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Am deutschen Besen soll die Welt genesen

Figurenspiel / Im Fitz treibt der volkstümelnde Kasper sein Unwesen
erschienen am 15.02.2013 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Der Galgen hängt noch. Aber wo ist der Jude, der hier Abend für Abend aufgeknöpft wurde, im Finale des antisemitischen Märchens ‚Der Jude im Dorn‘? Wo ist Levi Blauspan? Hermann hat die Puppe versteckt, in seinem Mantel schleppt er sie seit Wochen umher und wartet auf den großen Tag: Wenn Kasper mal wieder versucht, nach England zu kommen, dann wird er Levi Blauspan als Luftikus verkleidet zurück ins Kasperltheater schleusen, damit er gemeinsam mit Kasper nach England fliegen kann – und endlich frei sein wird. Was aber, wenn das Krokodil Wind von der Sache bekommt?

Es ist ein irrwitziges Abenteuer, das Hartmut Liebsch alias Herrmann derzeit im Fitz unternimmt. Der Figurenspieler hat gemeinsam mit dem Regisseur Gyula Molnàr ein kleines, bitterböses Stück entwickelt, das so kühn konstruiert wie nah an der Historie ist. Denn es gab von 1938 an ein Reichsinstitut für Puppenspiel, das normierte Theatertexte zu Propagandazwecken verbreitete. Einer der Hauptakteure des instrumentalisierten Puppenspiels war Kasper, der zur rassistischen und antisemitischen Agitation eingesetzt wurde.

In ‚Herrmann geht nach Engelland‘ erweckt Hartmut Liebsch den braunen Kasper nun wieder zum Leben, den ‚deutschen, gesunden Kasper‘. Liebsch selber spielt Herrmann, den Puppenspieler, der für die deutschen Truppen Abendunterhaltung bieten soll. Herrmann macht schlechte Witze, das Krokodil singt ‚Lili Marleen‘, und Kaspar will es dem Engländer, dem ‚Regenschirm‘, mal richtig heimzahlen. Doch die Figuren, die doch eigentlich nur Handpuppen sind, führen ein Eigenleben. Das Krokodil schickt Berichte ans Institut für Puppenspiel und denunziert Herrmann. Die Oma jammert, dass ihr der Kasper ‚wie ausgewechselt vorkommt‘ und flüchtet sich in den Koffer. Und Levi Blauspan will nicht nach England, sondern lieber in Herrmanns Mantel bleiben.

Das Figurentheater widmet sich nicht alle Tage einem Thema wie der Judenverfolgung. ‚Herrmann geht nach Engelland‘ findet eine perfekte Balance zwischen existenzieller Dimension und leichtem, ironischem Figurenspiel. Liebsch versucht sich als Bauchredner wie als Handpuppenspieler und findet trotz dieser einfachen Mittel immer wieder feine Zwischentöne, lässt Platz für Melancholie und treibt das traditionelle Puppenspiel ad absurdum. So reiten Kasper und Levi Blauspan tatsächlich auf einem Besen nach England – ‚An deutschen Besen soll die Welt genesen‘. Auch zum Schluss schlägt die Handlung noch aberwitzige Haken. Liebsch hat in nur einer Stunde Theater das düsterste Kapitel deutscher Geschichte umrissen und lässt Hoffnungen, Ängste und faschistischen Wahn spüren.