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Dem Tod ein Spott

Kurzweiliges Warten auf ein Zeichen Gottes: Uraufführung von „Passion der Schafe“ im Fitz
erschienen am 08.05.2007 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Stuttgart – Die Herde ist orientierungslos, der Hirte lässt sich nicht blicken. Die Frage liegt auf der Hand, würden sie ihn überhaupt erkennen, wenn er käme? Wie muss einer aussehen, der Millionen von Schafen im Zaum hält?

Persönliche Bekenntnisse

Zwei äußerst kurzweilige Stunden lang kreisen die vielschichtigen Gedanken der siebenköpfigen Gruppe bekennender Atheisten um Gott und die Welt, Glauben und Zweifel und Jesus Christus samt dem Teufel. Das Ensemble Materialtheater Stuttgart und internationale Gäste haben dabei die Religionsgeschichte aus einem sehr menschlichen Blickwinkel stark komprimiert.

„Passion der Schafe“ wurde jetzt im Fitz Zentrum für Figurentheater in Stuttgart uraufgeführt. Selten durfte bei biblischen Darstellungen voller Todesahnung so gelacht werden. Das macht den Charme der Inszenierung aus, bei der Francesca Bettini ganz undogmatisch Regie führte: keine Blaspehmie, aber auch keine Bigotterie. Annette Scheibler, Sigrun Kilger, Alexandra Kaufmann, Paolo Cardona, Hartmut Liebsch, Gyula Molnàr und Alberto Garcia Sánchez schlüpfen in mehr oder minder heilige Figuren und nähern sich ihrem persönlichen Glaubensbekenntnis aus unterschiedlichen Lebensperspektiven.

Ein Umstand verbindet die Gruppe heilssuchender Individualisten: Jeder wartet auf ein Zeichen Gottes. Susanne mit der riesigen rosa Blase auf dem Kopf, die von einem Kopfkissenbezug mehr betont als verhüllt wird, hatte bereits mit 13 heimlich Treffen mit der Jungfrau Maria und fragt sich heute noch, ob Gott wirklich alles sieht – auch die Gedanken.

Franziska wiederum weiß nicht, zu welcher Herde sie wohl gehört. Sie zweifelt an der Existenz des einen Gottes und fürchtet, dass jeder den Anspruch erhebt, der Einzige zu sein. Einer aus der Gruppe will gut sein und sieht doch die Sünden überall lauern, sogar mitten auf der Fahrbahn, die er mit einem Blinden überquert. Evita verhält sich diametral zu ihrem Namen („kommt vom italienischen evitare, alles vermeiden, was mir schadet“). Sie hatte bereits mit zwölf ein Beichtstuhlerlebnis der erotischen Art: „Ich leide und ich liebe es.“

In wunderschönen Standbildern präsentiert sich die (un)heilige Familie unterschiedlichster Marias hingebungsvoll. „Wir sind eine Herde unwissender Schafe, aber wir tun unser Bestes.“ Maria Muttergottes hat das Recht banal zu sein, ihr Sprössling wirft mit Steinen nach dem Esel und klaut Obst, und Maria Magdalena ist schwanger und darf ein Kind kriegen.

Leidenschaft und Chaos

Das Spiel auf der Bühne ist chaotisch, leidenschaftlich, emotional und es ist mit allen Sinnen begreifbar. Mariä Verkündigung ist eine göttliche Performance, in der der Engel des Herrn sprach: „Ich bin ein Engel, aber sag es keinem weiter.“ Der Kindermord in Bethlehem durch die Soldaten des König Herodes ist allerdings übers Ziel hinausgeschossen und zu slapstickhaft geraten. Dafür haben die modernen Atheisten eine bessere Idee, was man mit dem schnöden Mammon anfangen kann, von dem Jesus einst den Tempel befreite: „Man kann Gutes damit tun“, beispielsweise den Techniker bezahlen.

Die Autorenschaft des Matthäusevangeliums wird frech durchleuchtet – war’s der Ex-Zöllner oder ein anderer Apostel? Und auch die Kreuzigungsszene verliert in der unverkrampften aber nicht respektlosen Darstellung an scheinheiliger Dramatik: Tut ein Vater seinem Sohn so etwas an? Wie intensiv die Recherche für die „Passion der Schafe“ war, zeigen die Bücher, die stapelweise aufgeschlagen am Boden liegen. Am Ende sind sie zugeschlagen. Es gibt keine allgemeingültige Antwort und die zweibeinigen Schafe blöken munter weiter auf der ebenso qualitätvollen wie unterhaltsamen Querbeet-Suche nach dem Heilsbringer.