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Damit Kinder richtig sehen lernen

Kleines Spectaculum zeigt „Die dumme Augustine"
erschienen am 08.11.2006 in Rems-Murr-Kultur, Nummer 258

Von unserer Mitarbeiterin Heidrun Gehrke Rudersberg.
Sie sieht sich als Geschichtenerzählerin, sagt die Frohnatur llsebyll Beutei-Spöri, Puppenmutter und kreativer Kopf des Theaters „Kleines Spectaculum“. Ihre Puppen zeigen kindliche Realität, ihre Geschichten arbeiten Aspekte alltäglichen Erlebens heraus. So auch das neue Stück „Die dumme Augustine“ nach dem Buch von Ottfried Preußler.

Der Aktionsradius ihres Arbeitsplatzes misst gerade mal eineinhalb Meter. Mit Ach und Krach einmal umdrehen kann man sich hier. llsebyll Beutel-Spöri bewegt sich souverän im engen Inneren ihrer Drehbühne, die rotieren kann – für den raschen Kulissenwechsel. In diesem Mikrokosmos liegen Figuren und Requisiten sortiert in der richtigen Reihenfolge, auf die sie sich blind verlassen muss, damit über ihren Köpfen gekämpft, gemotzt, gegähnt, gesprochen, gestritten und gelacht werden kann. Musikalische Illustrationen der Bühnenpartnerin Ines Fuchs bebildern akustisch die Geschichte.

„Die dumme Augustine“ ist das vierte Stück, das die Puppenspielerin in Kombination mit Live-Musik aufführt. Eine Aufbruch-zu-neuen-Ufern-Geschichte, verpackt in die Zirkus weit, die seit jeher für ein anderes Leben fern vom Kinderzimmer steht. Die Inszenierung hinterlässt Eindrücke durch das Innenleben der Figuren.

llsebyll Beutel-Spöri spielt für die Kinder: im Moment, hautnah, live. Das Geschehen wandert von der Bühne in die Köpfe der Kinder. Dort geschehen lauter wunderbare Dinge. Stücke, die ihr selbst gefallen, verwandelt sie in Puppendialoge. „Die dumme Augustine“ zeigt einen Ausschnitt aus dem Zirkusleben, in dem sich Kinder wieder erkennen sollen. „Sie können ausprobieren, wie andere Streit lösen und ihren Tag erleben“, so llsebyll, der es darum geht, „für gewisse Themen kindgerechte Formen zu finden“. Die Handhabe ihrer Puppen bleibt im geschützten, unsichtbaren Bereich, doch die Instrumente und Utensilien können die Kinder anschauen.

Behutsamer Einstieg in die Theaterwelt

Die Drehbühne mit drei Ebenen haben Bühnenbauer eigens für die Aufführung angefertigt. Verschiedene Ebenen der Geschichte, die vielen Seiten des Lebens, können so auf einem Platz dargestellt werden -wie im Zirkus alles in einem Rund, in einem abgesteckten Raum stattfindet. Das Bühnenbild folgt der Vorstellung eines historischen und fiktiven Zircuslebens, in dem die Clownfamilie in Kostümen und mit roter Nase beim Frühstück sitzt. Hat mit dem realen Clownleben nichts zu tun, „aber es gibt den Puppen etwas Spannendes“. Für Hautnah-Momente sorgt die Mischung aus Handpuppenspiel und integriertem Schattenspiel. Um Augustines Träume zu zeigen und mit ihren Wünschen zu arbeiten, entfernt sich die Handlung von der Handpuppenebene und betritt ein eigenes Reich der Träume. Puppentheater sei die erste Theaterform für Kinder, „ein behutsamer Einstieg in die Theaterwelt“, sagt die Puppenspielerin.
Ihre Puppen haben eine wohltuende Distanz, die Kindern die Angst nimmt, ins Theater zu gehen – oder die Angst vor großen Menschen. Dabei funktionieren Intimi tat und Dichtdransein: Kinder können Fragen stellen und Einfluss nehmen. „Das mobile Theater ist ein Gesprächsangebot an die Kinder.“ Daher haben im Bildertheater von llsebyll Suggestiv-Fragen („Soll ich den jetzt verhauen?“) nichts verloren.
Viele Kinder seien nervös, die Aufnahme-und Konzentrationsfähigkeit habe sich verändert. Daher müssen die Stücke kürzer sein als vor 28 Jahren, als sie anfing, Puppen zu beseelen. Ihre verschmitzten Lachfalten und das fröhliche, nachsichtige Lachen behält sie dennoch bei, auch wenn sich die Puppen-Mama beim großen Thema „Medien- und Reizüberflutung“ mal von einer nachdenklichen Seite zeigt. „Es geht auch darum, dass Kinder überhaupt richtig sehen lernen.“

Anziehungskraft der Puppen

Die Stuttgarter Puppenspielerin llsebyll Beutel-Spöri hat das Stuttgarter Figurentheater Fits mit aufgebaut, in dem sie regelmäßig gastiert. Mit eigenem mobilen Theater „kleines spectaculum“ ist sie auf Achse: in allen Bundesländern und über die Grenze hinaus auch in der Schweiz und in Österreich ein gern gesehener Gast. Die Anziehungskraft der Puppen wirkt, sobald sich in ihnen Charakter, Stimme und Eigenleben entwickeln.

Das Medium Puppenspiel ist zeitlos. „llsebyll, das war ein ganz schöner Film“, habe sich ein Kind einmal bei ihr bedankt. Andere seien ihr zur Bühne gefolgt: „Ich weiß, wie du das machst, die Puppen sind auf Schienen“ oder „Die sind ferngesteuert“, habe sie aus Kindermund schon gehört.