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Carambolage. Ein Oskar für Schlemmer!

Uraufführung im Zentrum für Figurentheater, Stuttgart, am 19. September 2008 von Ilsebyll Beutel-Spöri, Puppenspielerin, kleines spectaculum
erschienen am 01.01.1970 in Puppen Menschen & Objekte, Nr 99

Carambolage – im Lexikon nachgeschlagen – ist eine Billardvariante, bei der mit nur 3 Kugeln (rot / weiß / gelb) gespielt wird und man mit der ersten die beiden anderen berühren, d.h. „carambolieren“ muss. Ich überlege: steht der Titel der Inszenierung symbolhaft für das Spiel mit Stab und Kugeln – für den Dreiklang?
Das Wanke-Ensemble und das Figurentheater Tübingen haben in einer großen Produktionsgemeinschaft zusammen mit 13 Mitarbeitern diese Aufführung erarbeitet, die als multimediales Spiel mit Figuren, Masken, Tanz, Schauspiel, Musik, Objekten, Sprache und Film angelegt ist und eine Hommage an den multimedialen Künstler Oskar Schlemmer darstellt, der vor 120 Jahren in Stuttgart geboren wurde.
Der Theaterabend steigt da ein, wo für Schlemmer bereits düstere Zeiten angebrochen waren. Die letzten Lebensjahre des Künstlers waren geprägt von Krankheit und Depression; 1943 starb er erst 55-jährig. Auf der dunklen Bühne ist ein dunkles Podest zu sehen, Menschen in einem förmlichen Sakko, Hände schreiben auf einer imaginären Schreibmaschine, überdimensional große Hände fallen dem Schreiber in den Arm. Schriften und Farben, auf die Leinwand projiziert, verdeutlichen die hoffnungslose Lage.
Die Zuschauer werden durch Zitate aus Schlemmers Briefen und Tagebüchern zu Stationen seines Lebens geführt, sein Witz und seine Fantasie leuchten auf im Rückblick auf die fruchtbaren Schaffensjahre bis 1933. Der Bühnenraum entsteht durch das Spannen von weißen Gummibändern und kommt mir in seiner Einfachheit vor wie ein Bühnenzauber.
Die Kugel spielt eine wichtige Rolle im Kanon der geometrischen Grundformen und es fasziniert, wie die Halbkugel, die soeben als Sitzmöbel fungiert hat, sich verwandelt in eine makellos glatte, leuchtende Welthalbkugel, auf der Oskar sitzt, von Fieberanfällen geschüttelt, einzelne Worte stammelnd. Bildhafter hätte die Sprachlosigkeit, in die der Künstler durch die systematische Vernichtung seiner künstlerischen und mentalen Existenz während des „Dritten Reiches“ gestoßen wurde, nicht dargestellt werden können.
Regie führten Frank Soehnle vom Figurentheater Tübingen und Enno Podehl aus Braunschweig.
Silvia Wanke hat herrlich schräge Typen entworfen und gebaut. Auch die Objekte sowie die „leeren“ und die ausdrucksstarken Masken, Kugelmänner mit schrecklich grinsendem Gesicht, Kopffüßler, die schnell vorbeisausen, die skurrilsten Gestalten, sind Schlemmers Formensprache entnommen und von Sylvia Wanke gestaltet.
Auf der Bühne sehen wir die Tänzerin Karin Ould Chih, die im vielgestaltigen, transparenten Glockenkleid selbst zu einer kreiselnden Grundform wird. Besonders faszinierend ist ihr Tanz mit langen Stangen, welche die Linien ihrer Bewegungen in den Raum werfen. Immer wieder wird die Tänzerin selbst zur Kunstfigur, ob mit Maske oder Projektion auf Gesicht und Körper, ob durch Kostüm oder die unglaublich präzise, manchmal auch akrobatische Art des Tanzes.
Robert Atzlinger, der zweite Akteur auf der Bühne, ist Schauspieler, Figurenspieler und Sprecher wechselweise oder gleichzeitig in einem. Er bringt uns als Darsteller den Menschen Oskar Schlemmer näher.
Die Musik (gespielt von Johannes Frisch und Stefan Mertin von der Gruppe rat’n X) ist mal melancholisch, mal treibend, sie illustriert unverzichtbar das Bildtheater.
Es war kein leichter Theaterabend, aber ein inspirierender. Ich meine, dass da ein Gesamtkunstwerk im Sinne Oskar Schlemmers gelungen ist! Die Hommage an den Künstler Oskar Schlemmer hat mich angeregt mich mit seiner Kunst und seiner Aussage zu befassen, wobei ich feststellte, dass viele seiner Grundgedanken auch und besonders für das Figurentheater relevant sind:
Man nähert sich den Dingen, als wäre die Welt erst erschaffen worden! Man lasse eine Sache sich frei entfalten! Man gehe vom Elementaren aus! Das Einfache ist das Wichtige!