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Der Ehemann ist an allem schuld

erschienen am 05.06.2013 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Figurentheater Halbzeit bei der ' Animierten Stadt': das Festival überrascht oft - und enttäuscht manchmal auch. Adrienne Braun

Ein Wannenbad würde vermutlich nicht schaden. Das Oberteil müsste auch mal in die Wäsche. Keine Frage: diese Frau hat schon bessere Zeiten erlebt. Jetzt zieht sie mit ihrem Hackenporsche und zahllosen Plastiktüten durch die Straßen, weil sie kein Zuhause mehr hat. Schön ist sie wahrlich nicht anzuschauen mit ihren Leggings, durch die sich das Oberschenkelfett drückt. Die Haare sind ausgedünnt, lang und fettig, die Nase rot und knollig, das Gesicht grau und speckig.

Es ist eine meisterhafte, komische wie prägnante Maske, die Julia Raab angefertigt hat. ‚Die Dicke‘ nennt sich ihr Bühnensolo, bei dem sie eine Frau porträtiert, die aus der Bahn geschleudert wurde und eigentlich nichts mehr im Griff hat außer ihrem Kofferradio, dem sie ein paar tröstliche Klänge entlockt. ‚Die Dicke‘ ist die Abschlussinszenierung von Julia Raab, die am Stuttgarter Studiengang Figurentheater studiert und ihr Solo nun als Preview vorgestellt hat beim Festival ‚Die animierte Stadt‘. Bis Sonntag zeigen Studenten europäischer Hochschulen und Berufsanfänger im Fitz, in der Musikhochschule und im Wilhelmspalais ihre Stücke. Ein Schwerpunkt des Festivals ist dem Straßentheater gewidmet, das allerdings wegen des Regens bisher nicht immer stattfinden konnte.

Julia Raab ist in jedem Fall ein vielversprechendes Talent. In ihrem Solo bilanziert sie ohne Text eine traurige Lebensgeschichte, die ahnen lässt, dass auch diese gescheiterte, tragikomische Frau, die jenseits der Gesellschaft lebt, Sehnsüchte und Träume hat. Mit spärlichen und schäbigen Requisiten, mit Zimmerpflanze, Supermarktpalette und wenigen Kleidungs­stücken entwickelt Raab eindrückliche Szenen und zeigt, wie die Frau einen Mann kennenlernt – dargestellt durch nichts als einen Mantel, wie sie heiraten und zwei Kinder bekommen. Das ist traurig und schön, anrührend und witzig – und wird getragen von der großen Frage, warum diese Frau auf der Straße gelandet ist. Schuld daran war der Mann, der sie eines Tages ausgetauscht hat durch eine andere, eine dünne Barbie-Puppe.

Es ist dramaturgisch sicher nicht allzu raffiniert, dass der fremdgehende Ehemann sie aus der bürgerlichen Ordnung herauskatapultiert, aber Julia Raab kriegt doch noch die Kurve, indem sie die Ereignisse zuspitzt: Die Dicke fackelt kurzerhand das gemeinsame Haus ab.

‚Die animierte Stadt‘ ist ein Festival für die Öffentlichkeit, aber soll auch den Austausch innerhalb der Szene fördern. Die meisten Zuschauer der ‚Dicken‘ im Fitz sind Studenten, sie lachen und toben, als sei Julia Raabs Solo waschechte Comedy. Dabei ist diese kleine, feine Inszenierung subtil, melancholisch und bitter, ist hier selbstironisch, dort scharf gesellschafts­kritisch. Aber einerlei, was Raab tut, das junge Publikum quittiert es mit lautem, herzhaft amüsiertem Gelächter. Die Besucher scheinen im Studium zwar zu lernen, Theater zu spielen, aber nicht, es differenziert zu rezipieren. Man kann eine feinsinnige Vorstellung mit Schenkelklopfgelächter nämlich auch kaputtlachen.

Die Studenten des Institut del Teatre aus Barcelona haben in jedem Fall ihr Handwerk gelernt. Im Fitz haben sie das Stück ‚Zwei buffoneske Altarbilder und ein tragischer Chor‘ gezeigt, eine krude Aneinanderreihung grotesker Szenen, deren Sinn sich nicht erschließt, auch wenn bedeutungsschwere Sätze fallen wie ‚Alle sechzig Sekunden verlieren Sie eine Minute‘ – angeblich geht es um die ‚Utopie von einem besseren Morgen mit mehr Geld, mehr Glanz, mehr Sinn, mehr Zeit‘.

Diese bunte, multikulturelle Truppe hat viel Fantasie in den Abend gesteckt und marschiert mit kurios überzeichneten Kostümen auf, mit riesigem Busen oder einer um den Hals gewickelten Stoffschlange. Einer trägt zahllose Uhren am Arm – und alle üben sich in der Übertreibung. Sie kichern irre oder ziehen gruslige Fratzen. Sie klettern über eine Leiter, geben sich geil oder grimmig.

Auch wenn die Truppe unter einem Tuch verschwindet und sich aufwölbt wie ein Tier, hat das wenig mit Figurentheater zu tun, für das es zwar keine Marionetten braucht, aber doch eine Auseinandersetzung mit Figur oder Material. Aber diese lose Szenenfolge ist nicht nur als Figurentheater unbefriedigend, sondern bietet nicht mehr als Module aus der Schauspielausbildung. Schauspieler müssen Wut und Freude, Angst und Schrecken ausdrücken können. Reiht man diese Affekte aneinander, ergibt sich noch lang kein Theaterstück. Aber dazu will das Festival ‚Die animierte Stadt‘ auch da sein und dem Unfertigen ebenso ein Forum bieten wie unkonventionellen und experimentellen Projekten. Da ist es letztlich doch von Vorteil, wenn die Zuschauer dankbar über alles und jeden lachen.