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Alles umgekehrt Westflügel-Prolog mit fantastischem „Sommernachtstraum – reorganisiert“

erschienen am 23.05.2005 in Leipziger Volkszeitung
von Mark Daniel

Die Sehgewohnheit – suspendiert. Die Theaterschubladen – ausgekippt im Spielzimmer der Fantasie. Und dann noch das total verwackelte Weltbild. Alles haben Charlotte Wilde, Christoph Bochdansky und Michael Vogel gehörig durcheinander gebracht. Eine Musikerin und zwei Figurenspieler sind schuld daran, dass die Besucher der Schaubühne Lindenfels an drei Abenden angenehm irritiert, amüsiert und hingerissen einem außergewöhnlichen Traum im alten Ballsaal entsteigen.

Auf den Mond schießen sie den „Sommernachtstraum – reorganisiert“. Auf dem sich ein Baumstumpf in Oberon verwandelt, kleine Elfenfiguren ein rollendes Eigenleben führen und die Erde der Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln ausgesetzt ist. „Alles umgekehrt“ lautet einer der Kernsätze dieser Ko-Produktion des Österreichers Bochdansky und des Stuttgarter Figurentheaters Vogel & Wilde (Regie Astrid Griesbach). Eine Jonglage mit Denk- und Sicht-Rastern entsteht, wenn die Männer im Kreis laufen und beim Zuschauer die Frage aufwerfen, wer hier eigentlich wen verfolgt. Oder ein herumhängendes Teil von Bochdansky aus dem Stoffgebilde gelöst wird, um ein Bein zu werden.

Eine der vielen traumhaften Ideen: Vier Kugeln rollen als Helena, Hermia, Demetrius und Lysander über die Bühne. Faktisch  getrieben von eingebauten Motoren und kunstsprachlich von der Libido, stoßen sie nach dem Zufallsprinzip im Wald aufeinander. All das perfekt getragen oder kommentiert von der dezenten Musik Charlotte Wildes, die mit elektronisch verstärkter Violine und Gitarre die Zauberwelt mitmalt. Mit spürbarem Spaß feiern die Akteure die Auflösung von Grenzen. Hier treffen sich Schauspiel, Figuren, Klang, hier verschmelzen Politik, Kindlichkeit, Philosophie, Komödie, Satire.

Dieser zweite Westflügel- Prolog, angereichert mit gewohnt witziger Installation von Jim Whiting und Daumenkino aus dem Schacks Verlag, setzt ein weiteres Achtungszeichen für das verwitterte Gebäude, das an die Schaubühne grenzt. Nach dem Kauf durch den Lindenfels Westflügel e. V. beginnt nun die Sanierung auf dem Weg zu einem internationalen Figurentheaterzentrum. Ein Traum, der bald wahr wird.