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Das Erzittern der Welt

Mit „Du Tremblement“ versetzen Figurentheater-Studenten der Musikhochschule das Wilhelmatheater in Schwingungen
erschienen am 04.04.2017 in Esslinger Zeitung
von Angela Reinhardt

Schon der Vorhang zittert, als hätte er Angst, sich zu öffnen. Einzelne Hände und Füße zögern heraus, fühlen bebend nach festem Grund. Dann aber ist die Bühne menschenleer, nur ein Tisch rumpelt quer durchs Bild. Diverse Möbel beben vor sich hin, eine Teetasse klappert auf ihrem Unterteller – das zart-porzellanene Geräusch der Furcht vorm Zerbrechen wird zum Leitmotiv des Abends. Links schlafen drei junge Herren auf ihren Instrumenten, bis sie von alt jüngferlich gekleideten Damen sanft wachgekitzelt werden. Als Koproduktion mit dem NEWZ-Festival im Stuttgarter Figurentheater Fitz zeigt die Musikhochschule im Wilhelmatheater „Du tremblement – Vom Zittern“, eine Inszenierung des zweiten Jahr gangs der Figurentheater-Studentinnen (denn es sind diesmal nur Frauen) unter der Leitung der französische Regisseure Anne Ayço Berry und Jean Pierre Larroche. Die sieben Fräuleins, deren 50er Jahre-Kleidung zwischen streng und aufmüpfig changiert, beobachten das Erzittern der Welt in den vielfältigsten Ausprägungen, angefangen bei winzigen Spielsachen, die per Motörchen über den Boden zittern. Nicht zuletzt erprobt es eine von ihnen am eigenen Leib, indem sie sich mit Eisblöcken ein reibt, dann werden Puppen durch selbst erstrampelten Strom belebt, eine Leiche aufersteht. Sie blasen eine „zweite Haut“ aus dünner Folie auf, so dass eine Art Golem des Plastiktütenzeitalters vor uns im Luftstrom bebt, lassen das Teegeschirr schließlich von einer zitternden Oberfläche zu Scherben hüpfen, sogar ein rosafarbener Wackelpudding kommt vorbei. Mit einer Vielzahl von Instrumenten nehmen die drei Musiker vom Studiengang Jazz und Pop immer wieder die töne auf, die auf der Bühne entstehen – Staubsaugerblasen und Stromsurren, hohes Quietschen und tiefes Brummen springen auf die Posaune oder die Percussion über, wo damit experimentiert wird. In artiger Schrift malen unsere Suffragetten ihre fantastischen Gedanken auf eine große weiße Wand, halten Ansprachen oder singen ihr Anliegen. Wobei die Themen recht bunt umherzittern – die rede zum „Kapitalistenschifftheater“ etwa. Vielleicht hätte man lieber mehr über die Geschichte des Zitterns erfahren, die wir in Kurzfassung erzählt bekommen, angefangen bei Sigmund Freuds Diagnose der Hysterie über Sören Kierkegaard bis zur neueren Forschung, wo unser Leben nur noch als physikalisches Experiment betrachtet wird. Durch das arg assoziative Herumspringen der einzelnen Themen wird der Abend ein wenig zum Varieté: unterhaltsam, aber eher Nummernrevue als stringentes Stück.