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Bräute Christi im engen Fußballbody

erschienen am 14.01.2005 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Premiere von "Freischwimmer" im Stuttgarter Fitz - Werkschau des Ensembles Materialtheater bis 27. Januar

Stuttgart – Die Nonnen haben Nerven: Mit Heimwerkerhämmern dringen sie in eine Atomraketenbasis ein, um als „verlängerter Arm Gottes“ die Sprengköpfe im Auftrag von George Bush in Handarbeit zu zerstören. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen atomare Aufrüstung und nukleare Bedrohung. Soweit die Zeitungsmeldung, nach der das Ensemble Materialtheater aus Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Theater Kasoka Berlin seine jüngste Produktion „Freischwimmer“ gebastelt hat. Das aberwitzige 52-Mi-nuten-Stück, in dem Gyula Molnar Regie führt, hatte jetzt im Rahmen einer umfangreichen Werkschau am Zentrum für Figurentheater (Fitz) Stuttgart-Premiere.

Fußball als Strafe des Himmels

Natürlich werden die beiden couragierten Himmelsschwestern geschnappt. Zur Strafe müssen sie im Zug der gegnerischen Fußballmannschaft zum nächsten Spiel reisen. Dass das kein Mensen überlebt, auch nicht solche mit direktem Draht nach oben, ist klar.

Nach 17 Jahren werden die beiden heilig gesprochen. Sie kommen ins Paradies, wo sie sich „schalenlosrosa“ im hautengen Fußballbody einer Mannschaft von imaginären Kampfhunden stellen. Das Fußballspiel gewinnen sie klar 100 : 0 und freuen sich diebisch darüber, dass der Ball im Brasilianischen weiblich ist: „Sie nennen ihn meine kleine Dicke“, feixt Annette Scheibler als eine der beiden putchenrunden Himmelsbräute nicht ohne Selbstironie. Gemeinsam mit Alexandra Kaufmann aus Berlin macht sie die Schwierigkeiten deutlich, „sich beim Schwimmen gegen den Strom über Wasser zu halten“.

Das ist für die Figurenspielerinnen nicht einfach, die viel Bühnenpräsenz zeigen und wenig Material. Als Zuschauer ist man zwischen Lachsalven bemüht, die beiden Themen Atomwaffen und Fußball unter einen Hut zu bringen. Bei beiden wird geschossen und es betrifft immer Massen, mit dem Unterschied, dass beim Sport die Gegner bekannt und die Regeln klar sind. So etwa könnte das hinkommen.

Die Bräute Christi kämpfen gegen Windmühlen. Wie ohnmächtig die beiden sind, zeigt Molnar, indem eine der beiden immer wieder bewusstlos zusammenbricht. In unchristlicher Wut beschimpfen sie Bombenbauer als „ignorante, egoistische Ferkel“, während sie furchtlos auf ein umgestülptes feuerwehrrotes Töpfchen als nukleare Sprengkapsel eindreschen. „Wir haben keine Angst in die Luft zu fliegen“, frohlocken die Nonnen und missbrauchen das Töpfchen als Abort für einen Fußbälle kackenden Plüschaffen. Schließlich sind sie in göttlicher Mission unterwegs. Für das selbsternannte Seelenheil lassen sie alles Weltliche hinter sich. Doch als Kaufmann klagt: „Ich hab mich an der Seele verletzt““, verbindet ihr Scheibler liebevoll den Finger.

Das klingt alles völlig abgedreht und absurd – und das ist es auch. Molnar als Meister des Objekttheaters verlangt im Grunde nicht viel von den Zuschauern. Nur uferlose Fantasie. Man sollte das hinreißend komödiantische und gleichzeitig klare Spiel der beiden Darstellerinnen auf sich wirken lassen, ohne sich durch den aussichtslosen Versuch abzulenken, einen Zusammenhang herzustellen. Man wird nicht klug. Diesen Anspruch erhebt „Freischwimmer“ auch gar nicht. Hier liegt die Wahrheit im Detail und die ist furchtbar komisch