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Der braune Kasper

'Herrmann geht nach Engelland' im Stuttgarter Fitz
erschienen am 16.02.2013 in Esslinger Zeitung
von Markus Dippold

Stuttgart – Was haben wir gelacht als Kinder, wenn der fröhliche Singsang ertönte. Zum „Tritratralala“ kam der Kasper auf die Bühne, und man wusste: Jetzt gibt es Spaß und Unterhaltung. Heute tönt dieses „Tritratralala“ im Stuttgarter Figurentheaterzentrum alles andere als fröhlich. Der Kasper aus dem Stück „Herrmann geht nach Engelland“ ist ein ziemlich unangenehmer, eben ein brauner Geselle, frisch importiert aus der NS-Zeit. Man glaubt es kaum, doch damals gab es ein „Reichsinstitut für Puppenspiel“, das den Kasper, die Großmutter und das Krokodil zu Propagandazwecken an die Front schickte. Daran knüpft Hartmut Liebsch an, der gemeinsam mit Gyula Molnar dieses Stück entwickelt hat, das jetzt im Fitz zu sehen ist. Liebsch spielt darin den Puppenspieler Herrmann, der 1941 von der Ostfront ins besetzte Frankreich geschickt wird zwecks Unterhaltung von 2200 Matrosen und Soldaten. Also hat er die üblichen Verdächtigen im Gepäck: Großmutter, Kasper, Krokodil und – natürlich in den finsterbraunen Zeiten – den Juden Levi Blauspan, der schon viele Male die Hauptrolle im Erfolgsstück „Der Jude im Dorn“ übernommen hat. An der kleinen Puppenbühne auf dem Handkarren hängt noch der Galgen, an dem dieser Levi regelmäßig zur Erheiterung der Truppen gelandet ist. Doch Herrmann und Levi haben einen Plan gefasst: Herrmann will Levi die Flucht nach England ermöglichen, also hat er ihn in seiner Jacke versteckt, wo Levi darauf wartet, in die Rolle des Luftgeistes zu schlüpfen, um den Kasper zu täuschen.

Strammer Volksbursche

Ja, der Kasper ist keine freundliche Figur, sondern ein strammer Volksbursche, der sich – „frisch, fromm, fröhlich, frei“ – mit Leibesübungen in Form bringt, einen ziemlichen Kommandoton am Leib hat, am liebsten zu zackiger Marschmusik auftritt und dessen Theater selbstredend aus „deutschem Kruppstahl“ ist. Da erkennt sogar die Großmutter ihren Enkel in diesem fiesen Gesellen nicht mehr, der gar keinen Kuchen mehr von ihr will, denn er hat ja seine Reichsbrotkarte. Es ist also vieles anders in diesem klug konzipierten Stück, das geschickt zwischen Historie und Fiktion balanciert und damit ein heute weitgehend unbekanntes Propaganda-Medium der NS-Zeit vorführt. Zwischen Ironie und Groteske hat Hartmut Liebsch sein Stück angesiedelt. Das zeigt sich schon daran, dass seine Puppen meist gebrochene Figuren sind. Das Krokodil etwa. Einst wurde es zum Opfer des Reichsinstituts, man hat es gefoltert und ihm die Hinterbeine amputiert. Heute spioniert es scheinbar Herrmann aus und kabelt in hoher Frequenz Berichte ans Reichsinstitut. Dazu trägt es ein schwarzes Samtkleid und grummelt in tiefster Basslage „Lili Marleen“. Es sind solche Doppelbödigkeiten, die das Stück „Herrmann geht nach Engelland“ so faszinierend machen. Denn hinter dem scheinbar Amüsanten steckt eine tragische Note, eine melancholische Ebene, die im nächsten Augenblick auf ungeheuren Wortwitz trifft, etwa wenn der „jiddelnde“ Levi und sein Puppenspieler Herrmann sich über diesen Dialekt unterhalten. Natürlich gibt es auch allerhand fantastische Elemente und Absurditäten, etwa den gemeinsamen Flug von Kasper und Levi auf einem Besen nach England: „Am deutschen Besen soll die Welt genesen“. Wie es sich gehört, arbeitet das Stück auch mit Überraschungen: Am Ende frisst das Krokodil den fiesen Kasper und schwimmt mit Levi in die Freiheit und Herrmann geht ins Wasser. Eine fantastische Parabel hat sich Hartmut Liebsch ausgedacht, der im schwarzen Anzug mit Melone und Schirm ein Meister des Puppenspiels ist, dabei viele wechselnde Stimmen zur Verfügung hat und sich auch achtbar als Bauchredner schlägt.