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Aischylos‘ Telefonnummer

Figurentheater Witzig, leicht, klug: das Stuttgarter Fitz spielt „Der Garten".
erschienen am 27.09.2010 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Sie wollen „Die Schutzflehenden“ von Aischylos spielen. „Diese Sprache“, jubelt Mascha, „ich will unbedingt die Telefonnummer von diesem Aischylos kriegen.“ Fünf Frauen machen Theater. Sie spielen Aischylos ohne Männer. „Der Garten“ nennt sich die neue Produktion im Fitz, die das Ensemble Materialtheater mit dem Théâtre Octobre aus Brüssel erarbeitet hat. Herausgekommen ist eine ironische, bisweilen auch freche Reflexion über das Theater und die Frage, wie und ob es auf die Gegenwart reagieren sollte.

Die Geschichte von Alberto Garcia Sânchez spielt in Griechenland, mitten in einem idyllischen Garten. Die Frauen kommen und gehen, hier eine Plauderei unter der Zypresse, dort ein Geplänkel an der Wäscheleine. Diese beiläufigen Momente und Szenen flattern so leicht und witzig vorbei wie eine französische Filmkomödie. Bei den Proben aber sind sie „Kälbchen, vom Wolf verfolgt“ – heute würde man sagen: Frauen, die vor der Gewalt ihrer Männer geflohen sind und Asyl suchen.

Aber das große Theater stolpert über die Alltäglichkeiten des Seins. Während die Frauen Aischylos im Chor sprechen, denkt die eine an ihre Kinder, die andere grübelt, wer ihr Shampoo benutzt haben könnte. Annette Scheibler ist die übereifrige, leicht wahnhafte Assistentin, Sigrun Kilger jagt zwischen den Proben dem Unkraut nach. Alexandra Kaufmann und Sandra Hartmann schlüpfen in die Rollen der Kinder, und Francesca Bettini versucht, als Regisseurin den Geist der Antike zu retten. „Der Garten“ ist kurios und ideenreich, aber in erster Linie lebt dieser Abend von den Darstellerinnen. Das Stuttgarter Figurentheater ist seit einiger Zeit wieder im Aufwärtstrend. „Der Garten“ setzt diese neue Erfolgsgeschichte in schönster Weise fort.