe, darüber, wie die Bewohner dieser Stadt sich den städtischen Raum teilen – oder auch nicht – und darüber, wie einfach und doch so schwer es ist, Menschen für Kunst zu begeistern.

Einfach gemacht wurde es den Zuschauern in diesem Falle, weil es keine Tickets zu lösen, keine fremden Räume zu betreten und auch keine festen Sitzplätze einzunehmen galt. Jeder blieb, so lange er wollte. Bei manchen waren das nur Sekunden, bei anderen bis zu einer Stunde. Kunst ohne Verpflichtung, Kunst ohne Schwellenangst. Doch was die Zugänglichkeit erleichterte, erschwerte sie auch. Irritiert und verwundert blieben häufig die Passanten stehen, da das sich vor ihren Augen Abspielende nicht sofort zu verstehen und einzuordnen war. Theater? Politische Aktion? Öffentlich gemachte Spinnerei?

Die Palette der Reaktionen reichte daher von höflich vorgetragener Neugier über direkt geäußertes Unverständnis bis hin zu aggressiver Ablehnung. Das Schöne aber war: Fast immer wurde gefragt. Und kaum einem der Fragenden war es peinlich, sich nach dem „Sinn“ der Aktion zu erkundigen, so wie auch wir als Gefragte rasch unsere Scheu davor verloren, Auskunft über scheinbar Selbstverständliches zu geben. Und so entstand „ganz nebenbei“ eine neue Form der Begegnung, die die Türen weit aufmachte für neue Formen der Erfahrung.

Offensichtlich ist die Frag-Würdigkeit von Kunst – die in populären Diskursen gerne als Ausweis elitärer Verschlossenheit gedeutet wird – ein erstaunlich guter Anlass für Kommunikation. Und der Beweis dafür, dass ein Kunstwerk, das nicht spontan verständlich ist, nicht unzugänglich bleiben muss. Ein Dialog, ein lebendiger Austausch wird jedoch nur dann entstehen, wenn Kunst und Künstler sich befragen lassen und auch bereit sind, Antworten zu geben.

Diese Kultur des Fragens zu pflegen, ihr Raum und Zeit und (ja, auch) finanzielle Ressourcen zur  Verfügung zu stellen, ist eine Aufforderung an alle beteiligten Partner: an die produzierenden Künstler und die aufführenden Häuser, an Kulturpolitiker und Pädagogen und nicht zuletzt an die Zuschauer selbst.

Und wie denken Sie darüber?
fragt
Katja Spiess