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Gekläff und Gewimmel

  • Klaeffer Collage2

Editorial Spielplan Sept-Dez 16

Die Kläffer machen sich breit. Sie kläffen Ordnung, sie kläffen Grenzen, sie kläffen den rechten Takt. Sie atmen: Angst ein, Angst aus. Sie sind ansteckend. Simple Syntax ihres Gekläffs: »Ich. Wir. Die. Ich!«. Sie haben die Lösung in der Hand, scharf, grob und selbstgewiss. Sie sind laut und unwiderlegbar. Ihr kläffender Erfolg und ihre giftig-diplomatische Wohlerzogenheit sind vulgärer als jeder schmutzige Witz. Was kann Theater dabei tun? Weitermachen. Wimmeln. Denn Theater ist leise, peripher, unfähig zum Gleichschritt. Seine Kraft liegt mehr in seiner Entstehung als im Produkt. Wertvoll ist das Irritierende, die eigenartigen Blickwinkel, das Unverständliche, selbst das unvermeidliche »halb« und »fast«, all die Versuche, etwas Schwieriges doch auszudrücken. Wertvoll deshalb, weil jemand den Mut gehabt hat, eigenartig zu sein. Wir dürfen mutig sein: Fremd? Schwer verständlich? Irritierend? Ärgerlich? Na bestens, ein Geschenk, dieser produktive Kompost des Geistes, an dem wir wachsen dürfen. Freuen wir uns über das Gewimmel der Eigenwilligkeiten. Es gehört zu uns, zu Ihnen, macht den Wert unserer Kultur aus. Wie schön, dass Sie das goutieren: In seinem deutschen Kulturstädteranking findet das renommierte Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut zweimal in Folge (2012, 2014) Stuttgart auf Platz 1. Ein Grund: Stuttgart leistet sich Kunst. Noch wichtiger aber: Die Stuttgarter schätzen das: »Stuttgart, Dresden und Bonn befinden sich bei den Theaterund Opernbesuchern je Einwohner mit Abstand an der Spitze.« (HWWI/Berenberg Kulturstädteranking 2012).

Meine These und Hoffnung: Solange das so bleibt, kläffen die Kläffer ins Leere. Denn der größte Feind der Kläffer ist die Vielfalt. Aber ob es so bleibt? Ob wir mutig genug bleiben, nicht einzustimmen ins Gekläff? Weil wir uns fürchten? Weil wir nicht verzichten wollen? Weil wir den Kläffern glauben wollen, dass alles wieder so wird wie es einmal war? Können sie mit uns rechnen? Noch nicht. Deshalb: Voran! Wir laden ein: Ergründen Sie die hintergründigen Ideen unseres Grafikers Robert Voss, entziffern Sie das dynamische Alphabet der »Zweiten Realität«, mengen Sie sich unter das »Lumpenpack«, empfinden Sie die Sehnsucht »Krabats« und fragen Sie sich mit uns bei »Lichtung«, was hinter den Dingen steckt. Und vergessen Sie auch den Kröterich nicht, diesen anstrengenden Freund des mutigen Maulwurfs. Seien Sie wie bisher ein Teil des Gewimmels, an dem das Gekläff zerstäubt.

In diesem Sinn: Willkommen zur Spielzeit 16/17!

Christian Bollow