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Das christliche Patriarchat ist aus den Fugen

Im FITZ: Das Materialtheater zeigt „Passion der Schafe"
erschienen am 07.05.2007 in Stuttgarter Nachrichten
von Hort Lohr

„Ich habe noch einige Rechnungen zu begleichen mit diesem Herrn (Gott). Nicht, weil es ihn gibt, und auch nicht, weil ich an ihn glaube, sondern weil er den Menschen im Kopf herumgeht.“

Wie schon den portugiesischen Schriftsteller. Jose Saramago treibt es auch die sieben Mitglieder einer Selbsterfahrungsgruppe, ihre im Namen christlicher Religion erlittenen Traumata mit der „Kraft des Theaters“ aufzuarbeiten – als Abordnung einer riesigen Herde weltweit grasender Glaubensschafe.
Dazu nehmen sie, angeregt auch von Autoren wie Fernando Pessoa, Pier Paolo Pasolini und Karl Marx, die Geschichte des Christentums gründlich unter die Lupe. Und entdecken dabei mit gleichermaßen schlichten wie kraftvollen Bildern feinsinnige und komische Antworten auf die Frage, weshalb Religion bis in unsere Tage zur Rechtfertigung von Hass und Gewalt missbraucht wird.

„Passion der Schafe“ nennen das Ensemble Materialtheater Stuttgart und seine Gäste aus Italien und Ungarn ihre in Kooperation mit dem Figurentheater Stuttgart entstandene Bühnen-Anamnese exaltierter Sehnsucht nach dem Göttlichen. Regisseurin Francesca Bettini hat das Projekt als ironisch-babylonische Glaubensverwirrung inszeniert.

In einer Selbsterfahrungsgruppe führen die Figurenspieler Sigrun Nora Kilger, Alexandra Kaufmann, Annette Scheibler, Paolo Cardona, Hartmut Liebsch, Gyula Molnär und Alberto Garcia Sänchez religi-onsgeschädigte Gottsucher bei der Selbsttherapie vor. In Gestalt blökender Schafe, verschiedener Marias, Gott und Teufel befreien sie die Protagonisten der biblischen Geschichte von der Patina des Verklärten und lassen sie als Menschen aus Fleisch und Blut erscheinen. Dabei stürzen die sieben Darsteller die Bühne in ein perfekt choreografiertes Chaos aus scheinbarem Unvermögen und entwickeln als Experten des Komödiantischen wunderbar clowneske Spitzen gegen blinde Gläubigkeit und religiöse Ekstase.
Rund um einen auf dem Bühnenboden herumliegenden Bücherberg als Altar unzähliger Deutungsmuster des Göttlichen kehren die Teilnehmer beim gruppentherapeutischen Outing ihr Innerstes nach außen. Eine Verschüchterte verbirgt unter einer Kissenmütze die aus ihrem Kopf wachsende Sprechblase aller Gedanken, die Gott nicht sehen soll. Vom Glauben in den Masochismus getrieben, lebt eine andere den Schauder vor, der sie überfällt, wenn sie Gottes Hand auf ihrem Knie spürt.

Kunstvoll bissig geht es drunter und drüber bei dieser theatralischen Abrechnung mit religiös verbrämter Unmündigkeit. Ein deutscher Legionär in der römischen Armee beschreibt lakonisch wie ein Nachrichten-Sprecher die effektivste Art, 80 Kreuzigungen an einem Tag durchzuführen. Petrus verleugnet an Stelle Jesu dreimal den Hahn und schleppt in der Nachfolge des Gottessohns einen Mann hinter sich her, der als Vertreter einer Halt suchenden Menschheit sein Bein umklammert. Ein zornig Liebe einfordernder Gottvater schließlich thront als Patriarch auf einer Wattewolke und lässt sich wie ein Baby in des Teufels Schoß bergen – das christliche Patriarchat ist aus den Fugen geraten.