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Aufgescheuchte Hühner

Die Textcollage "Romanzero disparates" im Fitz
erschienen am 06.10.2007 in Stuttgarter Zeitung
von lei

Die Geier warten schon. Einer heißt Goethe. Mit hoch erhobenem Schnabel nähert er sich dem an der Morphiumnadel hängenden Heinrich Heine. In einer surrealen Revue wollte der Stuttgarter Autor Helmut Landwehr dem sterbenden Lyriker in den Kopf schauen.

Geschrieben für Puppen und Schauspieler, wurde die Textcollage jetzt im Fitz uraufgeführt. Die kommentierungsbedürftige Überschrift montiert eigentlich zwei Titel aneinander: ein Spätwerk Heines und einen grafischen Bildzyklus Goyas, dessen düsterer Fantastik auch die Inszenierung von Horst-J. Lonius viel verdankt. Trotz einiger Schwächen sahen wir zauberhafte neunzig Minuten, was an pfiffigen Ausstattungsideen (Sylvia Wanke) ebenso lag wie an Uwe-Peter Spinner, der die Rolle des delirierenden Dichters übernahm. Mit wirrem Klaus-Kinski-Blick fantasiert sich sein Heinrich Heine in einer Art Lebensrückblick die Personen der Vergangenheit ans Pariser Krankenlager, die berühmte „Matratzengruft“.

Da sich die Gattin einen Papagei hielt, spukt Federvieh durch die Fieberträume. Richard Wagner zum Beispiel, der Heine mit antisemitischem Spott diffamierte, fuchtelt mit seinem Schwanengefieder wie mit einem Säbel durch die Bühnennacht. Die Frauen indes sind eher aufgescheuchte Hühner, jedenfalls bekommen Yana Novakova und Miriam Paul keine klare Struktur in den fliegenden Rollenwechsel der Dichterliebschaften. Dafür entschädigen wunderbare Zwischenspiele, inspiriert von Heines „Romanzero“.

Zur Ballade vom „Weißen Elefanten“ etwa entrückt uns ein Schattentraumtheater in eine exotische Fata-Morgana-Ferne. Auch Robert Atzlinger, der so manche groteske Maske überstülpt, verwandelt sich mit derart grazilem Körpereinsatz in den Goethe’schen Vogelmenschen, dass er am Ende anfängt zu krächzen. Warum? Weiß der Geier! lei