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Aal an amerikanischer Ananaszahnpasta

Die Gruppe K plus spielt „Der Schaum der Tage“ nach Boris Vians surrealem Roman im Stuttgarter Fitz
erschienen am 18.05.2016 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

„Der Schaum der tage“ hat Konjunktur. Die 70 Jahre alte bittersüße Liebesgeschichte, verfasst von dem Pariser Ingenieur, Schriftsteller und Jazztrompeter Boris Vian, wurde in Edison Denisovs Musiktheater-Version 2012 in der Stuttgarter Oper neu inszeniert, ein Jahr die Verfilmung von Michel Gondry in die Kinos. und jetzt folgt eine Figurentheater-Fassung. Was die Gruppe K plus im Stuttgarter Fitz zwei Stunden lang mit allen Mitteln der genreübergreifenden Kunst bietet, ist stimmig, unterhaltsam und sehr gegenwärtig.

Vian verwendet in seinem surrealen Existenzialistenroman von 1946 Wortschöpfungen und Sprachkonstruktionen, die abenteuerliche Bilder erzeugen und die Grenzen zwischen Traum, Wirklichkeit und Unterbewusstsein verschwimmen lassen. Regisseur Hendrik Mannes hat das eigentümliche Beziehungsgeflecht der Protagonisten Colin, Chloe, Chick, Alise und Nicolas samt der grauen Maus mit den schwarzen Schnurbarthaaren flirrend-leicht und absolut sehenswert auf die Bühne gebracht: eine fast immer mitreißende Produktion mit nur wenigen Schwächen.

Gespielt wird mit allerlei kinetischen Objekten, Klängen, Geräuschen, tönen und natürlich mit Wasser und Schaum, dass es am Ende wie auf einem Schlachtfeld aussieht. In gewisser Weise wird dort auch eine Schlacht geschlagen – gegen den Tod. Ihm setzt Vian die Liebe entgegen, und von ihr ist der reiche Colin (herrlich weltentrückt: Stefan Wenzel) besessen. Die Liebe heißt Chloe (sehr verführerisch: Samira Lehmann). Die beiden lernen sich bei einer Party kennen, die eine Freundin für ihren Pudel gibt. Doch in Chloes Lunge wächst eine Seerose. Nur der Duft von frischen Blumen hält die Angebetete am leben, was Colin in den Ruin treibt, zumal er seinem Freund Chick (Jan Jedenak) ein Viertel seines Vermögens schenkt. Der verplempert es für Devotionalien, etwa ein auf unperforiertem Klopapier gedrucktes Buch eines Philosophen namens Jean-Sol Partre (alias Sartre). Chick verliebt sich in die Nichte von Colins Sternekoch Nicolas (Maik Evers), der Aal an amerikanischer Ananaszahnpasta naschen lässt. Kleine Schimären, knutschende Plastikpüppchen und tschilpende Vögel mit Wackelköpfchen bevölkern die groteske Szenerie, zu der auch die viel zu sensible, sprechend Plüschmaus gehört, die am Ende im Maul einer Katze Selbstmord begeht. Mit einer grasgrünen Nylonstrumpfhose versucht Alise (Katharina Muschiol), den Partre-Fan Chick an sich zu binden. Chloe balanciert auf Pressglasvasen, es wird live mit E-Gitarre, Keyboard und Saxophon gejammt, stimmungsvolle Jazzelemente kommen (leider selten) aus der Konserve. Die gebrauchte Pfeife Partres dient als Mikrofonhalter, Nicolas kocht Eierschaum, der in Reagenzgläser gefüllt wird, Videoeinspielungen zeigen verfremdete Körperteile, Kohlrabi und Radieschen spielen in einem Musiktitel eine köstliche Rolle. Jan Jedenak vollführt einen hinreißenden Grotesktanz mit einer Klappstangenkonstruktion, die sich immer dichter um ihn legt – ein genialer Einfall, um die enger werdenden (Spiel-)Räume im Buch zu symbolisieren. Das ist alles herrlich schräg und schrill und voller überschäumendem Lebensgefühl des Nachkriegs-Paris. Alle Episoden fließen mühelos ineinander, wären da nicht die sehr langen, materialbedingten Umbauphasen. Sie nehmen den Schwung aus dem Stück. und Chloes Blumen, dieser poetische Aspekt der Geschichte, fehlen. Außer einer großen, tödlichen Plastikseerose.