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Begeisternde „Verwandlung“

Kafkaeskes Puppenspiel
erschienen am 09.03.2010 in Mannheimer Morgen
von db

Ein wenig schauderlich muten sie schon an, die im Eingangsbereich des Mannheimer Theaterhauses TiG7 ausgestellten Insekten. Allesamt weisen sie menschliche Attribute auf, haben Augen, Knochen oder Fingernägel, und erheben in ihrem höchst wissenschaftlichen Auftreten einen Anspruch auf Wahrheit. Bereits im Vorfeld von „Die Verwandlung“ greift das Figurentheater Maren Kaun Kafkas detailliert-sachlichen Erzählstil auf.

Ungeheure Metamorphose

Fokussieren die gesammelten Exponate noch die ungeheuerliche Metamorphose, konfrontiert das Spiel mit Absolutem: Gregor Samsa findet sich zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Leise flüstert die diplomierte Figurenspielerin die ersten Zeilen der Erzählung in ein Mikrofon, während sie sacht mit der komplexen Schaukasten-Bühne aus antiken Möbeln hantiert. Hinter den Gardinen erwacht die Wirtschaft langsam, und bald ist Alex Knüttels stilechtes Puppenhaus von Leben erfüllt. Ob des versäumten Zuges ihres Ernährers, befinden sich die Eltern und Gregors Schwester in hellem Aufruhr – bald wird sich der Prokurist nach dem faulen Sohn erkundigen. Mit introvertierter Spielfreude führt Kaun die liebevoll gestalteten Puppen (Alex Knüttel) durch die mondänen Räumlichkeiten, ist Venus im Pelz und Erzähler zugleich. Dabei gestattet das Stück nur seltene Blicke auf den tierischen Leib des Protagonisten: kleiner Modellkäfer, Schattenspiel oder Käferkostüm meistern diese Herausforderung vortrefflich.
Zur stimmungsvollen Musik von Johannes Frisch, übersetzt Frank Soehnles detailverliebte Inszenierung lückenlos die literarische Vorlage auf die Bühne. Gespür für den bitteren Humor der Erzählung, kunstvolle Ausstattung und eine großartige Maren Kaun generieren eine gleichermaßen faszinierende wie unterhaltsame Illusion in der Schnittmenge von Theater und bildender Kunst, db