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Das Bein als menschenleere Autobahn

Auftakt des Festivals „Junges Figurentheater" mit „Intimitäten" von Iris Meinhardt
erschienen am 05.11.2005 in Stuttgarter Nachrichten
von Horst Lohr

Nicht nur zwei, nein, viele Seelen wohnen in ihrer Brust. Die zu suchen, ist diese Frau dem 16. Jahrhundert entstiegen. Schwebt, wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden gezogen, dem Wippen ihres Reif rocks hinterher. Als ruheloser Geist durch Raum und Zeiten. Angetrieben wird sie von Thorsten Meinhardts jazzig grundiertem Soundtrack und verfolgt von der Unzahl ihrer via Film eingespielten Ichs. Dazu durchdringt das Auge einer Mikrokamera Körper, Geist und Seele der Protagonistin.

„Intimitäten“ nannte die Figurenspielerin Iris Meinhardt ihre witzig-ironische Seelenexpedition. Sie kreist um die ewig junge Frage: Was ist der Mensch? Poetisch-philosophische Gedanken dazu hat die Identitätssucherin über die Jahrhunderte in ein dickes vergilbtes Buch geschrieben, das als einziger Gegenstand mitten auf der Bühne liegt. Aus ihm steigen in buntem Wechsel Erlebtes und Versäumtes, Sehnsüchte und Traumata auf. Alles nimmt Gestalt an in einer surrealen Bilderwelt: Als Menschlein kämpft Iris Meinhardt gegen riesige Hände. Das virtuelle Gegenüber zerrinnt in den Armen, die auf einer Leinwand als Verkörperung innerer Zerrissenheit an ihr zerren und drücken. Filmprojektionen verwandeln die Spielerin in vor Liebeslust zuckende Frauenmünder. In ihrem Körper schwimmt eine spärlich bekleidete Badenixe. Die Live-Kamera rast über Meinhardts Bein und lässt es zur menschenleeren Autobahn werden.

Die Aufführung besticht mit ihrer kunstvollen Synthese aus Darstellung, Musik, eingespielten Filmszenen und Live-Aufnahmen (Regie und Technik: Michael Krauss). Faszinierend wie Bilder und Spielerin zum komischen Porträt des Menschen als Spielball seines Unterbewusstseins verschmelzen, wenn sich die Frau sehnsuchtsvoll mit einem virtuellen Gegenüber vereinen will, das in ihren Armen zerrinnt. Oder wenn Iris Meinhardts Körper zum gläsernen Schaukasten wird, in dem jugendlich nackte Schönheit im Zeitraffer zum Skelett mutiert – menschliches Leben ist nicht mehr als ein Hauch im Weltgetriebe.